Das Ende grüner Utopien. Wie jetzt die Realität einwandert

Es ist bitter. Es ist ein Epochenwechsel. Und aus grüner Sicht könnten wir sagen, wir haben es immer gewusst. 

Aber das wird uns nichts nutzen, weil es am Ende doch anders gekommen ist. 

Angela Merkel war der Vorbote, wir haben es nur nicht realisiert. Doch mit der Ankunft der Flüchtlinge, der Folge eines gedankenlosen westlichen Raubbaus an der Welt, wird wieder einmal alle anders. Die Vision einer friedlicheren, besseren Welt kommt ins Regal zurück, gefragt ist jetzt nüchternes Management, wenn eine oder noch mehr Millionen Flüchtlinge nach Deutschland einwandern, ein Land, in dem alles ordentlich geregelt ist, solange keine ungeregelten Zustände eintreten, in der Formulare und Zuständigkeiten den Alltag erleichtern (wenn man sie kennt), in der ein Sozialsystem keine Hängematte, aber doch Sicherheit versprechen, Zustände also, die Menschen auf der Flucht vor kopfabschlagenden Horden mit mittelalterlichen Vorstellungen wie das Paradies erscheinen müssen, zumal, wenn sie sich globalisierten westlichen Vorstellungen von Menschenrechten, Gleichberechtigung, Fairness verpflichtet fühlen. 

Das Jahr 2015 wird als das Jahr in die Geschichte Europas eingehen, in der Epoche politischer Wunschträume, sei es, von einem gemeinsamen Europa, sie es von einer friedlichen Welt, abgelöst wurde durch eine Epoche des Handelns. Ob für eine bessere Welt oder einen Rückfall in die Alte Welt, in der der Westen das Erreichte verteidigt und einmauert, oder einen neuen Aufbruch, das gilt es zu beweisen. 

Denn künftig wird Politik, werden Politiker, werden Parteien anders bewertet: Viele, auch bürgerliche und Mittelschichtsangehörige werden die Sekundärtugenden von Politikern, von Parteien, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Ausdauer, stärker gewichten. Politisch konzeptionelle Programmatik, die Transformation in eine nachhaltige Gesellschaft als Ideal, das Visionäre, wird, so meine Prognose, an Gewicht verlieren. 

Warum das die Grünen, wie auch die Sozialdemokratie und die Linken besonders trifft? 

Während das Versprechen der CDU, Augenmaß, inhaltlich robust ist, sind die Programmatiken der Linksparteien, Konzepte für eine in jeder Hinsicht besseren, weil nachhaltigeren, gegenüber Geschlechtern, Minderheiten, Benachteiligten, Menschen in anderen Teilen der Welt gerechteren Welt, hoch anfällig. Sie fordern von ihren Unterstützern intellektuelle Anstrengung, um den Gegenwert, das wohlige Gefühl des besseren Menschen, einlösen zu können. Der Blick in grüne Wählerstatistiken entlarvt den Selbstbetrug, die Grünen wären die Partei der Entrechteten. Entrechtete arbeiten nicht im Staatsdienst, verfügen nicht über die durchschnittlich höchsten Einkommen und auch nicht über den durchschnittlich höchsten Bildungsstand. Grüne sind postmaterielle Bürgerliche, denen der Nachbar nicht egal ist, deren Vorstellung vom Guten Leben nicht am Gartenzaun des Reihenhäuschen endet und deren Weltbild deswegen durchaus eine Nachhaltigkeitskomponente hat. Alles, was wir aus unserem Blickwinkel verdrängen, so weiß der in Kreisläufen und Regelkreisen denkende Grüne, kommt immer wieder zu uns zurück. 

Im Grunde also sind die jetzt bei uns eintreffenden, von der Bundeskanzlerin nach einigem Zögern höchstpersönlich in Empfang genommenen Flüchtlinge aus Syrien die Bestätigung dessen, was wir immer wussten. 

Wäre da nicht ein Element, das uns Sorge bereiten müsste: Dass nämlich das Zusammenwachsen der Welt, wie wir es im Reich unserer Gedankenspielen immer wieder geschlußfolgert haben, ins Reich der Möglichkeiten gewechselt ist, den Kommunikations- und Informationstechnologien sei Dank! 

So können sich jetzt Flüchtlinge aus Afrika, dem Nahen Osten und dem Balkan aufmachen, um in die irdische Variante des Paradieses, dem gut geölt funktionierendem Deutschland, einzuwandern. 

Deutschland als die säkularisierte Form des Paradieses. Nur, dass statt der Engel, deren Gleichgültigkeit gegenüber Neuankömmlingen uns immer gewundert hat, die Flüchtlinge hier mit offenen Armen empfangen werden. 

Die Geste ist höchst menschlich, rührt und ist beeindruckend. Als solche wird sie, in Deutschland und gleichzeitig überall auf der Welt wahrgenommen. 

Sind die Deutschen tatsächlich noch von dieser Welt? 

Die vielen Tausenden von Menschen, die tatsächlich helfend aktiv sind, verändern Deutschland auf der einen Seite. Weil nämlich die globalen Entwicklungen in der Welt, die viele, auch die scheinbar unpolitischen Menschen, angespannt verfolgen (Köpfeabschlagene IS, vergewaltigte und zwangsverheiratete Frauen, gefolterte Menschen, tot am Mittelmeer angelandete Kinderleichen) für sie nicht Teil von Politik (das ist Berlin), sondern Teil der Welt ist, in der sie leben. Ich lebe in der Welt, die ich, und sei es medial, wahrnehme. Deswegen sind die praktisch helfenden Menschen hier Hoffnung. 

Und wir sollten rational einfach einpreisen, dass da auch Menschen dabei sind, die NUR ein besseres Leben führen, wir müssen auch konstatieren, dass da Menschen dabei sein KÖNNTEN, die einen Anschlag planen könnten, nur, da gibt es in hier lebenden Schläfern viel gefählichere Zeitbomben. Und wir sollten uns von dem Gedanken frei machen, als könne man Risiko eliminieren, man kann es lediglich reduzieren. Letztlich bleibt uns, um uns nicht in unseren Gedankenwelten zu verheddern, bleibt uns nur die Idee, dass anschlagsplanende Menschen in ihrem Nahumfeld auffällig sein könnten, die Illusion, das von außen, in dieser Ansturmsituation bewältigen zu können, ist absurd. Praktisch helfende Menschen sind Hoffnung. 

Aber nicht sie alleine. Sie sind ein Notnagel, eine Brücke mit der die Flüchtlinge aus der Flucht auf sicheren Boden gelangen. Allerdings sind die Folgen dieser Flüchtlingswelle auf Dauer nicht von der Zivilgesellschaft alleine zu bewältigen, sie bedürfen eines anderen Engagements öffentlicher Institutionen wie der von Wirtschaft und der gesamten Gesellschaft. Sie sind eine nationale Aufgabe. 

Politik und Politiker, die in dieser Situation weiter das bekannte Rollenspiel, mit dem Finger auf die Politiker anderer Parteien zu zeigen und in Untersuchungsausschüssen aufzulisten, was diese falsch machen, aufführen, werden, so meine These, abgestraft. 

Die Politik, von vielen im Theatermodus betrachtet, verändert ihre Rolle. Die Zuschauer, von den bisherigen Inszenierungen eher gelangweilt bis latent verärgert, fordern, die Menschen hinter den Rollen zu sehen, sie, die im Zuschauerraum Hand anlegen, um Ordnung zu schaffen, wollen, dass die auf der Bühne ebenfalls mit anpacken. Und so muss auch die Politik das Reich der Illusionen, die politische Bühne, verlassen um im realen Leben, der Versorgung der Flüchtlinge, dem Umbau der institutionellen und gesellschaftlichen Ordnung Deutschlands, Platz zu schaffen für Menschen, die wir noch nicht kennen, von denen wir noch nicht wissen, wie lange sie bleiben, wer sie sind, wie wir zusammen zurecht kommen. Wohin das führt. Die Bühne verliert also ihre Bedeutung, die Schauspieler kommen herab, packen mit an, es wird anderes von ihnen sichtbar. Die Zuschauerränge werden zum Handlungsraum. 

Ob alle miitmachen? Leitbilder sind gefragt, Menschen, die anpacken und zum Anpacken auffordern. Menschen, die nicht besserwissend und nörgelnd an der Seite stehen, sondern Teil des Ganzen werden. Das Ende politischer Wunschbilder. 

Wenn es den Grünen gelingt, ihre eigene Haltung, Politik stets aus der Vision einer idealen Welt abzuleiten, aufzugeben (nicht unbedingt, weil das falsch ist, sondern weil es derzeit nicht dringlich scheint, sich ständig debattierend wegzubeamen aus der realen Welt), wenn es ihnen gelingt (und wem von ihnen es gelingt) eine neue, realitätsbezogene, anpackende, diesseits-bezogene Haltung zu entwickeln, dann kann es ihnen gelingen, Teil des neuen, handelnden, aktiven, zukunftsbezogenen Deutschlands der Macher, dem Maker-Deutschland zu werden. Zögern sie, halten sie an ihren alten politischen Wunschträumen fest, einer ausbalancierten, gerechten, nach ihren Plänen konstruierten Welt, dem grünen Utopia, so folgt Strafe auf den Fuß. 

Es gibt eine Zeit des Redens und es gibt eine Zeit des Handelns. Wer diese Prioritäten nicht erkennen kann, der wird politisch abgestraft. Deutschland könnte so Kulminationspunkt eines NEUEN EUROPAS sein. Nicht, weil es andere Länder alle nachmachen würden, sondern indem Deutschland in naiver Mitmenschlichkeit, diesen Reflex annimmt, die Herausforderungen und notwendigen Anforderungen akzeptiert und damit ein weltweites Beispiel dafür gibt, dass der Westen seine Ideale nicht immer sofort auf den Haufen wirft, wenn unangenehme Konsequenzen folgen, sondern Menschenrechte auch dann tatsächlich zur Geltung bringt, wenn sie in Gefahr sind. Die Idee einer besseren Gesellschaft entsteht nicht auf dem Reißbrett. Sie könnte hier heranreifen. Aber nur, wenn jeder von uns bereit ist, ein Stück weit auf sein altes Leben, alte Rollen zu verzichten. Nichts wird bleiben, wie es ist. Je früher wir das realisieren, desto besser werden wir damit umgehen können. 

Der Ausgang ist offen. Die Zukunft auch.

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