Der Dialog von Grünen und Wirtschaft. Ein paar Wahrnehmungen. Und Anregungen.

Der Spiegel schreibt es ,die Zeit hat es geschrieben, jetzt also auch das Handelsblatt: „Die Wirtschaft” will mit den Grünen reden. Ganz offiziell.

Eine Geschichte. 30 Jahre alt

Ich erinnere mich: Nach meiner Zeit bei den baden-württembergischen Grünen, also 1989, hatte ich in einer Agentur eine Kampagne für einen Unterverband der Chemieindustrie zu betreuen. Die wussten nicht, dass ich von den Grünen komme. Wir haben den Beirat mit einem der Kritiker besetzt, was die beteiligten Personen erst abgelehnt, dann nicht geglaubt haben, dass er kommt.
Er, dessen Namen wir hier nicht nennen wollen, war dann doch da, erklärte freimütig, er wisse, dass es hier um PR ginge, aber er könne sich die Finger wund schreiben, wenn sich die Industrie nicht ändere, würde sich einfach nichts bewegen.
Nach diesem denkwürdigen Kick-Off, als sich auch nach und nach herausstellte, dass zwar alle in der Branche immer über ihn, aber (eine Ausnahme, der technologische Marktführer!) keiner mit ihm geredet habe, waren alle Feuer und Flamme. Der Beginn eines kritischen Dialogs. 1989. Heute schreiben wir 2019. Nur, damit wir erkennen können, wie lange Trendverschiebungen benötigen, um in der Mitte der Gesellschaft anzukommen.

Einige Wochen oder Monate später, inzwischen war bekannt, welchen Stallgeruch ich hatte, erzählte mir einer der Geschäftsführer eines Mitgliedsunternehmens, was ihn wirklich umtreibe: Nicht diese Umweltschützer, damit könne er umgehen. Was ihn wirklich belastet hat, war, dass seine Frau und seine Kinder zu ihm meinten, mit seinem “Chemiezeug” könne er in der Firma bleiben. Und die Konkurrenzprodukte mit dem ökologischen Marketing kauften.

Das Private ist politisch, dieser aus der 68 Zeit stammende Spruch bekam damit seine reale Bodenhaftung. Alles ist Kampagne.

Dreißig Jahre später

Was die Politik lernen muss: Dass es nicht nur darum geht, das Richtige zu sagen, sondern dass es darum geht, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zum Wichtigen zu machen. Die Dinge auf den Weg zu bringen.
Und was können Unternehmen lernen? Politik macht, strukturiert und definiert Märkte. Es gibt Parteien, die halten alte Märkte offen, maximieren das Gestern (Ein Schelm, wer CDU dabei denkt), es gibt Parteien, die reden schön, kneifen dabei aber (dafür stehen Blau und Gelb). Die Farbe Rot lebt strukturell noch im Zeitalter des Manchesterkapitalismus: Viel und Groß hilft viel.
Und Grün? Eine Art politisches Trüffelschwein. Sie thematisieren, skandalisieren, konzipieren. Alles wichtig, alles richtig, alles sofort. Klar, dass da immer gleich Hilfsprogramme, Fördermittel, Umbaupläne gestrickt werden.

Wie sich unter grünem Agendasetting die politische Welt geändert hat

Erkenntnis Nr 1: Ein Umbauplan ist umso radikaler, je größer die Unternehmen, je weiter weg vom Kunden das Produkt ist. Und je indirekter sich die Kosten zeigen. Deswegen war die Energiewende einfacher als die Verkehrs- und Agrarwende.

Erkenntnis Nr. 2: Politik kann Themen setzen. Inzwischen, wir blicken nach Berlin, denken an die Enteignungskampagne, den Mietenstopp, den die Landesregierung jetzt anstrebt und relativieren: NGOs können in Zusammenspiel mit Medien und Politik die Themen setzen und dann die Agenda maßgeblich gestalten. Und zwar in einem ergebnisoffenen Prozess.

 

Wie Wirtschaft, wie ein Teil der Unternehmen vom wahrgenommenen Problem zum Problemlöser wird.

Bisher sind Unternehmen davon ausgeschlossen, sie gelten als “Lobbyisten”, die nur ihre eigenen Interessen und die nur hinter verschlossenen Türen verfechten. Der Dialog hinter den Kulissen hat in vielen Bereichen bisher gut funktioniert, denken wir an Matthias Wissmann, den Autolobbyisten, für den immer ein roter Teppich ins Kanzleramt bereit lag. Hat lange funktioniert. Hat so lange funktioniert, bis die Realität, der Klimawandel, die nationale, europäische und globale “Beschlußkulisse” die Widersprüche offengelegt hat. Und die Konkurrenz aus dem Ausland, Toyota mit dem Hybrid, Tesla mit dem Elektroauto, gezeigt haben, dass es anders geht. Jetzt ist erstmal auch die Wertschöpfung anderswo.

Was lernen wir?

  1. Industrie kann kurzfristig fokussiertes Lobbying machen und längerfristig ausgerichtetes. Die Chemie-Industrie hat ihre Lektion frühzeitig und blutig gelernt, die Pharma-Industrie, die Autoindustrie übt derzeit noch, der Bauernverband hat es noch nicht verstanden.
  2. Die Politik der Spitzendialoge, in denen alle mit allen reden, ist meines Erachtens am Ende. Da werden müde Branchenkompromisse miteinander abgeglichen und mit müden Koalitionskompromissen abgeglichen. Am Ende produziert das zahnlose Papiertiger. Und viele Strategiepapiere der vergangenen Bundesregierungen addieren ohnehin lediglich vorhandene Programme unter “sexy” Überschriften zusammen.
  3. Sprechen wir es aus: Nicht nur Wirtschaft ist das Problem, auch die Verfahrensweisen der Politik sind ein Problem. Längst hat sich die innerparteiliche Meinungsbildung von der Wirklichkeit entfernt. “Semantische Strategien” dominieren die Politik, was nichts anderes heißt als Glaubenssätze, sprachliche Konstrukte, (Grün liebt hier den Begriff -umbau), die rituell vorgetragen werden. Oftmals ohne Verfallsdatum, je länger, desto lieber.
  4. Aufmerksamen Beobachtern wird nicht entgangen sein, dass diese “konzeptionelle Politik”, sprich “semantische Strategien” zwar beim Parteifunktionär, aber längst nicht mehr beim Wähler, bei der Wählerin ankommen. Die SPD lernt das seit Jahrzehnten, und zwar ziemlich blutig, nicht, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was “die Partei will”, das sind nämlich thematische Schwerpunktsetzungen, Begriffe und Konzept, mit denen einzelne Politiker aufsteigen und dem, was die Bevölkerung fühlt: Dass sie das nicht mehr verstehen. Und dass das alles keine Auswirkungen hat. Das macht sie zornig und zwar jetzt, am Ende der Dienstzeit von Angela Merkel, auch zunehmend die Wählerinnen und Wähler der CDU. Die Folge: Die politischen Zuordnungen: Linkes Programm, rechtes Programm, greifen nicht mehr. Die CDU kann schon lange nicht mehr sagen, was konservativ ist. Winfried Kretschmann übrigens kann das. Weil er in die Bevölkerung hineinhört. Und nicht nur den politischen Gegner schlagen will.
  5. Jetzt kommen die aufgeweckten Unternehmen, die verantwortungsbewußte Wirtschaft ins Spiel. Deutschland liebt die Idee der sozialen Marktwirtschaft. Sonntags beschwört sie diese sogar. Aber Deutschland hat längst keine soziale Marktwirtschaft mehr, das Konstrukt der Nachkriegszeit ist tot. Die Globalisierung hat den inneren Konsens angefressen, über Globalisierung und die Dominanz der Finanzmärkte ist sie längst aufgefressen. Die Frage ist jetzt, wie kann Deutschland, wie kann Europa im globalen Spiel der Märkte sich behaupten, global wieder mehr punkten und dem inneren Zusammenhalt, Gerechtigkeit und Chancengleichheit wieder mehr Gewicht geben. Da gibt es kein Rezeptbuch, kein Parteibuch, da gibt es nur eine realitätsadäquate Wahrnehmung. Und, ad hoc, die richtigen, weil wirksamen Maßnahmen. Was ist richtig in einem Multi-Level- und Multi-Stakeholder Spiel der Kräfte? Meine Antwort: Nüchternheit, Entschiedenheit und die Bereitschaft aller Beteiligten, einen Beitrag zu leisten.
  6. Wenn ich mein eigenes politisches Weltbild und seine Veränderung reflektiere, stelle ich fest: Nie war weniger Habermas in unserer Gesellschaft als heute. Und gleichzeitig: Nie war mehr Habermas als in der politischen Selbstreflektion der Akteure. Habermas, das Ideal des herrschaftsfreien Diskurses, die Idee des abstrakten Meinungsaustauschs, unabhängig von Interessen, war vorgestern (Sein 90jähriger Geburtstag auch). Wobei die Auswirkungen, hier vor allem das ganze Compliancegedöns, zuallererst Paperwork, wissenschaftliche Evidenz, die sich zu oft als die Herrschaft der Gutachterindustrie und der ausgetretenden Pfade entpuppt hat, weiterhin fröhliche Urstände feiert. Was wir benötigen, ist ein echter Meinungsstreit mit echter Meinung, Haltung, Emotion, Handfestigkeit, der Bereitschaft zu handeln, dem Risiko, zu scheitern.
  7. Der wahre Grund, warum Unternehmer so gerne mit Grünen sprechen: Sie, also diese Grünen, wissen, warum sie was tun. Selbst, wenn es Unterschiede darin gibt, wie man die Welt sieht: Die Diskursfähigkeit der Grünen, die Bereitschaft, auch bei strittigen Fragen im Gespräch zu bleiben, wenn erkennbar ist, dass der Gegenüber an einer Lösung interessiert ist, das ist die Stärke der Grünen. Und das macht die ehrliche Freude von Unternehmern, wenn sie tatsächlich mit den Grünen ins Gespräch kommen, aus.
  8. Allerdings: Mit Unternehmern und Managern ist es wie mit allen echten Entscheidern: Im Unternehmen haben sie die Macht, im öffentlichen Diskurs, bereits im vertraulichen Fachdiskurs eben nicht mehr. Viele Wege führen nach Rom. Und deswegen ist es auch unter veränderungsbereiten Unternehmern und Managern notwendig, den Austausch zu suchen, Prioritäten zu setzen und gemeinsame Strategien auszuhandeln, gemeinsame Wege zu gehen. Der Ansatz, Gespräch, Verhandlung, ist derselbe wie beim Spitzengespräch, nur das Setting ist anders: Die Anerkennung, dass es gemeinsame Anliegen gibt, die Bereitschaft, eigene Konzepte vor dem Hintergrund anderer Erfahrungen oder der aktuellen Situation zu revidieren, die Konzentration auf Richtung und nächste Schritte. Reden als Probehandeln.

Die Lösung: Der Grüne Wirtschaftsdialog

Miteinander reden ist der erste Anfang. Weil es darum geht, klimapolitische, auf globalen Ausgleich und inneren Zusammenhalt gerichtete politische Konzepte mit unternehmerischen Erfahrungen und Strategien zu spiegeln und daraus Orientierung und Maßnahmenpakete zu entwickeln, deswegen engagiere ich mich beim Grünen Wirtschaftsdialog (www.g-wd.de). Unternehmen mit Haltung brauchen einen von Politik unabhängigen Raum, in dem sie diese konzeptionelle Auseinandersetzung untereinander und mit grüner Politik führen und daraus neue Konzepte entwickeln kann.

Es geht voran. Geschichte wird gemacht. (Fehlfarben, 1980).

 

Nur immer wieder anders.

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