Das Ende unserer (Vorstellungs)Welten

Kein Begriff verweist stärker auf das begriffliche Ende unserer Welt als der der hybriden Identitäten. Geprägt wurde er von einer Forschungsgruppe rund um Naika Foroutan an der Humboldt Universität. In dem von der Volkswagen-Stiftung finanzierten Projekt unter dem Titel HEYMAT werden „hybride europäisch muslimische Identitätsmodelle“ analysiert und identifiziert, mit dem sich Menschen ihren Weg durch die begriffliche Unmöglichkeit bahnen.

Was die Forschung unter dem Leitmotiv „hybride Identitäten“ so stark macht? Es ist die Idee, die Welt aus dem Nukleus der Veränderung heraus neu zu beschreiben. Der Begriff „Identität“ gibt eigentlich die Zweideutigkeit, das Vexierbildmäßige, das in dem Begriff „hybride Identitäten“ steckt, gar nicht her. Man ist, was man ist. Eindeutig.

Sozialwissenschaftliche Forschung in der Umbruchphase, so meine These, ist dann stark, wenn sie nicht das altbekannte in altbekannten Mustern und Begrifflichkeiten analysiert und erforscht, was schon längst jeder weiß (zum Beispiel, dass türkische Einwanderer weniger integriert sind als andere), sondern sich auf den Weg macht, das Neue in der Welt zu entdecken und zu beschreiben. Und damit praktisch wird, weil das Konzept der hybriden Identität eben die altideologischen Konstruktionen, hier Deutsche, dort Einwanderer, auf den Müllhaufen der Geschichte wirft. Am Rande: Wenn die dort liegt, wirft das natürlich die andere Frage auf, wie eigentlich die hybride Konstruktion neudeutscher Wirklichkeit aussieht. So kommt die Integrationsfrage auf einmal auf die Eingeborenen zurück.

Womit wir bei Thema wären: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Und wie wir uns aus alten Vorstellungwelten befreien können.

Die Mutter aller neuen Begrifflichkeiten ist für mich übrigens Ulrich Becks Begriff der „Reflexiven Modernisierung“. Der für mich soviel heißt wie, „in einer Welt, in der viel Veränderung herrscht, tue ich manchmal Dinge, die ich tun muss, obwohl ich die Kritik an den Ergebnissen selbst weiß und zum Teil auch teile. Reflexiv heißt also, die Schwachstellen des noch nicht getanen schon zu kennen. Sie trotzdem zu tun, obwohl man nicht sicher ist, dass es das Richtige ist.

Womit wir bei Stuttgart 21 wären. Das Projekt aus der Periode der prae-reflexiven Modernisierung atmet noch den Geist der alten Megatonnenideologie. Wer viel Erde bewegt, bewegt die Welt. Und in einer Stadt, die tatsächlich so geschunden ist von der Moderne wie Stuttgart (die Innenstadt wird umklammert von zwei Autobahnähnlichen Tangenten, die die Fußgängerzone der Innenstadt und den handtuchbreiten Park) artikulieren die Bewohner dieser Behausung, dass es jetzt reicht! Aus und Ende. Dass der Klammergriff der Autotangenten von Links und Rechts nicht auch noch von einer Untertunnelung durch Unten ergänzt werden muss. Auch, wenn dadurch Fläche im Innenstadtbereich frei wird (Was tatsächlich ein nachvollziehbarer Gedanke ist; – am grünen Tisch, an dem die Modelle der Investoren so fesch dastehen, dass SchnappusMappus schnell noch eine neue Weißenhofsiedlung versprechen kann, auf ein paar Milliarden mehr kommt es ja nicht an).

Die Welt, in der wir leben, ist an ihr begriffliches Ende gekommen. Und wenn wir sie schon umbauen müssen, dann sollten wir, das sagt der Begriff der Reflexiven Modernisierung und das tut der Begriff der Hybriden Identitäten auch, deshalb ist es moderne Wissenschaft) auch begrifflich mit umbauen.

Niemand macht das ganz praktisch besser als die Stuttgarter GRÜNEN. Was nicht damit zu tun hat, dass sie sich dessen alles bewusst wären, sondern weil sie die richtige Aufstellung für diesen Versuch des Umbaus sozialer Wirklichkeit haben. Keiner bringt das besser zum Ausdruck als Winfried Kretschmann. Sein klares Plädoyer, wir sind gegen Stuttgart 21, ist der eine Pol, seine Mahnung, „aus Gegnerschaft dürfe nicht Feindschaft werden“, ist der andere Pol. Und zwischendrin versucht er und andere, die GRÜNEN durch diesen nicht einfachen Konflikt in die Welt von Morgen zu navigieren. Dieser tastende Versuch, der ja gleichzeitig so kommuniziert wird, dieser tastende Versuch schafft die Glaubwürdigkeit der GRÜNEN vor Ort, auch wenn es gar nicht die heldenhafte Inszenierung ist, die wir gerne in unseren politischen Märchen gepflegt haben: Der Basta-Schröder, Helmut Schmidt, darüber wird man noch reden müssen, auch Joschka Fischer, der Egomane. Der Witz: Die zweite Generation der Regierungsgrünen sind viel unauffälliger, weil auch sie hybride sind, wie Jürgen Trittin und Renate Künast, die zwar mit großer Bekanntheit und großem Engagement, aber auch im Duktus des Sich Tastens vor- und durchgearbeitet haben in den Kosmos des Mainstreams. Oder ein Cem Özdemir, doppelt hybride mit seiner Biographie und als generatives Bindeglied zwischen dem Nachkriegsdeutschland und dem Deutschland des 21. Jahrhunderts. Sie alle reflektieren die Wirklichkeit so bewusst, dass sie von der Erfolgswelle überrascht sind und skeptisch-distanziert betrachten, auf welchem Weg sie sind und davor warnen, die politische Versprechungsmaschine zu sehr anzuwerfen.

Eine Erkenntnis am Rande: Es gibt keine Gewissheiten. Auch nicht die Gewissheit, dass eine Legitimation durch Verfahren immer bedeuten sollte, dass die Legitimität durch die bestehenden Verfahren herzustellen ist. In der der FAZ vom 20.10.2010 hat Patrick Bahners, der seinen Luhmann auch gelesen hat und nicht nur wie Herr Gabriel, zitiert (na ja, ich mache das auch immer so, Begriffshopping), darauf hingewiesen, dass „Legitimation durch Verfahren“ durchaus zulässt, dass das Verfahren geändert werden können. Und hier liegt ja der begriffliche Witz schon in der Tatsache begründet, dass sich die Legitimation durch dieses Verfahren sich ganz praktisch delegitimiert hat. Was zeigt, dass alle Konstruktionen von Gesellschaft empfindliche soziale Konstruktionen sind. Was zweitens zeigt, dass wir schonend mit ihnen umgehen sollten, auch wenn wir mit ihren realen Leistungen nicht ganz zufrieden sind. Was drittens zeigt, dass der gleichzeitige Umbau der Wirklichkeit und der Umbau konstruierter Wirklichkeiten Hand in Hand gehen muss. Was bedeutet, dass die Grünen, und hier tatsächlich nur die Grünen, intuitiv begriffen haben, dass nur dieser Weg in die Zukunft möglich ist, nämlich, die konstruierte und die echte, aber viel heterogenere Wirklichkeit wahrzunehmen und ein paar Dinge zu verfolgen, die echt notwendig und überfällig sind (zum Beispiel die globale Verantwortungs- und Ressourcen- und Nachhaltigkeitsfrage) und dann zu beobachten, wie sich die Dinge ändern und dann die nächsten Dinge zu tun. Und trotzdem nicht aufzuhören, das Neue zu wollen.

In dieser Zeit der Veränderung muss jeder scheitern, der sich an alten Begrifflichkeiten, ich nenne sie immer, die potemkinschen Dörfer der Politik, zu stark festhält. Der die Hybridität der Wirklichkeit nicht wirklich ernst nimmt und deshalb ständig nach hinten, nach gestern umfällt.

Deshalb implodieren im Moment die Christdemokraten (die Freidemokraten sind ein Fall selbst verschuldeter Unmündigkeit, sprich handwerklicher Dummheiten, die nehme ich da mal aus), deshalb müht sich der Sozialdemokrat vergeblich: Weil er nicht begriffen hat, dass es Wirklichkeit nicht gibt, sondern nur ein Bild von der Wirklichkeit. Und wenn sich die Wirklichkeit ändert, dann sollte sich auch das Bild von der Wirklichkeit mit ändern. Das ist übrigens auch eine ganz praktische Aufforderung an die Wissenschaft. Die forscht nämlich in 80% aller Fällen mit den alten Begrifflichkeiten und Vorstellungswelten. Wenn Migrationsforscher heute noch ein Forschungsdesign auflegen, das zum Ergebnis hat, dass Türken schlechter integriert sind als andere Gruppen, sollte man ihnen die Forschungsgelder entziehen. Nicht weil das eine falsche Erkenntnis ist oder weil das eine politisch nicht konforme Erkenntnis ist. Sondern, weil es ohnehin jeder weiß und die einzig spannende Frage ist, wie wir aus dieser Situation herauskommen (was bedeutet, das konzeptionell Unmögliche möglich zu machen).

Der ganze Beitrag wurde übrigens ausgelöst durch einen Artikel in der Berliner Zeitung: Die Rückkehr des Frank-Walter Steinmeier, der diesen Beitrag ausgelöst hat, berührt mich deswegen, weil auch er es geschafft hat, das Unmögliche zu machen: Die Nichtthematisierung seiner privaten Entscheidung, seiner Frau eine Niere zu spenden zu einer öffentlichen Tatsache zu machen, aber eben nicht zu einem Medienthema. Wir könnten sagen, auf der Bühne der öffentlichen Inszenierung diese Tatsache in den Hintergrund zu rücken, weil es ihm wichtig war (Rollenkonflikt) und weil man es nicht nicht tun kann. Politiker sind nun mal öffentlich. Und, Watzlawick hat Unrecht, man kann auch nicht nicht kommunizieren. Was heißt, man muss dann halt anders kommunizieren. Und man muss sich für sich selbst entscheiden, wie man es sieht. Da kommt die Persönlichkeit auf die Bühne, was ja auch bei guten Inszenierungen so ist, dass eine gute Inszenierung auch von der Persönlichkeit der Hauptakteure profitiert. In dem Artikel wird aber auch etwas anderes angesprochen, was das Dilemma der Sozialdemokraten darstellt. Die Tatsache, dass sie die Menschen nicht ernst nehmen. Das geht so: Die Sozialdemokraten wären eine Infrastrukturpartei, sagt Steinmeier -oder ist es Gabriel? Ist nicht so wichtig. Es ist schon richtig, dass die Frage der Infrastruktur eine wichtige Rolle dabei spielt, wenn man darüber redet, was wir in die globalisierte Moderne mitnehmen und was wir hinter uns lassen müssen. Aber welchen Menschen wollen die Sozialdemokraten eigentlich mit so einem Begriff binden? Die Infrastrukturpartei. Wenn ich in die Schlacht ziehe, muss ich darauf achten, dass sich alle hinter mir einfinden, die mein Lager bilden. Politische Begriffe müssen Strukturierungsleistungen vollbringen, deshalb sind sie Kampfbegriffe. Aber könnte sich bei den Sozialdemokraten bitte mal jemand damit beschäftigen, dass da Begrifflichkeiten gefunden werden, die die internen Lager zusammenführen? Weil niemand in einen Haufen will, der eigentlich zwei Haufen ist – oder gar keiner, wie die CDU.

Es ist richtig, dass wir uns in einer Phase der Lagerbildung befinden. Aber es ist falsch, dass die Lager sich anhand von Links und Rechts bilden. Sie bilden sich neu, das Konservative „Lager“ ist in Stuttgart, zurecht, ja schon mal teilweise umgezogen ins grüne Lager und dort wird nun diskutiert um Zukunft, Verantwortung, neue Beteiligungsformen und die Frage, ob die Neuen Beteiligungsformen nicht doch nur die alten Blockierungsformen sind. Und die Bindungskraft dieses wie anderer Lager wird maßgeblich davon bestimmt, ob mit tragfähigen Ideen und Argumenten geworben wird. Und ob man das Gefühl gewinnt, dass die Menschen, die das maßgeblich bestimmen, es tatsächlich ernst meinen. Die Deutschen haben nämlich die Nase voll von den „Diskursraumpflegern“, wie es Reinhard Mohr in der FAS vom 24.Oktober, S. 11 beschrieben hat. Das sind die, die, wie er untertitelt, so sind: „Nur kein falsches Wort! Eine Generation von deutschen Politikern hält bloß noch Sonntagsreden. Und das soll Meinungsstreit sein“. Auch da wieder ist das Gegenteil nicht richtig. Auch ein Mißfelder, der rituelle „Enttabuisierer“ ist einer von denen, die die Dinge ohne einen inneren Impetus machen, Charaktermasken, die eine Rolle übernehmen und spielen, die sie, mangels Lebenserfahrung, gar nicht spielen können. Und die lagerübergreifend als abscheuliche Gestalten einer Kohl Ära wahrgenommen werden.

Was das Ganze bedeutet? Na, dass die GRÜNEN derzeit die einzige Kraft sind, die eine Bindungswirkung aus dem Politischen in das Gesellschaftliche haben. Dass sie gute Voraussetzungen mitbringen, die politische Grundstruktur umzukrempeln. Aber dass es keine Garantie gibt, dass das gelingt. Die grüne Stärke ist es, dass sie das begriffen haben.

Weil sie die Partei der reflexiven Modernisierer sind.

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