Davos. Jammern, wenngleich auf hohem Niveau

Ungewohnte Töne. In Davos jammern sie jetzt. Freilich auf hohem Niveau, aber trotzdem. 

Was ist anders als früher? Es ist ein Multistakeholder-Multilevel Jammern. Und die selbsternannten Big Bodies der Welt: Sie sind längst mehr Master of Deseaster geworden als Master of the Univers. 

Was neu ist und deshalb so irritierend: Nie war weniger Macht als heute. Der Westen ist vom Treiber zum Getriebenen geworden. 

Die Treiber: 

  • Der IS, wobei, wenn man genauer hinsieht, natürlich auch dieser schockierende Treiber Spielball ist. Iran oder Saudi-Arabien, Sunniten oder Schiiten. Wir sehen da nicht durch. Und auch sie sind Getriebene: Der Ölpreis sinkt. 
  • China, der Wachstumsmotor, ist eingeknickt. Gut für die Ökologie, sagen die Ökologen. Das stimmt aber nicht, weil richtiges Wachstum notwendig wäre für die Ökologisierung der Wirtschaft (Energieverbrauch) und den Westen. Und, Soros hat in Davos drauf hingewiesen, China ist überschuldet. Die Schuldenlast betrage das Dreifache des Bruttoinlandsproduktes. 
  • Russland, das Land im Endspiel. Verhöckerung seiner Rohstoffe, ohne dass ein rohstoffunabhängiges Wachstum sichtbar wäre. Das Entstehen einer Mittelschicht schon gar nicht. Russland bleibt oligarch. 
  • Digitalisierung. Schöne Geschichte, gelesen im Manager Magazin 2/2016. Leverton, ein Startup, produziert Anwaltsmaschinen http://l.manager-magazin.de/FYKFMEaN Ob man geschockt ist oder erleichtert, hängt davon ab, ob man als Anwalt sein Geld verdient; -oder genervt davon ist, dass die Herrscher der symbolischen Welt, gemeinsam mit denen der Finanzwelt die Macht übernommen haben. 

Also, auch die Treiber sind getrieben. 

Was ich damit sagen will: Es gibt eine Vielzahl von „Feinden“ „des“ Westens. Und der Westen selbst ist auch nicht mehr das, was er war. Ein Blick in die USA und wir sehen, dass es Oligarchen nicht nur in emerging countries (und failing states wie Russland) gibt. 

Der Westen muss sich gleichzeitig behaupten und neu erfinden. Er muss andere Länder partizipieren lassen, selbst besser werden und die innere Balance aufrechterhalten. Und damit sieht „Der Westen“ im Westen gleich ganz unterschiedlich aus.

Der Hinweis auf die Juristenroboter war nicht zufällig: Jetzt erobert sich der Algorithmus viele bisherige Arbeitsplätze der „Wissenarbeiterklasse“. Die Verunsicherung in der Gesellschaft, die bisher nur die nichtakademisch gebildeten traf, zieht jetzt in in die Mitte der Gesellschaft, Journalisten, Juristen sind davon betroffen, Bestandssicherung und Veränderungsbereitschaft sind plötzlich Fragen, die links und rechts von uns allen aufschlagen. Egal, ob politisch links, rechts oder mitte. 

Innen oder außen, das sind Kategorien von Gestern

Innen oder außen, das sind Kategorien von Gestern. Spätestens, seit Angela Merkel „Welcome Syrians“ gerufen hat und gehört wurde. 

Jetzt ist auch wieder mal die Europäische Einheit von Gestern. Und zwischen den Appellen von Einigkeit wachsen die Mauern hoch. In den Fernsehdebatten wird über Begrifflichkeiten gestritten, bei mir verstärkt sich der Eindruck, dass die debattierten Begrifflichkeiten nicht geeignet sind, die Welt zu begreifen. 

Oder gar: Flüchtlingsströme zu lenken. 

Angela Merkel, deswegen gefällt sie mir so gut, hat von Anfang an beschrieben, wie das Problem zu lösen ist. Oder auch nicht: In Syrien, in der Türkei, in Europa. Und da will sie einen Beitrag leisten. 

Was, wenn die mächtigste Frau der Welt, Angela Merkel, gar keine Macht mehr hat?

Was ist aber, wenn die „mächtigste Frau der Welt“ nicht mehr die Macht hat, zu gestalten? Weil eine Menge anderer Länder (eigentlich alle in Europa), eine Rechnung mit ihr offen haben, eine andere Agenda haben (noch ein bißchen weiter schwimmen auf der Illusionswelle, es könne alles so bleiben)?

Meine These: Wir scheitern nicht an der Wirklichkeit. Denn das stellt sich erst später raus, ob). Sondern daran, dass wir in der Weltbildillusion leben, man könne sich Zukunft vorstellen, es könne einen Plan geben. Gerade diejenigen, die in einem linksintellektuellen Umfeld mit unerschütterlichen Planvorstellungen und eiserner Papier- und Konzeptgläubigkeit aufgewachsen sind, denen fällt es schwer, zu sagen: Wir haben keinen Plan. Wir müssen uns vortasten. Und wir müssen dabei den Mut haben, das gesellschaftliche Rollenspiel, die institutionelle Balance neu zu definieren, weil die Alte nicht mehr funktioniert. 

Wir verzweifeln nicht an der Wirklichkeit, sondern dem Bild von der Wirklichkeit, das wir uns gezimmert haben

Auf ne Formel gebracht: Nicht entweder – oder, sondern sowohl – als auch. Den Anspruch aufgeben, eine Weltformel zu finden und sich darauf konzentrieren, das Notwendige zu tun. Anything goes, die Thesen des anarchistischen Wissenschaftstheorikers Paul Feyerabend, könnte ein gutes Leitmotiv sein. Oder Markus Gabriel, warum es die Welt nicht gibt. Oder Taleb, Antifragilität. Gutes Buch mit zahlreichen Ideen, wie man die Welt neu begreifen kann. 

Sich auf das Notwendige und Nächste konzentrieren. Und nach rechts und links sehen, was Veränderung auslöst.

Neues entsteht, indem man es macht. Und sich dabei unsieht, welche Folgen es hat. Nicht durch unendliche Debatten von Zuschauern oder längst bedeutungslos (weil zu viele Ebenen, zu wenig nationale Durchgriffsrechte, zu viel Karrierebewußtsein, zu wenig Konfliktbereitschaft) gewordenen Politikern.

Womit ich meine: Politiker können Weichen stellen. Aber nur, wenn sie der Gesellschaft gleichzeitig klar machen können, dass sie die Welt von morgen nicht wieder zu schönen alten Wessiwelt von Gestern machen können. 

Es ist Aufbruch im Westen. Die Frage ist nur, wer mit aufbrechen will. Und wer nur weiter schwadronieren will. Und die anderen machen lassen.  

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