Das Wissen der Welt. Gut organisiert.

Ulrich Johannes Schneider, Leiter der Universitätsbibliothek Leipzig hat in einem bemerkenswerten Beitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 2.3.2010 eine fast klassische Konstellation der globalisierten Moderne beschrieben: Die Übernahme öffentlicher Aufgaben durch private Institutionen. Viele der beschriebenen Entwicklungen finden sich auch bei anderen Projekten, Stichwort Suchmaschinen, wieder. Perspektiven in Zeiten einer Epochenwende.

Auf einen Nenner gebracht: Den politischen Bemühungen von Bibliotheken, dem Google Books Projekt etwas entgegen zu setzen, folgt keinerlei adäquate Implementierung. Auf diesen Nenner könnte man die Situation bringen. Das gilt sowohl für das digitale Bibliotheksprojekt, das, folgen wir Wilhelm, so vor sich hin stottert, das gilt auch für die Frage, inwieweit öffentlich organisierte und finanzierte Suchmaschinen Google oder anderen ökonomisch definierten Projekten Paroli bieten könnten.

They can’t! Zumindest nicht in dieser Situation. Weil Strategie und Handeln immer bedeutet, handlungsfähig zu sein. Und das ganz schnell.

Schneiders Beitrag beschreibt ein weiteres Phänomen: Die Überorganisiertheit von Fachöffentlichkeiten oder -lobbys. Über die tatsächlichen Gründe will ich aufgrund Nichtwissens schweigen. Aber eines steht fest: Es fehlt dem Bibliothekswesen tatsächlich nicht an Institutionen, im Gegenteil, es fehlt ihm an Führungsfiguren, denen es gelingt, die Desorganisation von Kleinstkönigreichen im großen Reich des Wissens zu überwinden. Man ahnt, was auf so einen Artikel folgt: Nestbeschmutzungsvorwürfe, Ausgrenzung, Schmollen in Kleingruppen, passsenderweise (Herr Schneider hat den Zeitpunkt kurz vor dem Leipziger Bibliothekskongress schlau gewählt) an Tischchen am Rande des Leipziger Kongresses, wo man, fast eine Woche lang über die Probleme des Bibliothekswesens und -wahrscheinlich- auch über den Untergang des wissenden Abendlandes memorieren kann.

Rettet die Bibliotheken, ist der öffentliche Schrei. Dabei geht der zweite Halbsatz unter: vor sich selbst. Rettet den deutschen Hang zur Vereinsmeierei, neudeutsch getarnt als Vernetzung, vor massiver Selbstüberschätzung und komplettem Realitätsverlust (dies, könnte man den Bibliothekaren mitteilen, ist kein Bibliotheksproblem, sondern das Problem der Bibliotheken ist ein deutscher Virus, der durch die politisch infizierten Öffentlichkeiten wandert). Beispiele: Politiker reden nur mit Politikern. Und lassen sich von unterbezahlten Journalisten dabei applaudieren. Verleger reden nur mit Verlegern. Und fordern von der Politik Leistungsschutzrechte. Aber das Leistungschutzrecht kann, wie die Abwrackprämie, nur den Untergang der deutschen Verlagslandschaft versüssen, retten kann er sie nicht. Wenn junge Menschen keine Zeitungen mehr lesen, wird auch das Leistungsschutzrecht nichts retten. Da scheinen mir Verleger wie Dumont, der sich daran macht, Redaktionen zusammenzulegen, um einen Skaleneffekt bei Erhaltung der zentralen Leistungen, nämlich redaktioneller Qualität, geltend zu machen, der richtigere Weg. Auch wenn er schmerzhaft ist. Und er bedarf journalistischer Führungsfiguren, die diesen schmerzhaften Weg auch gehen können.

Will heißen: Die Verleger können ihr Geschäft nur retten, wenn sie ihr Gechäftsmodell neu definieren. Und die Bibliotheken sich, das heißt, einen Teil ihrer Arbeitsplätze nur retten, wenn sie ihre Rolle im global digital ratrace neu definieren. Und zwar unter Beachtung ihrer Langsamkeit, die einerseits naturgegeben ist, weil Abstimmung Zeit braucht, aber auch beschleunigbar ist, weil die Überzahl von Gremien sehr wohl reduzierbar ist.

Dazu erfordert es im ersten Schritt einen radikalen, öffentlichen Mahner. Das hat Herr Schneider getan. Dazu braucht es aber im zweiten Schritt eine ganze Menge mutiger Menschen, die jetzt nicht das alte Schmoll-Spiel weiter spielen, sondern daran gehen, sich und ihren Bereich kritisch und ehrlich anzusehen, gegenüber der Handlungsfähigkeit globaler Großkonzerne realistisch einzuschätzen und gemeinsam (oder eben nur als Teil per Mehrheitsbeschluss) voran zu gehen.

Meine politische Erfahrung sagt: Zwischen Recht haben und Recht bekommen liegt ein tiefer Abgrund. Wenn man der deutschen Kuschel-Mentalität folgt, ist dieser nicht zu überwinden. Wenn es aber darum geht, im Interesse der Wissensgesellschaft eine Perspektive zu entwickeln, wird sich eine Lösung finden, den Netzbeschmutzer als Mahner zu begreifen. Yes, we can! Let’s face the facts!

P.S. Für alle, die nicht wissen, wie die Bibliotheken organisiert sind, gibt es eine Website, die auch das erklärt. Weil es erklärungsbedürftig ist: http://www.bibliotheksportal.de/hauptmenue/bibliotheken/bibliotheken-in-deutschland/verbaende-und-einrichtungen/

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