Der letzte Intellektuelle. Frank Schirrrmachers außerordentlicher Blick auf die Wirklichkeit

Der Spiegel hat es in seiner 34. Ausgabe (über die Beliebheit der Politiker) bemerkt. Schlechter noch als die Politiker kommen in der Öffentlichen Wahrnehmung die Intellektuellen weg. In der gesellschaftlichen Debatte der Deutschen fehlen sie nämlich.

Einer der wenigen Ausnahmen ist FAZ Herausgeber Frank Schirrmacher. Nach „Payback“, einem Buch, das einen wirklich inspirierenden Blick auf die neue connected World wirft (mal ganz unabhängig davon, ob mal die Schlussfolgerungen teilt) hat er jetzt zu Sarrazin Stellung bezogen (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.08.2010, Nr. 34 / Seite 21, Bei Bedarf beim Autor).

Schirrmacher bringt Sarrazins Thesen auf den Punkt:

„… mit jeder Seite, die man liest, wird klarer, dass es sich hier nicht um ein bildungsbürgerliches Traktat handelt, sondern um die Etablierung eines völlig anderen Kulturbegriffs. Es geht um die Verbindung von Erbbiologie und Kultur und damit letztlich um, ein Wort, das Sarrazin (Darwin zitierend) so unerschrocken benutzt, wie einst Gottfried Benn, „Zuchtwahl“ und „Auslese“. Sarrazin redet nicht von Goethe und Schiller, obwohl auch Dichter in seinem Buch vorkommen. Kultur ist ihm der Reflex biologischer Prozesse. Die Schichtenabhängigkeit des generativen Verhaltens in Deutschland – die Tatsache, dass immer mehr Kinder in Unterschichtenmilieus geboren werden – führt zwangsläufig zu einer Verdummung der Gesellschaft, Aufsteigerkarrieren widersprechen dem Befund nicht.“

Der Essay ist aber auch deshalb lesenswert, weil er es vermeidet, sich einem „Pseudo-Lager“ zuzuschlagen, nämlich dem der Gutmenschen, die sich gegen Sarrazin öffentlichkeitswirksam empören, -um danach weiter zu machen, als wäre nichts geschehen:

„Es wurde von einer Politik geschrieben, die seit Generationen nicht mehr in Generationen denkt, sondern in Monaten. Sarrazin ist lediglich der Ghostwriter der Gespenster, die uns jetzt heimsuchen. Umso erstaunlicher die Vorabrezension der Bundeskanzlerin, die das Buch wahrscheinlich nicht sehr konzentriert gelesen hat. Sarrazins Buch sei „nicht sehr hilfreich“ bei der Integrationsdebatte, ließ sie über ihren Regierungssprecher mitteilen. Sie ist damit, wie auch der inexistente neue Bundespräsident, im Begriff, die Spaltung der Gesellschaft zu befördern. Jeder, der Sarrazins Buch gelesen hat, weiß, dass er gut begründet, warum die Politik bisher nicht hilfreich war.“

Die Botschaft: Auch die Apologeten einer falschen Schlussfolgerung sind hilfreich in einer Debatte, die in falscher Oberflächlichkeit selbstgenügsam weiter wursteln will.

Was bedeutet: Die Debatte wird ernst, sei verlässt den Dunstkreis PR-dominierter Selbstreflektion der Politik. Die Frage steht: Wo liegt die Zukunft Deutschland. Das Panorama ist abgesteckt. Jetzt kommt es darauf an, dass diejenigen, die rassistische und eugenische Weltbilder ablehnen, mal wirklich auf den Tisch legen, was zu tun ist, um die Potentiale aller Inländer und Inländerinnen zu entwickeln. Und mal mit der bildungsbürgerlichen Selbstbespiegelung der deutschen Öffentlichkeit aufzuhören. Deutschland ist vielfältiger als wir meinen. Und die Potentiale von Einwanderer kann nicht nur die deutsche Nationalmannschaft entdecken. Aber wo bleiben die Bildungspolitiker, die Feullietonisten, die Intellektuellen, die sich mit den Fragen von Diversität, dem Entstehen einer Neuen Deutschen Wirklichkeit, dem Entstehen eines neuen gesellschaftlichen Konsenses, (und das wird nicht die Adaption von Einwanderer in eine deutsch-bildungsbürgerliche Wirkilchkeit sein!) in seinen Licht- und Schattenseiten ihren mentalen Einsatz zollen?

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