Dann reden wir doch mal über die grüne Erzählung

Vorbemerkung

„Die Alte oder die Neue?“
„Na ja, beides, ohne die alte kann man die neue nicht verstehen. Und auf der anderen Seite hilft es sicher auch nicht, einfach zu sagen, wir müssen zur alten Erzählung zurückkommen. Viele tun das übrigens. Sie reden dann vom Markenkern. Und übersehen, dass Markenkern für viel Menschen etwas künstliches ist, ein aus der Warenwelt künstlich erzeugter Eindruck. Das wollen die Menschen nicht, wenn sie über Politik reden. Sie wollen Menschen, die sie überzeugen, denen sie vertrauen können. Die sie mitnehmen oder machen lassen können.“

Die alte Geschichte

Kein Zweifel, die Grünen haben bei den letzten Bundestagswahlen eines über die Hörner bekommen. Von 25 auf 8 Prozent in sechs Monaten. Der Absturz des Ikarus, könnte man sagen. Aber wer sich zu sehr auf die Erzählung des Ikarus einlässt, übersieht, dass es Auferstehung geben kann.

Erfolg macht blind. Mehr als andere haben die Grünen eine dreißigjährige Erfolgsgeschichte vorzuweisen. Die früheren Außenseiter der Gesellschaft, Birkenstockträger, bieder rechthaberische Miesmacher, notorische Widersprecher, Blockierer, Gesetze außer Kraft Setzer und, nicht zu vergessen, friedliche Revolutionäre aus dem Osten, sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ihre Themen sind angekommen. War nach dem Krieg die Atomkraft und kalter Technokratie die Überwindung des Politisch-impulsiven der Nazizzeit, wurde nach 68 wieder alles politisch, auch der Sex und die Geschlechterverhältnis. Es war, das vergessen die Geschichtenerzähler zuweilen, auch eine große Party, ein großes Ausprobieren, das manche mit ihrem Leben bezahlt haben. Opfer der RAF und gescheiterte Täter, die sich nicht schnell genug von bewaffneten Kampf (oder den K-Betriebsgruppen) abgemeldet haben. Das linksbürgerliche „Mir san mir“ und schon deswegen haben wir Recht. Inhaltlich hatten Grüne langfristig recht, weil sie unverstellt von Interessen, sagen konnten, das fossile Energien nicht ewig reichen, dass die Flüsse stinken und so weiter.

Die grüne Geschichte wird manchmal so erzählt, dass alles, was die Grünen anfassten, Gold wurde. Stimmt nicht ganz, nur wurde das andere vergessen. Der Pazifismus ist weg, der Wunsch nach dem Absoluten ist brüchig, die Rotation, vergessen. Und auch die Vollendung der Energiewende, Ironie der Geschichte, liegt jetzt in den Händen der anderen. Und das von Rotgrün betriebene „Deutschlands Interessen werden am Hindukusch verteidigt“ harrt noch der Bilanzierung. Ach ja, und die Helden der ersten Rotgrünen Regierung, Schröder, Fischer, üben sich im Geldverdienen.

Willkommen im Club.

Die Geschichte der Grünen ist auch eine (Lern)Geschichte der Irrtümer

Alle reden von der Einheit, wir reden vom Wetter, das war der erste große Irrtum der Grünen, alle reden von mehr Gerechtigkeit, wir wissen, wie wir umverteilen müssen, das war der zweite große grüne Irrtum. Auf dem Gipfel des Erfolgs, als plötzlich alle grün redeten, den Frauen die Hälfte des Himmels überlassen wollen, den Schwulen und Lesben und auch den Einwanderern etwas Platz gemacht haben und sich in politischen Wohltaten ergangen haben, hat der grüne Sympatisant, der an der Schwelle zur Volkspartei natürlicherweise heterogener ist als die grünen Akteure wahrhaben wollten, erkannt, dass der grüne Kaiser ja völlig nackt ist. Oder um im steuerpolitischen Bild zu bleiben, dass sich der grüne Kaiser das Geld für die Kleider, die er sich zu schneidern gedachte, von ihnen selbst besorgen würde.

Da war das grüne Träumen, die Wurzel alles Storytellings, plötzlich nicht mehr ganz so sexy.

Also, was nun?

Die neuen grünen Geschichten

Das Gute an Storytelling ist, dass es nicht suggeriert, es ginge um etwas Analytisches, objektiv Richtiges. Grünes Storytelling, das fragt, welche Geschichte bringen uns eigentlich weiter? Welche inspirieren uns, vermitteln uns neue Impulse, Ideen, motivieren uns, die nächsten Tage anzupacken.

Da tritt schon die erste Schwierigkeit auf. Wer ist das eigentlich, dass kollektive Wir? Das grüne Wir, das sind alle, aber nicht immer und nicht überall. Das grüne Wir, die grüne Geschichte, sollte viele Menschen, grüne Hauptamtspolitiker, grünes Schwarmumfeldfische, grüne Symatisanten und -innen, ja so viel Anspruch muss sein, prinzipiell alle Deutschen, also hier in Deutschland lebenden und am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmenden ansprechen können. Drunter geht es leider nicht.

Wer in die Zeitung sieht, wer Bücher liest, nimmt wahr, dass verschiedene grüne Geschichtenerzähler und -erzählerinnen rumlaufen, die unterschiedliche Geschichten unter das Volk bringen.

Ralph Fücks erzählt in „Intelligent Wachsen. Die Grüne Revolution“ die neue grüntechnologische Geschichte. In Kurzform: Lasst uns unser grünes Idyllengeträume über den Haufen werfen und uns mal ganz vorurteilsfrei ansehen, was die wissenschaftlich-technische Revolution denn so alles an Ideen, Konzepten, Lösungen und Geschäftsmodellen freisetzt. Das ist, der Geist ist willig, so viel, dass er jetzt schon weiß, dass er alle Einwände, der Reboundeffekt würde alle Effekte wieder auffressen, einfach vom Tisch wischen kann.

Gerhard Schick versucht in der „Machtwirtschaft“ eine ganz andere Erzählung. Das Problem, sagt er, ist die Macht der großen Player. Finanzkapital, Großkonzerne, die miteinander die Geschicke der Welt definieren und zunehmend außer Kontrolle geraten sind. Das klingt jetzt antikapitalistischer als es ist, deswegen ist für ihn nicht die Lösung der Staat, da kann er auch zeigen, dass der im Schulterschluss mit den Großunternehmen, halb zog es sie, halb sanken sie hin, zumindest toleriert hat, dass da riskante Finanzkonstruktionen auf den Markt kamen. Damit es so weiter geht. Ja, und deswegen beinhaltet die Schick’sche Machtwirtschaft auch eine kräftige Portion Wachstumskritik, also die Frage, ob wir wirklich mehr Wirtschaftswachstum für mehr Glück brauchen. Und er skizziert dann noch, dass es einer europäischen Zivilgesellschaft bedarf, damit die Gewichte gegen die Konzerne wirkungsvoller verschoben werden können. Es ist also so eine Art offene Erzählung, die Schick da macht, es gibt keinen Helden in der Geschichte, nur eine sehr überzeugende Schilderung der Landschaften, der Stimmungslagen und der dabei auftretenden Gefühle.

Harald Welzer, der sich gerne als Grünenfresser inszeniert, könnte man auch noch als grünen Märchenonkel anführen. Für ihn hat in „Selbst denken“ die grüne Politik ausgedient. Sie hat sich seiner Meinung nach deshalb entlarvt, weil grüne Machthaber wie etwa Winfried Kretschmann mit seinen feinsinnigen Diskursen dazu beitragen, dass sich alle in Sicherheit wiegen, wenn sie mit fetten SUVs ihre Kinder von den Gated Communities in die Krippen fahren. Und dann noch gut dabei fühlen. Er empfiehlt einfach, sein Ding zu machen, die Lösung also im persönlichen Lebensstil und Lebensentwurf zu suchen.

Und dann noch die Geschichte von Kerstin Andreae. In aller Klarheit hat sie benannt, dass die grüne Steuerpolitik einer der Punkte war, der das antigrüne Unmutsfass zum Überlaufen brachte. Die auch erkannt hat, dass die Grünen über das 8 Prozent Kernklientel hinaus viel Zuspruch von Menschen aus „der Wirtschaft“, hier schließt sich der Zirkel zu Schick hin, geerntet hatten, die zum Teil gut verdienen, zum Teil nicht so gut, aber immer auch abseits des Staatssektors tätig sind, ja, auch Ingenieure, die das „Konsumismus über alles“-Geschreie, die Produkte zum Schaden der Verbraucher, die das „Weiter so“ im eigenen Lebensstil als falsch empfinden, auch wenn sie ihn selber pflegen. Die Reflektierten also. Und die haben schon gar keine Lust, die Zeche für eine grün-politische Hybris, nämlich Steuererhöhung, selber zu zahlen. Nein, so überzeugend ist Politik eben nicht, dass man für die ganz fein durchgerechneten Projekte, da waren die Grünen ganz deutsch, einfach die Rechnung zahlt und gut ist es. Die Liste der gescheiterten politischen Großprojekte, Stuttgart 21, BER, die Elbphilharmonie, ist zwar nicht lange, aber gut ausgeleuchtet. Und auch wenn Grüne da nicht beteiligt waren, die Bürgerinnen und Bürger glauben einfach nicht mehr, dass Politik Großprojekte stemmen kann. Deswegen die Andreae’sche Forderung, jetzt mal an die Mitte der Gesellschaft zu denken und die Steuern für diese zu senken.

Es sind also verschiedene Geschichten, die die grünen ErzählerInnen aufgeschrieben haben. Und alle Geschichten zusammen ergeben eben leider, so scheint es, keine grüne Geschichte.

Könnte man meinen.

Mehr, neue und noch bessere grüne Geschichten!

Aber vielleicht ist es mit dem grünen Storytelling ganz anders als man landläufig denkt. Am Wochenende treffen sich in der Böllstiftung viele kluge Menschen, um über DAS grüne Storytelling zu reden. Was ist, werden sie sich fragen, die richtige grüne Geschichte? Und, das kann man schon jetzt sagen, sie werden keine Antwort finden.

Bleiben wir einfach im Bild. Stellen wir uns vor, wir, die Grünen, also die, die immer dabei sind, die, die mitleiden, aber auch immer anderswo unterwegs sind und die, die immer wieder mal vorbeisehen, weil dort, am grünen Lagerfeuer, immer wieder ganz tolle Geschichten erzählt werden. Wie wäre es denn tatsächlich, wenn immer nur eine, die angeblich richtige Geschichte erzählt werden würde?

Das wäre ganz schön langweilig. Da würde niemand mehr vorbeikommen. Da würde niemand mehr zuhören wollen. Das würde niemanden mehr zum Nachdenken, zum Träumen anregen. An dieses Lagerfeuer würden sich bald nur die Dagebliebenen setzen und die Geschichten von Gestern erzählen.

Das kann ja keiner wollen. Also: Mehr grüne Geschichtenerzähler und mehr grüne Geschichten. Neue Geschichten, bessere Geschichten. Weil sie uns inspirieren können! Und wir alle, am Tag danach, dann lieber mit anpacken.

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