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	<title>Nikolaus&#039; Fruehstuecksfernsehen &#187; Zeitungsarchiv</title>
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	<description>Politische Betrachtungen zum Tage</description>
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		<title>Neues aus Deutschland. Dem Teil der Prenzelberg heißt.</title>
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		<pubDate>Mon, 02 Aug 2010 04:59:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Paradigma]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungsarchiv]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit einer sehr schönen Geschichte hat sich der Juli in der FAZ von uns verabschiedet. Markus Jauer, möglicherweise selber Vater dort, hat sich in die Situation seines neugeborenen Kindes hineinversetzt und als 25-jähriger zurückerinnert, wie das damals war, 2010, am Prenzlauer Berg. Eine sehr schöne Sozialstudie, die verschiedenes zeigt: Einmal, dass Menschen sich Realität selber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Mit einer sehr schönen Geschichte hat sich der Juli in der FAZ von uns verabschiedet. Markus Jauer, möglicherweise selber Vater dort, hat sich in die Situation seines neugeborenen Kindes hineinversetzt und als 25-jähriger zurückerinnert, wie das damals war, 2010, am Prenzlauer Berg. Eine sehr schöne Sozialstudie, die verschiedenes zeigt: Einmal, dass Menschen sich Realität selber schaffen. Zweimal, dass sie in bestimmten Sozialmilieus eine Agenda haben, dreimal, dass der Plan, von außen betrachtet, beklemmend deutlich macht, wo die Sollbruchstellen sind. Stoff also, aus dem die Soziologenträume sind. Ein Dank an Herrn Jauer für seine Empathiefähigkeit.</em></p>
<p><span id="more-344"></span>
<p>Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.07.2010 Seite 42</p>
<p>Wir Kinder vom Prenzlauer Berg<br />
Sie gehören zu einer Generation, die von ihren Eltern stärker behütet und gefördert wurde als jede andere zuvor. Wird sie das einmal zu glücklichen Erwachsenen machen? Ein Blick zurück aus der Zukunft. Aufgezeichnet von Marcus Jauer</p>
<p>Vor ein paar Tagen war ich wieder einmal bei meinen Eltern in Prenzlauer Berg. Sie wohnen noch immer in dem ausgebauten Dachgeschoss, in dem ich aufgewachsen bin und in dem sie inzwischen ihr halbes Leben verbracht haben. Es war Abend, mein Vater hatte gegrillt, wir saßen auf der Terrasse und schauten über Berlin. Eigentlich war ich gekommen, um sie in einer Sache um Rat zu fragen, aber dann, ich weiß gar nicht, wie, hatten sie doch wieder nur über meine Kindheit geredet. Das kannte ich nun schon. Früher dachte ich immer, sie erzählen davon, weil sie sich Dankbarkeit von mir erwarten, und da hätte ich ihnen schon ein paar Takte zu sagen gehabt. An diesem Abend aber dachte ich, sie erzählen es vielleicht doch nur sich selbst. Meine Kindheit, das war das große Projekt meiner Eltern, die einzige Sache, von der sie glaubten, dass sie ihnen wirklich gelungen war.</p>
<p>Als ich im Sommer 2010 geboren wurde, kam ich mit einem Kaiserschnitt auf die Welt. Meine Mutter hatte sich in einem Geburtshaus beraten lassen, weil sie wollte, dass alles ganz natürlich zugeht, aber dann war sie dort auf eine Frau getroffen, die ihr mit Inbrunst vorspielte, welche Schmerzen man bei einer Geburt erleidet. Einerseits wollte sich meine Mutter nicht um das Erlebnis bringen, und sie fand wohl auch, dass die Geburt etwas war, das wir beide durchstehen mussten. Andererseits sagte sie sich, dass ich mich später ohnehin nicht mehr daran erinnern würde, und nachdem ihr eine Freundin dann noch gezeigt hatte, dass man von einem Kaiserschnitt nur eine kleine Narbe zurückbehielt, war die Sache entschieden. Als meine Mutter mit meinem Vater ins Krankenhaus fuhr, hatte sie sich auf den Termin seit Wochen eingestellt, zwei Stunden später war ich auf der Welt, sie hatte keine Schmerzen gehabt, ich keinen zerdrückten Kopf. Wir machten uns das Leben von Anfang an nicht schwer.</p>
<p>Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, aber damals war der Prenzlauer Berg voller junger Leute. Sie waren wegen eines Studiums nach Berlin gekommen, dann geblieben und hatten nun Jobs, deren Inhalt sich schwer beschreiben ließ, oder sie gingen in Büros, die in leerstehenden Läden eingerichtet waren, so dass man ihnen durch das Schaufenster beim Arbeiten zusehen konnte. Die Dinge, die sie herstellten, verkauften sie meist nur innerhalb des Viertels. Der eine baute Brillen, der Zweite schnitt Haare, der Dritte schneiderte Kleider, der Vierte schrieb Zeitungsartikel darüber oder Drehbücher für einen Film, der dann im Viertel spielte, weshalb der Fünfte darin eine Rolle bekam. Um Geld ging es ihnen nicht, sie lebten eher davon, dass sie kreativ waren. Wie gesagt, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber im Grunde erwarteten sie alle vom Leben nicht mehr, als dass es gut war.</p>
<p>Morgens gingen sie aus ihren frisch sanierten Altbauwohnungen zur Arbeit, mittags trafen sie sich in Cafés, deren Tische auf verbreiterten Gehwegen standen, und abends kochten sie die Lebensmittel, die sie im Bioladen gekauft hatten. Am Wochenende flogen sie für einen kurzen Urlaub ins Ausland, weil Fliegen damals noch billig war, oder sie bekamen Besuch von ihren Eltern aus Süddeutschland, denen sie zeigten, wie sie sich eingerichtet hatten. Wenn ich Bilder sehe von meinen Eltern beim Segeln auf dem Wannsee, beim Karaoke im Mauerpark, beim Ausgehen in den Bars, die damals am Ufer der Spree lagen oder bei ihren Freunden, die ein Haus hatten auf dem Land, dann wirken diese Jahre auf mich, als seien sie ein einziger, langer Sommertag gewesen. Diese Welt wirkte auf mich so stimmig, dass mir nie richtig klar geworden ist, weshalb meine Eltern unbedingt Kinder in sie setzen wollten. Aber womöglich dachten sie, dass das nichts ändern würde.</p>
<p>Wie die meisten Kinder aus Prenzlauer Berg kann ich sagen, dass ich ein Wunschkind war. Meine Eltern haben sich auf mich gefreut und waren vorbereitet. Sie hatten Literatur gelesen, Kurse besucht, das Kinderzimmer war eingerichtet, die Wickelkommode stand, und der Kinderwagen war gekauft, obwohl man ihn mehrere Monate voraus hatte bestellen müssen. Sie hatten mich zum Babyschwimmen angemeldet und für eine Gruppe, in der sie mit anderen Eltern lernten, wie man sich das nackte Kind auf den Bauch legt, um mit ihm in Kontakt zu kommen. Meine Mutter blieb ein Jahr zu Hause, bevor sie wieder arbeiten ging. Danach nahm mein Vater Elternteilzeit, obwohl man ihn im Büro dafür hänselte und er sich auf dem Spielplatz mit mir langweilte. Die Krippe, die sie ausgesucht hatten, wusste, dass ich kommen würde, da war ich noch nicht geboren, meine Kinderfrau stammte aus Ecuador, damit ich Spanisch lerne. Was immer ich hätte wollen können, es schien bedacht.</p>
<p>Es gibt in der Wohnung meiner Eltern eine Kiste, in der sie Dinge meiner Kindheit gesammelt haben, die Bilder, die ich gemalt, die Figuren, die ich geknetet, die Milchzähne, die mir ausgefallen sind, das Buch, das sie über meine Entwicklung geführt haben. Es ist ein Vordruck, in den man einträgt, wie groß das Kind ist, wie schwer, welche Bewegungen es macht und welche Worte es schon spricht. Dazu kann man dann Fotos einkleben. Meine Eltern haben jedes Jahr ein Buch angelegt, sie kauften es in einem Laden, der „Krümelkiste“ hieß und für jedes Alter eins bereithielt. Später haben sie dort auch die Wochenpläne gefunden, in denen man eintragen kann, welche Kurse und welchen Unterricht das Kind besucht. Die liegen auch in der Kiste. Ich war keine vier Jahre alt, da ging ich montags zum Töpfern, dienstags zum Kinderyoga, mittwochs zum Singen und donnerstags zu Englisch, und ich hätte immer noch mehr machen können. Der ganze Prenzlauer Berg schien aus Kinderspielplätzen, Kinderbauernhöfen, Kinderkletterburgen und Kinderkursen zu bestehen, zwischen denen ab Nachmittag Eltern pendelten, immer auf diesen Fahrrädern, bei denen die Kinder im Anhänger sitzen oder in einer Kiste vor dem Lenker. Es war wie in dem Bilderbuch, das wir damals oft lasen. Da sagt die Mutter auch: „Such dir was aus, aber beeil dich!“</p>
<p>Ich führte einen Terminplan wie ein Erwachsener, trotzdem habe ich nie auch nur eine Sache zu Ende gemacht, keiner Anstrengung habe ich mich unterzogen, sobald sie nach einer aussah. Mit dem Kinderschmieden musste ich aufhören, nachdem ich mir dabei einmal eine Brandblase geholt hatte. Flöte durfte ich abbrechen, weil die Lehrerin nicht nett zu mir war, und Malen, weil der Lehrer das freie Zeichnen nicht gestattete, sondern darauf bestand, dass wir erst einmal gerade Striche zogen. Als meine Eltern sahen, dass ich beim Tai Chi für Kinder nur herumhampelte, meldeten sie mich beim autogenen Training für Kinder an, damit ich lernen konnte, mich besser zu konzentrieren. Als sie hörten, dass sich in der Kletterhalle ein Kind die Hand gebrochen hatte, durfte ich nie wieder hingehen, und als der Hund auf dem Kinderbauernhof jemanden gebissen hatte, konnte ich erst zurück, als er im Tierheim war. Es gab wirklich nichts, was meine Eltern mir nicht angeboten hätten, es sei denn, es galt als gefährlich oder langweilig. Aber davon haben sie sich ja vorher und auch währenddessen stets überzeugt.</p>
<p>Ich erinnere mich nicht daran, dass ich für längere Zeit mir selbst überlassen geblieben wäre, und das galt auch für meine Freunde. Wenn wir auf dem Spielplatz in Streit gerieten und einander damit drohten, die Plastikschaufel über den Kopf zu ziehen, schritten sofort zwei Erwachsene ein. Wenn wir allein auf das Klettergerüst wollten, hielten die Väter unsere Hand. Wenn wir über die Straße gingen, standen unsere Mütter wie eine Ampel auf der Mitte der Fahrbahn. Wo wir hingingen, war ein Erwachsener dabei, und bevor wir uns hätten fragen können, was wir mit uns anfangen wollen, hatte er eine Idee für uns. Als später die Familien zerbrachen, waren es sogar mehrere Erwachsene, weil dann auch die neuen Freunde der Mütter oder die neuen Freundinnen der Väter dazukamen und sich noch mehr Mühe gaben. Wir waren nie allein, wir hatten keine Geheimnisse. Wir wollten alles richtig machen, so wie unsere Eltern alles richtig machen wollten. Sie wollten das Beste für uns, aber sie ließen es nicht gut sein.</p>
<p>Wenn ich mich heute an meine Kindheit erinnere, wirkt auch sie so stimmig auf mich wie die Bilder meiner Eltern, als sie noch keine Eltern waren. Ich passe sehr gut hinein, ich bin kein Fehler, aber ich habe auch früh verstanden, dass ich keiner sein darf. Als ein Arzt feststellte, dass ich einen leicht schiefen Rücken hatte, schickten sie mich zur Gymnastik. Als ich in der Schule Schwierigkeiten hatte, schönzuschreiben, kam ich zum Ergotherapeuten. Als ich irgendwann einmal zu keinem der Kurse mehr gehen wollte und nur noch im Wohnzimmer auf dem Sofa herumsprang, ließen sie mich auf ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom untersuchen, das hatten damals viele. Einer meiner Freunde musste sich jede Woche von seiner Psychologin im „Mensch, ärgere Dich nicht“ besiegen lassen, damit er lernte, seine Enttäuschung in den Griff zu bekommen. Jeder war in irgendeiner Therapie oder nahm ein Medikament oder hatte eine Allergie. Darüber wurde unter den Eltern auf dem Spielplatz ganz offen gesprochen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich erkannte, dass es auch ein Problem sein kann, wenn man sonst keins hat. Aber bis dahin denkt man natürlich, dass mit einem etwas nicht stimmt.</p>
<p>Als Erwachsener sehe ich jetzt, dass die Sehnsucht meiner Eltern, alles rich- tig zu machen, mit der Angst einherging, irgendetwas falsch zu machen. Als Kind dagegen hätte mir oft schon eine klare Antwort genügt. Aber wenn ich eine Frage hatte, schlugen sie in einem Erziehungsbuch nach oder fragten einen Arzt oder einen Experten, oder sie fragten mich. Ich weiß noch, wie sie mich fast jedes Wochenende vor die Wahl stellten, was wir unternehmen könnten, und wie ich sie jedes Mal fragte: „Was würdet ihr sagen?“ Aber sie überließen die Entscheidung immer mir, bis ich mich wütend auf den Boden warf. Ich war doch erst acht Jahre alt, ich wäre überallhin mitgekommen.</p>
<p>Mein Vater hat mir später erzählt, dass meine Mutter und er sich vor meiner Geburt darauf geeinigt hätten, niemals meine Freiheit zu begrenzen. Jede Regel, die sie für unsere Familie aufstellten, sollte begründet sein, und sie wollten mir diese Begründung auch geben können, wenn ich sie danach fragte. Sie wollten mich nicht einschränken, damit sie leichter mit mir umgehen konnten. Ich sollte einbezogen sein. Wenn sie etwas verboten, sagten sie nicht, es sei eben verboten und fertig, sondern erklärten es mir, weil sie hofften, dass ich ihr Verbot verstand. Als gebe es das, ein Kind, das ein Verbot versteht, das es selbst betrifft.</p>
<p>Ich erinnere mich an Diskussionen über so simple Dinge wie Händewaschen oder Zähneputzen, und weil jede Regel erklärt wurde, schien auch jede Regel verhandelbar. Es passierte im Grunde nie, dass mein Vater oder meine Mutter irgendetwas anordneten, sie schlugen vor, aber wenn man ihren Willen nicht befolgte, reagierten sie, als habe man sie persönlich beleidigt. Sie stellten sich nie, sie sagten nicht, ich will, dass du das machst, sie sagten, sie seien traurig, wenn ich es nicht täte. Sie behandelten mich wie einen Erwachsenen und legten die Verantwortung für meine Erziehung in meine Hände, während sie daneben standen, als seien sie meine Freunde. Sie mussten nicht auch noch meine Freunde sein, sie waren schon meine Eltern. Aber als solche gaben sie sich mir viel zu selten zu erkennen.</p>
<p>Es war schon dunkel, als ich mich an diesem Abend von ihnen verabschiedete. Ich stand vor dem Haus und schaute die Straße entlang. Es hatte sich nichts verändert, alles wirkte noch wie zu der Zeit, als wir Kinder waren. Damals haben wir geglaubt, wie hier sei es überall, der Prenzlauer Berg, haben wir gedacht, sei die Welt. Aber er war nur eine eigene.</p>
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		<title>Holland setzt auf Devise „Arbeit vor Einkommen“.</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 09:25:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungsarchiv]]></category>

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		<description><![CDATA[Interessanter Beitrag in der FAZ, wie Niederlande ihre Arbeitsmarktpolitik organisiert. New Ways, we can believe in. &#8230;. FAZ 20100205 Arbeitmarktpolitik Niederlande Hartz-IV-Debatte Holland setzt auf Devise „Arbeit vor Einkommen“ Von Michael Stabenow Menschen in der Eigenverantwortung: Die Arbeitsakademie in Leeuwarden 05. Februar 2010 Am Anfang war die Skepsis groß in Leeuwarden. Von Zwangsarbeit, Ausbeutung und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Interessanter Beitrag in der FAZ, wie Niederlande ihre Arbeitsmarktpolitik organisiert. New Ways, we can believe in. &#8230;.</p>
<p><span id="more-238"></span>
<p>FAZ 20100205 Arbeitmarktpolitik Niederlande</p>
<p>Hartz-IV-Debatte<br />
Holland setzt auf Devise „Arbeit vor Einkommen“</p>
<p>Von Michael Stabenow</p>
<p>Menschen in der Eigenverantwortung: Die Arbeitsakademie in Leeuwarden</p>
<p>05. Februar 2010 Am Anfang war die Skepsis groß in Leeuwarden. Von Zwangsarbeit, Ausbeutung und Herzlosigkeit war zur Jahreswende 2006/07 in der Hauptstadt Frieslands viel die Rede. Vier Jahre nach der Einführung der sogenannten Arbeitsakademie („Werkacademie“) hat sich die Stimmung gewandelt. Schon 2007, im ersten Jahr des Bestehens des neuartigen Modells der kommunalen Arbeitsvermittlung, gelang es, die Zahl der Bezieher der durch das Gesetz „Arbeit und Beistand“ (WWB) geregelten Grundsicherung – der niederländischen Version von „Hartz IV“ – in Leeuwarden um 600 auf knapp 3300 zu senken. Das sparte Stadtväter und Steuerzahlern gut zwei Millionen Euro.</p>
<p>Auch zu Jahresanfang 2010, in wirtschaftlich ungleich schwierigeren Zeiten, verbucht die Arbeitsakademie durchaus Erfolge. Auf der offiziellen Internetseite der Stadt klingt es vielversprechend: „Das Jobteam der Arbeitsakademie bietet schöne und herausfordernde Stellen an.“</p>
<p>Anerkennende Worte von Roland Koch</p>
<p>Was in Leeuwarden als Arbeitsakademie bezeichnet und in Deutschland nicht nur anerkennende Worte des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (siehe Kasten) gefunden hat, ist die friesische Spielart einer in den Niederlanden seit einer durch eine Gesetzesänderung zu Beginn des Jahres 2004 gängig gewordenen Strategie. Sie soll nicht nur an den Rand der Gesellschaft geratenen Menschen die Eingliederung in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Verbunden ist dies mit hehren Schlagworten wie Eigenverantwortlichkeit, keine Ausgrenzung, aber auch dem Grundsatz „Arbeit vor Einkommen“. In Leeuwarden lautet die Devise: „Wir schreiben keinen ab.“</p>
<p>Der Paradigmenwechsel war insbesondere eine Folge der Entscheidung des Gesetzgebers, die Finanzierung der Grundsicherung – von derzeit maximal 649,52 Euro je Empfänger – beträgt, den Kommunen zu übertragen. Bis Ende 2003 betrug der Eigenanteil der Gemeinden lediglich 25 Prozent, den Löwenanteil übernahm der niederländische Staat. Die erweiterte finanzielle Verantwortung hat die Kommunalpolitiker zu neuen Ideen beflügelt. Galt früher der Grundsatz „Anspruch auf Sozialhilfe“, so ist das vierstufige Förderprogramm der Arbeitsakademie auf die Arbeitsplatzsuche ausgerichtet. „Der Kunde hat Anspruch auf Arbeit, und solange es ihm nicht gelingt, sie zu finden, hat er zeitweilig Anspruch auf ein Einkommen“, heißt es in den Leitsätzen der Arbeitsakademie. In der Praxis bedeutet dies neben allgemeinen Einführungskursen auch spezifische Schulungen, Anleitungen zu Bewerbungen oder auch Praktika. Im Regelfall dauern die Kurse 32 Stunde je Woche. Ziel ist es, nach eineinhalb Jahren einen Arbeitsplatz zu sichern – nicht unbedingt in der näheren Umgebung. Häufig geht es dabei auch um in den Niederlanden gängige Teilzeitstellen oder um zeitlich befristete Arbeitsverträge.</p>
<p>Jugendlichen eine Chance auf langfristige Beschäftigung geben</p>
<p>Auch wenn die Haager Regierung die seit 2004 geltende Neuregelung als Erfolg sieht, hat sie sich im vergangenen Jahr unter dem Eindruck der Finanz- und Wirtschaftskrise zu einer wichtigen Neuerung gezwungen gesehen. Seit dem 1. Oktober gilt ein Gesetz, das die Gemeinden zwingt, zwischen 18 und 27 Jahren alten Antragstellern eine Stelle oder eine Ausbildungsmöglichkeit anzubieten. Auch eine Kombination von beidem sei möglich, wobei die Arbeitgeber für die Entlohnung, die Gemeinden für die Kosten der Aus- oder Weiterbildung aufkommen müssten. Erklärtes Ziel der Regierung ist es nicht nur, Jugendliche von der Straße zu holen, sondern auch ihre Chancen auf langfristige Beschäftigung zu verbessern.</p>
<p>
Hartz-IV-Debatte<br />
Holland setzt auf Devise „Arbeit vor Einkommen“</p>
<p>Von Michael Stabenow</p>
<p>Menschen in der Eigenverantwortung: Die Arbeitsakademie in Leeuwarden</p>
<p>05. Februar 2010 Am Anfang war die Skepsis groß in Leeuwarden. Von Zwangsarbeit, Ausbeutung und Herzlosigkeit war zur Jahreswende 2006/07 in der Hauptstadt Frieslands viel die Rede. Vier Jahre nach der Einführung der sogenannten Arbeitsakademie („Werkacademie“) hat sich die Stimmung gewandelt. Schon 2007, im ersten Jahr des Bestehens des neuartigen Modells der kommunalen Arbeitsvermittlung, gelang es, die Zahl der Bezieher der durch das Gesetz „Arbeit und Beistand“ (WWB) geregelten Grundsicherung – der niederländischen Version von „Hartz IV“ – in Leeuwarden um 600 auf knapp 3300 zu senken. Das sparte Stadtväter und Steuerzahlern gut zwei Millionen Euro.</p>
<p>Auch zu Jahresanfang 2010, in wirtschaftlich ungleich schwierigeren Zeiten, verbucht die Arbeitsakademie durchaus Erfolge. Auf der offiziellen Internetseite der Stadt klingt es vielversprechend: „Das Jobteam der Arbeitsakademie bietet schöne und herausfordernde Stellen an.“</p>
<p>Anerkennende Worte von Roland Koch</p>
<p>Was in Leeuwarden als Arbeitsakademie bezeichnet und in Deutschland nicht nur anerkennende Worte des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (siehe Kasten) gefunden hat, ist die friesische Spielart einer in den Niederlanden seit einer durch eine Gesetzesänderung zu Beginn des Jahres 2004 gängig gewordenen Strategie. Sie soll nicht nur an den Rand der Gesellschaft geratenen Menschen die Eingliederung in den Arbeitsmarkt ermöglichen. Verbunden ist dies mit hehren Schlagworten wie Eigenverantwortlichkeit, keine Ausgrenzung, aber auch dem Grundsatz „Arbeit vor Einkommen“. In Leeuwarden lautet die Devise: „Wir schreiben keinen ab.“</p>
<p>Der Paradigmenwechsel war insbesondere eine Folge der Entscheidung des Gesetzgebers, die Finanzierung der Grundsicherung – von derzeit maximal 649,52 Euro je Empfänger – beträgt, den Kommunen zu übertragen. Bis Ende 2003 betrug der Eigenanteil der Gemeinden lediglich 25 Prozent, den Löwenanteil übernahm der niederländische Staat. Die erweiterte finanzielle Verantwortung hat die Kommunalpolitiker zu neuen Ideen beflügelt. Galt früher der Grundsatz „Anspruch auf Sozialhilfe“, so ist das vierstufige Förderprogramm der Arbeitsakademie auf die Arbeitsplatzsuche ausgerichtet. „Der Kunde hat Anspruch auf Arbeit, und solange es ihm nicht gelingt, sie zu finden, hat er zeitweilig Anspruch auf ein Einkommen“, heißt es in den Leitsätzen der Arbeitsakademie. In der Praxis bedeutet dies neben allgemeinen Einführungskursen auch spezifische Schulungen, Anleitungen zu Bewerbungen oder auch Praktika. Im Regelfall dauern die Kurse 32 Stunde je Woche. Ziel ist es, nach eineinhalb Jahren einen Arbeitsplatz zu sichern – nicht unbedingt in der näheren Umgebung. Häufig geht es dabei auch um in den Niederlanden gängige Teilzeitstellen oder um zeitlich befristete Arbeitsverträge.</p>
<p>Jugendlichen eine Chance auf langfristige Beschäftigung geben</p>
<p>Auch wenn die Haager Regierung die seit 2004 geltende Neuregelung als Erfolg sieht, hat sie sich im vergangenen Jahr unter dem Eindruck der Finanz- und Wirtschaftskrise zu einer wichtigen Neuerung gezwungen gesehen. Seit dem 1. Oktober gilt ein Gesetz, das die Gemeinden zwingt, zwischen 18 und 27 Jahren alten Antragstellern eine Stelle oder eine Ausbildungsmöglichkeit anzubieten. Auch eine Kombination von beidem sei möglich, wobei die Arbeitgeber für die Entlohnung, die Gemeinden für die Kosten der Aus- oder Weiterbildung aufkommen müssten. Erklärtes Ziel der Regierung ist es nicht nur, Jugendliche von der Straße zu holen, sondern auch ihre Chancen auf langfristige Beschäftigung zu verbessern.</p>
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		<title>Corporate Gouvernance kann was</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 09:20:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[An diesem Ort ist schon viel über Corporate Gouvernance gelästert worden. Und über seinen Hohenpriester. Eher Hoffnung macht dieser Beitrag. Und wieder einmal zeigt sich: Die Dinge regeln sich nicht über die Politik, sondern über die andern Subsysteme. Wenn man sie lässt! &#160; Der Corporate-Governance-Kodex wird zum Anfechtungsrisiko Anfechtungskläger haben den Deutschen Corporate Governance Kodex [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>An diesem Ort ist schon viel über Corporate Gouvernance gelästert worden. Und über seinen Hohenpriester. Eher Hoffnung macht dieser Beitrag. Und wieder einmal zeigt sich: Die Dinge regeln sich nicht über die Politik, sondern über die andern Subsysteme. Wenn man sie lässt!</p>
<p><span id="more-237"></span>
<p>&nbsp;</p>
<table>
<tr>
<td width="100%"><font class="schwarz-bold-14-16">Der Corporate-Governance-Kodex wird zum Anfechtungsrisiko</font></td>
</tr>
<tr>
<td>
<p><font class="dunkelgrau-11-14">Anfechtungskläger haben den Deutschen Corporate Governance Kodex für sich entdeckt. Wenn eine Aktiengesellschaft erklärt, sie folge dessen Empfehlungen, obwohl dies nicht (oder nicht mehr) der Fall ist, droht ihr vor Gericht die Aufhebung ihrer Hauptversammlungsbeschlüsse. Zusätzliche Risiken birgt die neuerdings abzugebende „Erklärung zur Unternehmensführung“. Von Gregor Bachmann</font></p>
</td>
</tr>
<tr>
<td background="/IN/INtemplates/faznet/epaper/img/space.gif" height="1"><img height="15" src="http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/epaper/img/space.gif" width="15" /></td>
</tr>
<p><!-- Ausgabe darf nicht leer sein! --></p>
<tr>
<td background="/IN/INtemplates/faznet/epaper/img/space.gif" height="1" colspan="2"><img height="15" src="http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/epaper/img/space.gif" width="15" /></td>
</tr>
<tr>
<td><font class="dunkelgrau-12-16"><br /></font></p>
<p><font class="dunkelgrau-12-16">BERLIN, 2. Februar. Seit nunmehr acht Jahren stellt der „Deutsche Corporate Governance Kodex“ Empfehlungen für gute Unternehmensorganisation auf. Börsennotierte Aktiengesellschaften werden vom Aktiengesetz dazu verpflichtet, die Einhaltung oder Nichteinhaltung dieser Empfehlungen öffentlich zu verlautbaren. Glaubt man den publik gemachten Entsprechenserklärungen, wird die Mehrzahl der Empfehlungen fast durchgängig befolgt. Diese Befolgungsquote dürfte noch zunehmen, seit das im vergangenen Jahr in Kraft getretene „Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz“ abweichende Unternehmen dazu nötigt, ihre Nichtbefolgung öffentlich zu begründen. Selbst ungeliebte Empfehlungen werden offenbar eher in Kauf genommen, als dem Kapitalmarkt die Nichteinhaltung halbamtlicher Standards zu beichten.</font></p>
<p>Dieser an sich erfreuliche Umstand hat eine Kehrseite: Prozessfreudige Aktionäre entdecken zunehmend das Anfechtungspotential, das im Kodex verborgen ist. Dessen Empfehlungen sind zwar rechtlich unverbindlich. Erklärt aber eine Gesellschaft, dass sie ihnen folgt, obwohl dies nicht der Fall ist, verletzt sie nicht nur den Kodex, sondern zugleich ihre gesetzliche Erklärungspflicht. Weil die Anteilseigner, die auf die Einhaltung der Empfehlungen vertrauen, damit auf falscher Informationsgrundlage beschließen, liegt ein Verfahrensfehler vor, der einen Anfechtungsgrund darstellen kann.</p>
<p>Mit dieser Argumentation bekräftigte der Bundesgerichtshof wiederholt die Aufhebung von Hauptversammlungsbeschlüssen. Der Deutschen Bank wurde zum Verhängnis, dass ihr Aufsichtsrat einen Interessenkonflikt nicht kodexgerecht an die Hauptversammlung berichtet hatte. Das führte zur Vernichtung des Entlastungsbeschlusses (Az.: II ZR 185/07; F.A.Z. vom 17. Februar 2009). Der Axel Springer AG half es in einem ähnlichen Fall nicht, dass das Versäumnis noch in der Hauptversammlung entdeckt und die entsprechende Information dort nachgeliefert wurde (Az.: II ZR 174/08; F.A.Z. vom 30. September 2009). Mit einem „blauen Auge“ kam die MAN AG davon, die ein Aufsichtsratsmitglied wählte, das sowohl die selbstgesetzte Altersgrenze überschritt als auch Zweifel an seiner Unabhängigkeit nährte – und damit gleich mit zwei Kodex-Empfehlungen ins Gehege geriet (Az.: II ZR 14/09). Ihr half allein, dass die betreffenden Empfehlungen so weich formuliert sind, dass ein Verstoß nicht zweifelsfrei auszumachen war. Die Fälle illustrieren, dass es mit einem bloßen Abhaken der Entsprechenserklärung nicht getan ist.</p>
<p>Mag die Aufhebung von Entlastungsbeschlüssen rechtlich keine weiteren Konsequenzen haben, bedeutet doch allein der Prozess, den die Gesellschaft um deren Rechtmäßigkeit führen muss, eine nicht unerhebliche Belastung. Gravierend wird es, wenn Aufsichtsratsbeschlüsse oder gar die Wahl von Aufsichtsratsmitgliedern für nichtig erklärt werden. Zwar hat der Bundesgerichtshof diesen Schritt in der MAN-Entscheidung noch nicht getan. Dass er ihn künftig gehen wird, ist angesichts der Strenge der vorangegangenen Urteile aber nicht auszuschließen. Vom Gesetzgeber dürfen sich die betroffenen Gesellschaften keine Hilfe erhoffen. Mit einer Abschaffung des Tagesordnungspunkts „Entlastung“ ist ebenso wenig zu rechnen wie mit einer radikalen Beschneidung des Anfechtungsrechts der Aktionäre. Letzteres wäre zudem der falsche Weg, weil die Anfechtungsklage gerade bei fehlerhaften Entsprechenserklärungen durchaus ihren Sinn hat. Wollte man es den Aktionären versagen, die öffentlich versprochene Einhaltung des Kodex auf ihren Wahrheitsgehalt zu testen, müsste diese Aufgabe einer anderen Institution übertragen werden. Eine Behörde erscheint dazu aber kaum geeigneter als der schon mit mannigfachen Aufgaben überfrachtete Abschlussprüfer. Die Unternehmen sind daher aufgefordert, sich selbst zu helfen. Dies kann dadurch geschehen, dass die Einhaltung der Kodex-Empfehlungen in die ohnehin gebotene Compliance-Organisation einbezogen wird. Diese sollte in der Lage sein, Kodexabweichungen rechtzeitig zu erkennen. Vorstand und Aufsichtsrat können dann die Entsprechenserklärung noch vor der nächsten Hauptversammlung einschränken oder zurücknehmen.</p>
<p>Scheut der Emittent diesen Aufwand, muss er sich fragen, ob die Entsprechenserklärung nicht von vornherein beschränkt werden kann. Zahlreiche Kodex-Empfehlungen – wie die unlängst Gesetz gewordene Karenzzeit für den Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat – sind und waren rechtspolitisch umstritten. Wer den Mut aufbringt, sich von derartigen Empfehlungen zu distanzieren, muss nicht zwingend damit rechnen, dafür vom Kapitalmarkt bestraft zu werden. Ist eine Nichtbefolgung wirklich einmal mit Kursabschlägen verbunden, mögen die vermiedenen Compliance-Kosten doch zu einem positiven Saldo führen.</p>
<p>Nichtbörsennotierte Aktiengesellschaften sind von der Pflicht, sich über die Einhaltung des Kodex zu erklären, befreit. Auch ihnen legt dieses Regelwerk allerdings nahe, sich an seine Empfehlungen zu halten. Geben sie freiwillig eine Erklärung ab, stellt sich auch für sie die Frage, ob sie bei einer Missachtung eine Anfechtung von Beschlüssen riskieren. Mit der Argumentation des Bundesgerichtshofs kann das nicht bejaht werden, denn mangels gesetzlicher Erklärungspflicht ist in einer fehlerhaften Erklärung kein Gesetzesverstoß zu sehen. Ob die fehlerhafte Erteilung freiwilliger Informationen zur Anfechtung führen kann, ist eine juristisch noch kaum ausgeleuchtete Frage. Vorsorglich sollte auch hier auf eine korrekte Erklärung geachtet werden.</p>
<p>Börsennotierten Gesellschaften hat das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz eine weitere Erklärungspflicht beschert. Sie müssen Angaben zu Unternehmensführungspraktiken machen, die über die gesetzlichen Anforderungen hinaus angewandt werden. Weil diese Angaben auch der sachgerechten Information der Hauptversammlung dienen, kann ihr Unterbleiben die Anfechtung des Entlastungsbeschlusses rechtfertigen. Nach der Logik des Bundesgerichtshofs muss dasselbe bei gravierenden Unrichtigkeiten gelten, soweit diese für die Beschlussfassung relevant sind. Als Bestandteil des Lageberichts ist die „Erklärung zur Unternehmensführung“ zudem bußgeldbewehrt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<p>Der Autor ist Inhaber eines Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Handels-, Gesellschafts- und Kapitalmarktrecht an der Freien Universität Berlin.Mehr zum Thema Recht &amp; Steuern im Internet auf unseren Seiten www.faz.net/recht</p>
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<hr />
<p>Blog: www.faz.net/dasletztewort</p>
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<td background="/IN/INtemplates/faznet/epaper/img/space.gif" height="1"><img height="25" src="http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/epaper/img/space.gif" width="15" /></td>
</tr>
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<td><font class="dunkelgrau-10-12">Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.02.2010 Seite 19</font></td>
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		<title>Gute Initiativen für das NEUE Deutschland.</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 08:49:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Anstatt immer darüber zu reden, was nicht geht, ein Beitrag aus der FAS, wie die Zivilgesellschaft auch was voran bringen kann. FAS 20100207 Teach First Deutschland Eine Hauptschulkarriere Seit fünf Monaten ist Maja Lasic Lehrerin auf Zeit in einer schwierigen Hauptschule in Berlin. Sie hat eine glänzende Karriere dafür unterbrochen. Von Inge Kloepfer In der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Anstatt immer darüber zu reden, was nicht geht, ein Beitrag aus der FAS, wie die Zivilgesellschaft auch was voran bringen kann.</p>
<p><span id="more-232"></span>
<p>FAS 20100207 Teach First Deutschland</p>
<p>Eine Hauptschulkarriere<br />
Seit fünf Monaten ist Maja Lasic Lehrerin auf Zeit in einer schwierigen Hauptschule in Berlin. Sie hat eine glänzende Karriere dafür unterbrochen.</p>
<p>Von Inge Kloepfer</p>
<p>In der Schule am Brunnenplatz in Berlin ist Maja Lasic schnell zum Star geworden. Wenn sie mit ihren energischen Schritten durch das flache Schulgebäude läuft, gibt es kaum einen Jugendlichen, der sie nicht grüßt. &#8220;Hallo Frau Lasic!&#8221; oder &#8220;Tag, Frau Doktor!&#8221; rufen sie ihr zu, in der Hoffnung, ein wenig von ihrer Aufmerksamkeit zu erhaschen. Lasic lacht. Sie kennt viele der fast 500 Schüler mit Namen.</p>
<p>&#8220;Kommst du heute Nachmittag zum Tanzen?&#8221;, ruft sie einem türkischen Mädchen zu, das verzagt in Richtung Ausgang geht. &#8220;Komm vorbei und bring deine Freundin mit.&#8221; Das Mädchen zieht die Stirn in Falten. &#8220;Wir reden nicht mehr&#8221;, erklärt sie der jungen Lehrerin, die seit dem Sommer an der Schule ist. Lasic lässt nicht locker: &#8220;Ich glaube, wir sollten einmal zu dritt sprechen. Nach dem Unterricht habe ich Zeit.&#8221;</p>
<p>Maja Lasic hat immer Zeit. Sie hat die Zeit, mit mehreren Mädchen nachmittags in der Schule zu kochen, Tanzkurse zu organisieren oder eine Fußball-AG mit Trainer für die Jungs oder einen Hausaufgabenclub für die siebte Klasse. Sie hat Zeit, Gespräche zu führen, zu motivieren oder zu den Sitzungen des Quartiersmanagements zu gehen, um für Unterstützung der Kinder vom Brunnenplatz in dem Berliner Bezirk Wedding zu werben. Sie ist mit ihrem Mann in das alte Arbeiterviertel gezogen, wo heute viele Migranten leben. Lasic hat sich zwei Jahre Zeit genommen für jene Kinder und Jugendlichen, die man im Fachjargon als &#8220;sozial benachteiligt&#8221; bezeichnet. Viele von ihnen findet man an der Oberschule am Brunnenplatz, dieser Haupt- und Realschule, die als Namen nur eine Ortsbezeichnung trägt. Deutsche Schüler gibt es dort kaum. Die meisten sind Türken, Araber oder kommen vom Balkan.</p>
<p>Die junge Frau ist keine ausgebildete Lehrerin, sondern hat die Grundzüge der Pädagogik in einem Crashkurs erlernt. Denn sie ist Fellow bei Teach First Deutschland, einer gemeinnützigen Initiative, die nach amerikanischem Vorbild Spitzenabsolventen deutscher Universitäten für zwei Jahre an Brennpunktschulen bringt. In den Vereinigten Staaten hat sich dieses Modell in 20 Jahren zu einer wahren Bildungsbewegung ausgewachsen, bei der sich Jahr für Jahr 20 000 Hochschulabsolventen bewerben. In Deutschland sind mit diesem Schuljahr erstmals knapp 70 Fellows im Einsatz &#8211; für ein Referendarsgehalt von 1700 Euro im Monat.</p>
<p>Die junge Frau aus Bosnien hat dafür viel aufgegeben. Sie hatte nach ihrer Promotion bei Procter &amp; Gamble zum Dreifachen ihres jetzigen Salärs eine Karriere begonnen. Doch die Arbeit hatte sie nicht erfüllt. Jetzt gibt sie Chemie-, Biologie- und Mathematikunterricht. Auch auf Klassenfahrt ist sie schon gewesen.</p>
<p>&#8220;Für die Schüler ist sie wunderbar&#8221;, sagt eine ältere Kollegin, die selbst schon drei Jahrzehnte im Schuldienst ist. &#8220;Schon allein deshalb, weil sie so jung ist und so unverbraucht.&#8221;</p>
<p>Lasic ist das bisschen Luxus in dem eintönigen Alltag der Kinder aus dem Wedding. In Naturwissenschaften zum Beispiel können die Klassen jetzt geteilt werden. Die Gruppen sind kleiner, die Experimente aufwendiger &#8211; und es bleibt mehr in den Köpfen hängen. Auch die stellvertretende Direktorin Steffi Mosch ist begeistert von Lasic&#8217; Anwesenheit &#8211; nicht nur, weil sie mit der promovierten Biologin naturwissenschaftliches Know-how in die Schule bekommt, sondern auch, weil Maja Lasic so motiviert und engagiert ist.</p>
<p>Sie habe sich ja bewusst für dieses Umfeld entschieden und wolle etwas bewegen, sagt die Konrektorin. Außerdem wird sie, anders als andere Quereinsteiger im Schuldienst, permanent betreut und weiter ausgebildet. Die Idee von Teach First Deutschland, junge angehende Karrieristen in schwierige Schulen zu schicken, findet Steffi Mosch gut und wichtig. &#8220;Diese Menschen, die später einmal in Führungspositionen sein werden, bekommen dadurch einen Blick dafür, was hier läuft.&#8221; Hier &#8211; das ist der untere Rand der Gesellschaft. Zu gerne hätte die stellvertretende Schulleiterin noch einen weiteren Fellow von Teach First an ihrer Schule eingesetzt. Doch da hat ihr der Personalrat einen Strich durch die Rechnung gemacht, womöglich aus Sorge, dass die Fellows ausgebildeten Lehrern den Platz wegnehmen könnten. Nur, sagt Steffi Mosch, seien die in Berlin derzeit gar nicht zu kriegen. Für zwei Stellen sucht sie Lehrer. Überall klaffen Lücken.</p>
<p>Auch die Schüler sind begeistert &#8211; vor allem die aus den unteren Klassen, wo sie noch leichter zu motivieren sind. &#8220;Ich lerne jetzt mehr&#8221;, sagt ein arabisches Mädchen und strahlt. &#8220;Das hängt mit Frau Lasic zusammen. Erst dachte ich, sie redet nur über Chemie. Aber sie redet auch über viele andere Sachen.&#8221; Wie viele Mädchen an der Schule trägt sie ein Kopftuch. Zwei Freundinnen bestätigen die Anstrengungen. Motiviert ist sie also &#8211; nur weiß sie selbst nicht, wie lange sie durchhält.</p>
<p>Richtige Enttäuschungen hat Maja Lasic in den ersten fünf Monaten ihres Lehrerdaseins noch nicht erlebt. Die Schule am Brunnenplatz ist keine, in der Bänke gestemmt und auf den Boden des Klassenzimmers gedonnert werden oder in der Jugendliche auf dem Pausenhof Klappmesser auf- und zuschnappen lassen. &#8220;Aber es gibt Dinge, die nicht so funktionieren, wie ich es mir vorgestellt habe&#8221;, sagt sie.</p>
<p>Als bosnisches Flüchtlingskind war sie einst nach Deutschland gekommen. Sie weiß, wie fremd man sich fühlen kann, wenn die eigenen Eltern das Bildungssystem nicht kennen. &#8220;Ich dachte, mit meinem Hintergrund könnte ich sofort ein Vorbild für die Kinder hier sein. Der lebende Beweis sozusagen, dass man es schaffen kann.&#8221; Doch für die Migrantenkinder vom Brunnenplatz komme sie wie von einem anderen Stern, sei viel zu weit weg von deren Welt.</p>
<p>&#8220;Allein die Sprache ist ein großes Problem&#8221;, sagt Lasic, die schon nach ihrer ersten Woche verblüfft war, wie schlecht sich ihre Schüler ausdrücken können, obwohl die meisten von ihnen in Deutschland geboren sind. Ihre Verblüffung kommt nicht von ungefähr. Sie selbst kam mit 13 Jahren hierher, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. Sie wurde zunächst in eine Vorbereitungsklasse gesteckt, wechselte aber bereits nach zwei Monaten in den Normalbetrieb eines Bonner Gymnasiums. &#8220;Die Kinder hier sind nicht nur in Deutsch nicht gut. Sie sind auch in ihrer eigenen Sprache nicht wirklich zu Hause&#8221;, sagt sie. So zeigt sich schon darin ein Teil der Tragödie: Es ist die Heimatlosigkeit dieser Kinder aus dem Wedding, irgendwo mitten in Berlin, deren Mütter die Lehrer nicht verstehen. Es sind Kinder, die ihren Kiez kaum verlassen, außer um in den Sommerferien in die Länder ihrer Familien zu reisen. Zwar wüssten sie, dass es irgendwo da draußen noch eine ganz andere Welt gebe, erzählt Lasic. Aber da wollten sie nicht hin. Und sie hätten keine Ahnung davon, wie sie außerhalb ihres Stadtteils wahrgenommen würden. Lasic versucht, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken.</p>
<p>Es gibt Dinge, die sie richtig traurig machen. Zum Beispiel, dass etliche Schüler einer &#8220;Rückläuferklasse&#8221;, die das Probehalbjahr in der Realschule nicht bestanden haben, oft schwänzen. Oder dass Lehrer ausgerechnet bei jenen Kindern fehlen, die ohnehin nicht auf der Sonnenseite unserer Bildungslandschaft zu finden sind. Und das, obwohl man längst weiß, dass sich bei kleinen Klassen die Leistungen um eine oder zwei Noten verbessern. Oder dass vereinzelt richtig leistungsstarke Jugendliche in der Klasse sitzen, die eigentlich aufs Gymnasium gehörten. Nur hat sich eben nie jemand um sie gekümmert. Auch dass manch ein Lehrer nach all den Jahren die Schüler teilweise aufgegeben hat und deren Fehlverhalten aus ihrer Herkunftskultur ableitet, macht Lasic betroffen: &#8220;Dann heißt es: ,Hör auf damit, du bist hier nicht im Libanon&#8217;&#8221;, zitiert sie und entrüstet sich: &#8220;Als hätte das eine etwas mit dem anderen zu tun.&#8221; Noch sieht sie eben Dinge, die die Lehrer nicht mehr sehen und die die Schulverwaltung oder der Bildungssenator nicht wahrhaben wollen. Nämlich, dass ihre Schüler nur wettbewerbsfähig werden können, wenn sich das Land endlich mehr für sie einsetzt.</p>
<p>Sie jedenfalls tut das &#8211; und wirkt dabei nicht wirklich gestresst. Fast könnte man meinen, sie sei glücklich dort, wo sie jetzt ist. Bereut hat sie ihre Entscheidung bisher nicht. Denn wenn ein Kind sich ihretwegen tatsächlich aufrafft, endlich etwas für die Schule und damit für sich selbst zu tun, wenn es plötzlich mal eine Zwei und keine Fünf schreibt, dann ist das viel mehr als der Verkauf eines Pharmaprodukts.</p>
<p>Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung begleitet Teach First Fellows über zwei Jahre und berichtet regelmäßig über ihre Erfahrungen.</p>
<p>Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.02.2010, Nr. 5 / Seite 39</p>
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		<title>Mehr Elite statt Burka. Frankreich testet eine neue Integrationspolitik</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 08:43:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Zeitungsarchiv]]></category>

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		<description><![CDATA[FAZ 20100208 Mehr Elite statt Burka. Frankreich testet eine neue Integrationspolitik Wer einmal auf dem Hochplateau zu Gast war, auf dem die französische Elitehochschule „École Polytechnique“ ihr Quartier bezogen hat, der kann Pierre Tapie vielleicht ein bisschen besser verstehen. Der Vorsitzende der Konferenz der „Grandes Écoles“ hatte vor kurzem die Pläne der Regierung kritisiert, denen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>FAZ 20100208</p>
<p>Mehr Elite statt Burka. Frankreich testet eine neue Integrationspolitik</p>
<p>Wer einmal auf dem Hochplateau zu Gast war, auf dem die französische Elitehochschule „École Polytechnique“ ihr Quartier bezogen hat, der kann Pierre Tapie vielleicht ein bisschen besser verstehen. Der Vorsitzende der Konferenz der „Grandes Écoles“ hatte vor kurzem die Pläne der Regierung kritisiert, denen zufolge die Eliteschulen künftig verpflichtet sein sollen, etwa ein Drittel ihrer Studenten nicht mehr einzig nach dem Leistungsprinzip auszuwählen, sondern verstärkt junge Franzosen aus sozial schwachen Familien und solchen mit Einwanderungshintergrund aufzunehmen. Dies, so prophezeite Tapie, werde an den Eliteschulen zwangsläufig zu einer Korrektur des Niveaus nach unten führen. In dem Sturm der Entrüstung, den Tapie damit auslöste, war vor allem von sozialem Dünkel und von Verantwortungslosigkeit die Rede.</p>
<p><span id="more-231"></span>
<p>Wenn man einmal gesehen hat, wie die Studenten etwa der „École Polytechnique“ im Süden von Paris untergebracht sind, wenn man die Kletterwand, das Basketballfeld, die Laufbahn für Leichtathleten, den Ruderkanal, das Schwimmbad und den Pferdestall angeschaut hat und darüber hinaus auch einen Blick in die zwar kleinen, aber mit kostenlosem Internet- und Telefonanschluss ausgestatteten Studentenzimmer werfen durfte, dann wird man nachvollziehen können, warum die Elite des Landes so verbissen am Status quo festhält. Jede Aufweichung des Prinzips, dass nur jene eine „Grande École“ besuchen dürfen, die sich erfolgreich durch die extrem selektiven Vorbereitungsklassen gepaukt haben, bedeutete das Ende der Eliten, wie sie Frankreich seit Napoleon kennt. In ihrem Sinne kann das nicht sein.</p>
<p>Dabei ist offenkundig, dass die „concours“ genannten Aufnahmeprüfungen längst nicht allen die gleichen Möglichkeiten gewähren. Wie in Deutschland spielen auch in Frankreich die Einkommens- und Bildungsverhältnisse der Eltern eine entscheidende Rolle bei der schulischen Karriere der Kinder. Die sozialen Unterschiede zwischen manchen Pariser Vorstädten und den bürgerlichen Vierteln spiegeln sich in einer ungleichen Chancenverteilung bei der Ausbildungs- und Berufswahl wider. Deswegen sind auch die französischen Elitehochschulen, wie Klaus Harpprecht einmal schrieb, in Wirklichkeit nichts anderes als ein „republikanischer Aristokratieersatz“.</p>
<p>Wenn sich der französische Präsident nun ausgerechnet auf den für die Republik fundamentalen Wert der Gleichheit beruft, um an besagten Privilegien zu rütteln, ist das nicht ohne eine gewisse Ironie. Erstens hat man sich auf diesen Wert lange berufen, um das bestehende System zu verteidigen. Schließlich hatte der Kampf um „Égalité“, der während der Französischen Revolution ausgetragen wurde, entscheidend dazu beigetragen, dass sich die später gegründeten Eliteschulen strikt am meritokratischen Prinzip orientierten. Zweitens aber macht die nun vorgeschlagene Art von „positiver Diskriminierung“ den Präsidenten in Gleichheitsfragen offenkundig angreifbar. Dennoch wird sein Vorschlag von vielen gutgeheißen, denn Frankreich hat seine Einwanderer lange vernachlässigt. Es hat in gewaltsamen Ausschreitungen erfahren müssen, wie viel sozialer Sprengstoff in diesen Versäumnissen liegt. Der Versuch, den Benachteiligten die elitärsten Institutionen des Landes zu öffnen, ist auch eine Antwort auf diese Ereignisse. Wenn man so will, ist sie das Zuckerbrot, das man den Einwanderern bietet. Die Peitsche gibt es aber auch noch.</p>
<p>Denn auch an anderer Stelle schreitet Frankreich dieser Tage im Namen eines seiner höchsten Güter ein, um sich vor einer vermeintlichen Bedrohung von innen zu schützen. Ob man wegen der etwa zweitausend Frauen, die im Land einen Ganzkörperschleier tragen, eine hitzige Debatte um ein Burka-Verbot führen muss, mag dahingestellt sein. Es zeigt sich allerdings auch hier, wie sehr sich Teile Frankreichs vor einer Radikalisierung seiner vielen muslimisch geprägten Einwanderer fürchten. „Die Burka ist auf dem Territorium der Republik nicht willkommen“, hatte Präsident Sarkozy schon im Sommer vergangenen Jahres gesagt. Es gelte, die Freiheit und die Würde der Frauen zu schützen. Ähnlich wie im Jahr 2004, als das Land darüber debattierte, ob kopftuchtragende Mädchen an öffentlichen Schulen unterrichtet werden sollen, beruft man sich dabei auf die laizistische Tradition des Landes.</p>
<p>Die Vorgehensweise in beiden Debatten aber – sowohl die Idee, die Freiheit des Landes durch ein Verbot zu verteidigen, als auch der Versuch, die Gleichheit durch eine Quotenregelung zu erzwingen – verrät viel über die Hilflosigkeit der Französischen Republik, ihr Verhältnis zu den Einwanderern zu definieren und zu rechtfertigen. Mitten in der selbstgestellten Frage nach der nationalen Identität gesteht man damit implizit ein, dass es, anders als bisher angenommen, doch nicht reichen könnte, einen französischen Pass zu besitzen, um Franzose zu sein. Das stellt uralte Überzeugungen in Frage und schafft Unsicherheiten. Das Ringen um Freiheit und Gleichheit, um die Dogmen des französischen Republikanismus und damit auch um das Erbe der Revolution, hat wieder begonnen. Lena Bopp</p>
<p>
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.02.2010 Seite 25</p>
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		<title>Das Dilemma von Hartz IV</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 08:29:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungsarchiv]]></category>

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		<description><![CDATA[FAZ 20100208 Hartz IV Das Dilemma von Hartz IV Am Dienstag schaut die Republik nach Karlsruhe. Das Bundesverfassungsgericht wird ein Grundsatzurteil zu Hartz IV fällen. Es geht um die Menschenwürde – und um Milliarden Mehrausgaben. cbu. FRANKFURT, 7. Februar. Thomas K. ist ein wuchtiger Mann, doch wenn er über sein Lebensthema Hartz IV redet, ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>FAZ 20100208 Hartz IV</p>
<p>Das Dilemma von Hartz IV<br />
Am Dienstag schaut die Republik nach Karlsruhe. Das Bundesverfassungsgericht wird ein Grundsatzurteil zu Hartz IV fällen. Es geht um die Menschenwürde – und um Milliarden Mehrausgaben.</p>
<p>cbu. FRANKFURT, 7. Februar. Thomas K. ist ein wuchtiger Mann, doch wenn er über sein Lebensthema Hartz IV redet, ist von Behäbigkeit keine Spur. In jeder noch so dunklen Ecke der Arbeitsmarktreform kennt er sich aus. Die Fallstricke und Schachstellen der komplizierten Berechnung, auf der der monatlichen Regelsatz von 359 Euro basiert? „Eine fehlerhafte Datenbasis“, sagte K. bei der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht Ende Oktober und referiert über die Mängel bei der Erhebung des Datenmaterials. Er gräbt Widersprüche aus und kritisiert das „Ping-Pong-Spiel“ zwischen Bund und Ländern bei der Verwaltung der Langzeitarbeitslosen.</p>
<p>Thomas K. macht das erstaunlich eloquent, bei seinen langen Ausführungen vor den acht Bundesrichtern in den roten Roben zeigt er Nervenstärke. Während Dutzende Vertreter aus Bund, Ländern, Kommunen und Verbänden dem höchsten deutschen Gericht in allen technischen Fragen zur Gesetzgebung, Berechnung und Organisation Auskunft geben, repräsentiert er mit Jeans, Pullover und Weste die rund 6,5 Millionen Hartz-IV-Empfänger in ganz Deutschland. „An was für einem Leben kann man teilnehmen mit 700 Euro im Monat?“, fragt er und stellt klar: 700 Euro für sich, seine Frau und seine 16 Jahre alte Tochter. Gerne hätte er sich einen Anzug gekauft, sagt der ehemalige Journalist, doch bei seinen Maßen – zwei Meter Höhe, 150 Kilo und Schuhgröße 51 – hätte das sein Hartz-IV-Budget gesprengt.</p>
<p>Das Hessische Landessozialgericht hat er mit seinen Ausführungen schon überzeugt, was allerdings bei der Besetzung des dort zuständigen Sechsten Senats nicht verwundern kann. Der Vorsitzende Richter Jürgen Borchert hat sich in den vergangenen Jahren als „Sozialrebell“ einen Namen gemacht. Er schickte die Akten deshalb direkt nach Karlsruhe und erklärte, die Regelleistungen verstießen gegen das Existenzminimum, das der Staat gewähren müsse. Außerdem verletzten sie den verfassungsrechtlich geschützten Gleichheitssatz, weil Kinder von Hartz-IV-Empfängern schlechtergestellt würden als Kinder von Sozialhilfeempfängern. Denn Eltern, die nicht als arbeitsfähig eingestuft werden und deshalb Sozialhilfe beziehen, können zusätzliche Unterstützung für Sonderausgaben erhalten.</p>
<p>Schließlich sei auch das Diskriminierungsverbot gegenüber Ehe und Familie betroffen, weil bei der Bemessung der Regelleistung Ein-Personen-Haushalte als Referenzgruppe herangezogen worden seien, obwohl deren Verbrauchsdaten deutlich niedriger als bei Familien ausfielen. In diesen Chor stimmte auch das Bundessozialgericht mit ein. Dort hatten die Richter zwar den Regelsatz für Erwachsene gebilligt, nicht aber die staatliche Unterstützung für Kinder. Die Kasseler Richter legten dem Bundesverfassungsgericht deshalb zwei Fälle zur Entscheidung vor (Az.: 1 BvL 1/09, 3/09 und 4/09).</p>
<p>In der mündlichen Verhandlung deutete viel darauf hin, dass die Verfassungsrichter die monatlichen Regelsätze für Erwachsene sowie die gestaffelten Beträge für Kinder bis 287 Euro nicht uneingeschränkt akzeptieren. Gleich zu Beginn des Prozesstages stellt Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier klar, dass sie in ihrem Urteil den großen Wurf planen: Sie wollen Hartz IV nicht nur am Gleichheitsgebot messen, sondern am Maßstab der Menschenwürde im Artikel 1 des Grundgesetzes. Über Stunden hagelt es kritische Fragen von der Richterbank, Fragen über Berechnungsmethoden und statistische Grundlagen, über fehlende Ausnahmen und unlogische Anpassungsregeln. Selbst Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), sonst eine hartnäckige Optimistin, rechnet nun mit einer Schlappe für die Bundesregierung: „Es mehren sich die Anzeichen, dass das Bundesverfassungsgericht uns aufgibt, die Methode der Berechnung aller Regelsätze zu ändern“, sagte sie jüngst.</p>
<p>Doch selbst wenn die Verfassungsrichter den Hartz-IV-Empfängern recht geben – eine höhere Überweisung vom Amt bedeutet das nicht sofort. Denn die Richter werden dem Gesetzgeber wohl keine genauen Beträge nennen, sondern Vorgaben machen, die er in einem neuen und voraussichtlich sehr zähen Gesetzgebungsverfahren berücksichtigen muss. Dabei hat die Bundesregierung noch nicht einmal den ersten großen Schlag der Bundesverfassungsrichter gegen die Arbeitsmarktreform verdaut: Vor zwei Jahren haben sie die Verwaltungsorganisation der Langzeitarbeitslosen gekippt – und noch immer streiten Bundesregierung, Opposition und Landespolitiker über die möglichen Alternativen.</p>
<p>Für den Staatshaushalt können die Vorgaben der Richter zu Hartz IV teuer werden. Ein Regelsatz von 420 Euro etwa würde nach Berechnungen des wissenschaftlichen Instituts der Bundesagentur für Arbeit 10 Milliarden Euro mehr im Jahr kosten. Selbst nach einem Grundsatzurteil aus Karlsruhe wären wohl nicht alle Rechtsfragen mit einem Schlag geklärt. Im vergangenen Jahr hat die Klageflut mit 194 000 neuen Verfahren an den Sozialgerichten einen neuen Rekord erreicht, wie das Bundessozialgericht vergangene Woche bekanntgab.</p>
<p>Der Grundkonflikt, auf den der Arbeitsstaatssekretär Detlef Scheele in der mündlichen Verhandlung hinwies, wird durch die Entscheidung natürlich erst recht nicht gelöst: „Vielen Hilfebedürftigen werden die Leistungen immer als zu niedrig erscheinen“, sagte er, „während diejenigen, die das Fürsorgesystem mit ihren Steuern finanzieren und sich mit ihrem Einkommen auch nur sehr begrenzt ihre Bedürfnisse erfüllen können, die Leistungen vielleicht eher als zu hoch ansehen.“<br />
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.02.2010 Seite 11
 </p>
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		</item>
		<item>
		<title>Ein Grundeinkommen für alle. HWWI Chef Dr. Thomas Straubhaar für Grundeinkommen.</title>
		<link>http://www.fruehstuecksfernsehen.nikolaus-huss.de/2010/02/ein-grundeinkommen-fur-alle-hwwi-chef-dr-thomas-straubhaar-fur-grundeinkommen/</link>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 08:27:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeitsmarkt]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungsarchiv]]></category>

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		<description><![CDATA[20100228 Straubhaar Grundeinkommen Forum Ein Grundeinkommen für alle Der Staat sollte allen Bürgern ein Einkommen garantieren &#8211; vom Säugling bis zum Greis. Bezahlt wird es aus Steuern Überlagert durch die Finanzkrise war die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Sozialstaats in den Hintergrund getreten. Nun ist mit der Forderung des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>20100228 Straubhaar Grundeinkommen</p>
<p>Forum<br />
Ein Grundeinkommen für alle</p>
<p>Der Staat sollte allen Bürgern ein Einkommen garantieren &#8211; vom Säugling bis zum Greis. Bezahlt wird es aus Steuern</p>
<p>Überlagert durch die Finanzkrise war die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Sozialstaats in den Hintergrund getreten. Nun ist mit der Forderung des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), eine Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger als &#8220;Element der Abschreckung&#8221; einzuführen, eine Debatte über eine Reform der Grundsicherung für Arbeitssuchende entbrannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel entgegnete, dass &#8220;die rechtlichen Rahmenbedingungen, was die Notwendigkeit der Arbeitsaufnahme betrifft, eindeutig ausreichend sind&#8221;. Denn bereits heute wird sanktioniert, wer eine zumutbare Arbeit nicht annimmt oder angebotene Maßnahmen wie Ein-Euro-Jobs ausschlägt. Aber auch die FDP mahnte Korrekturen der Grundsicherung für Arbeitssuchende an. Neben dem Ziel, die Hinzuverdienstmöglichkeiten zu verbessern, sieht das Liberale Bürgergeld der FDP Sanktionen vor, wenn angebotene zumutbare Arbeit abgelehnt wird.</p>
<p>Aus politischer und ökonomischer Sicht ist es zu begrüßen, wenn Sozialleistungsempfänger bessere Möglichkeiten erhalten, Geld dazuzuverdienen. Weniger sinnvoll ist es dagegen, die bestehende Arbeitspflicht weiter zu verschärfen. Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse lassen nämlich vermuten, dass der Mensch kein notorischer Drückeberger ist, sondern sich immer in irgendeiner Form nützlich machen will. Natürlich gibt es Ausnahmen. Sie werden jedoch in jedem Sozialstaatsmodell gleichermaßen zu Problemfällen.</p>
<p>Die diskutierten Reformvorschläge gehen an einer langfristig tragbaren Lösung weit vorbei. Eine ganzheitliche Erneuerung der sozialen Sicherung ist stattdessen notwendig. Denn zum einen bringen Korrekturen innerhalb des Systems immer neue Probleme hervor. So verdrängen öffentlich finanzierte Arbeitsgelegenheiten zunehmend reguläre Beschäftigung. Zum anderen kommt der heutige Sozialstaat immer mehr an seine finanziellen Belastungsgrenzen. Viele Erwerbstätige, die heute Renten oberhalb der Mindestsicherung finanzieren, werden später selbst nur noch eine Mindestrente erhalten. Generationengerechtigkeit und der Grundsatz Alterslohn für Lebensleistung sind so nicht mehr gegeben. Wir brauchen einen Systemwechsel hin zu einer steuerfinanzierten Grundsicherung für alle, hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen.</p>
<p>Die Idee ist folgende: Der Staat gewährleistet allen Bürgern vom Säugling bis zum Greis lebenslang ein existenzsicherndes monatliches Einkommen. Dieses Grundeinkommen wird ohne bürokratischen Aufwand als sozialpolitischer Universaltransfer ausbezahlt. Alle erhalten es, unabhängig von Alter, Einkommen oder Familienstand. Alle zusätzlichen Einkommen, also Löhne, Zinsen, Miet- oder andere Vermögenserträge werden mit einem einheitlichen und gleich bleibenden Steuersatz belegt. Die meisten der heutigen Sozialtransfers können mit dem Grundeinkommen ersetzt werden. Es entsteht ein transparentes Steuer-Transfer-System.</p>
<p>Darüber hinaus ließen sich viele sozialpolitisch motivierte Regulierungen des Arbeitsmarktes, die das Gegenteil des Gewünschten bewirken, durch zielführendere Instrumente ersetzen. Statt Mindestlöhne einzuführen, die für viele gering Qualifizierte Arbeitslosigkeit bedeuten, können die Löhne von Betrieb zu Betrieb frei verhandelt werden. Dies bietet nicht nur für Unternehmen Vorteile. Auch Arbeitnehmer profitieren. Sie können gestärkt durch das Grundeinkommen Arbeitgebern auf gleicher Augenhöhe begegnen. Das Grundeinkommen schafft so einen echten Arbeitsmarkt und verhindert ungewollte Arbeitslosigkeit. Da das Grundeinkommen bedingungslos gewährt wird, schafft es auch in Zeiten eines raschen strukturellen und gesellschaftlichen Wandels unbedingte soziale Sicherheit.</p>
<p>Ein gerne erhobener Einwand gegen ein bedingungslos gewährtes Grundeinkommen ist, dass es mit der Gießkanne über alle ausgeschüttet werde, anstatt gezielt Bedürftige zu unterstützen. Die Kritik hält einer genauen Prüfung jedoch nicht stand. Mit dem Grundeinkommen werden alle, die Hilfe benötigen, auf jeden Fall unterstützt. Für Gutverdienende und Vermögende ist das Grundeinkommen jedoch nichts anderes als ein in anderer Form gewährter Steuerfreibetrag, wie er bereits heute in Deutschland allen gewährt werden muss. Denn mit einem Grundeinkommen entfallen die heute gewährten Steuerfreibeträge. Im Gegenzug wird jedes zusätzlich erwirtschaftete Einkommen ab dem ersten Euro besteuert. Gutverdienende bleiben also Netto-Zahler, und der Steuersatz wirkt progressiv, das heißt, wer besser verdient, wird mit einem höheren Netto-Steuersatz belastet. Geringverdienende hingegen werden netto unterstützt. Zugleich lohnt sich &#8211; im Gegensatz zu heute &#8211; jeder hinzuverdiente Euro.</p>
<p>Die Risiken, die ein derart fundamentaler Neuanfang mit sich bringt, sind abzuwägen mit den Risiken des Festhaltens am heutigen System. Für Deutschland zeigt sich, dass das Grundeinkommen den schwierigen Zielkonflikt zwischen ökonomischer Effizienz und sozialer Gerechtigkeit am kostengünstigsten beheben würde. Natürlich löst das Grundeinkommen nicht alle sozialpolitischen Probleme. Aber es macht viele Probleme einfacher lösbar. Vor allem öffnet es kommenden Generationen größere Handlungsfreiräume für eine eigenständige Gestaltung ihrer Lebensumstände als jede Alternative.</p>
<p>Ein solch fundamentaler Umbau des Steuer- und Sozialsystems muss jedoch in mehreren Schritten erfolgen. Im Fall von unerwünschten Wirkungen kann so schnell und unkompliziert nachjustiert werden. Das vom ehemaligen Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus entwickelte und in der CDU diskutierte &#8220;solidarische Bürgergeld&#8221; findet im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und FDP als Prüfauftrag für ein &#8220;bedarfsorientiertes Bürgergeld&#8221; seine Fortsetzung.</p>
<p>In der Systematik der negativen Einkommensteuer könnten ein zweistufiger Steuersatz sowie ein Kinderbürgergeld von 300 Euro eingeführt werden. Damit wäre das Bürgergeld leichter finanzierbar als ein gleiches Grundeinkommen für alle. Es beinhaltet jedoch immer noch die Vorzüge des bedingungslosen Grundeinkommens, ohne dabei die hohen Risiken einzugehen, die mit einer sofortigen Umsetzung des idealtypischen Modells verbunden wären. Es bietet somit einen Ansatz zur Einführung eines ganzheitlichen Steuer-Transfer-Systems.</p>
<p>(SZ vom 8.2.2010)</p>
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		<title>Cloud Dreamings. Abroad.</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 07:59:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Paradigma]]></category>
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		<category><![CDATA[Zeitungsarchiv]]></category>

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		<description><![CDATA[Ok. Den Hype über Cloud habe ich nie verstanden. Denn einerseits halte ich gerne meine Sachen, sprich Inhalte, fest und andererseits will ich sie auch überall verfügbar haben. Ein Grund für diesen Blog. Aber wenn wir mal über das Surfen auf der Cloud-Wellle hinweg sehen, macht der Beitrag von Charles Leadbeater doch das ganz große [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ok. Den Hype über Cloud habe ich nie verstanden. Denn einerseits halte ich gerne meine Sachen, sprich Inhalte, fest und andererseits will ich sie auch überall verfügbar haben. Ein Grund für diesen Blog. Aber wenn wir mal über das Surfen auf der Cloud-Wellle hinweg sehen, macht der Beitrag von Charles Leadbeater doch das ganz große Bild auf. Er könnte auch einigen Input für die anstehende Enquete-Kommission des Bundestages liefern.</p>
<p>Zumindest liefert der Beitrag auch eine Übersicht über die beteiligen kommerziellen Interessen.</p>
<p>P.S. Dämmert eigentlich einigen Verlegern, dass angesichts dessen, dass die spannenden Diskussionen längst international stattfinden, dass das provinziell Deutsche in der kleinteiligen Zeitungsverlagslandschaft nicht länger überlebensfähig ist.</p>
<p>P.S.S. Dazu passt auch, dass Madsack (Hannoversche Allgemeine Zeitung, Münchner Merkur u.a.) sein Hauptstadtbüro nicht mehr besetzen will. Denn 0-8-15 Nachrichten gibt es auch anderswo. Und auf selbst rechercherietes will man künftig offensichtlich verzichten. Oder, andere Variante, hat der Verleger mehr Weitblick und deshalb erkannt dass das Berliner Regime längst selbstreferentiell und irrelevant ist?)</p>
<p><span id="more-226"></span>
<p>20100208 Sueddeutsche<br />
Verheißung und Bedrohung</p>
<p>&#8220;Cloud Computing&#8221;: In Zukunft werden wir unsere Daten nicht auf Festplatten, sondern im Netz speichern. Das verändert nicht nur die digitale Kultur / Von Charles Leadbeater</p>
<p>Das Netz, mit dem wir aufgewachsen sind, beruhte auf Daten und Software, die dort gespeichert wurden, wo sie Verwendung fanden: auf PCs und Großrechnern. Diese Tatsache gab uns das Gefühl von Besitz und Kontrolle. In einer Welt, in der wir unsere Daten &#8211; E-Mails, Dokumente, Bilder, Musik &#8211; in Form von &#8220;Cloud Computing&#8221; aufbewahren, speichern wir sie fernab in einer Art digitalen Wolke, stets zugänglich über jedes beliebige Gerät: den Computer, den Fernseher, eine Spielkonsole, das Mobiltelefon, sie könnten in unseren Küchentisch eingebaut werden, in den Badezimmerspiegel oder in das Armaturenbrett im Auto. Wir haben überall Zugang zu unseren Daten. Statt Software fest auf unserem Rechner zu installieren, zahlen wir immer dann dafür, wenn wir sie nutzen wollen.</p>
<p>Unsere größte Herausforderung wird sein, Cloud Kultur und den dazugehörigen Kapitalismus im Sinne des Gemein- und des Privatwohls funktionstüchtig zu machen. Es wird nämlich soziale, öffentliche und kommerzielle digitale Clouds geben. Kommerzielle Clouds werden ermöglicht, betrieben und unterstützt werden von kommerziellen Anbietern, die dann auch Daten auswerten und Werkzeuge zur Verfügung stellen, damit jeder einzelne Nutzer zur Auswertung beitragen kann. Die Foto-Clouds von Flickr passen in den Sektor kommerzieller Clouds, auch Google und Amazon bieten Dienstleistungen für kommerzielle Clouds. Auf der anderen Seite ist die &#8220;Digitale Weltbibliothek&#8221;, die aus staatlich finanzierten Bibliotheken rund um die Welt erwächst, das beste Beispiel für eine öffentliche Cloud. Wikipedia könnte man als soziale Cloud bezeichnen: Das Online-Lexikon ist vor allem durch freiwillige Unterstützung entstanden.</p>
<p>All diese Phänomene werden unsere Kultur verändern, also den sich immer weiter entwickelnden Speicher unserer Bilder, Texte und Ideen, mit dem wir unserer Welt Bedeutung verleihen. Cloud Computing wird eine gigantische Maschine zur Erzeugung einer neuen Kultur sein &#8211; und könnte einen Weg ebnen, uns über unterschiedliche Kulturen hinweg miteinander zu verbinden. Disparate und partikuläre Interessen könnten zueinander gebracht und auf neue Weisen miteinander verbunden werden. Das Ergebnis wird keine neue gemeinsame globale Kultur sein, wir werden aber gemeinsame Bezugspunkte und geteilte Plattformen für unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen haben.</p>
<p>Bisher breiteten sich Ideen von Europa und den USA rund um die Welt aus, insbesondere durch die Medien des Industriezeitalters, die massive Investitionen bei Produktion und Distribution erfordern. Diese Medien &#8211; das Kino ist der klassische Fall &#8211; werden noch immer von winzigen Produktionszentren im Westen dominiert. Die Hälfte der 185 Staaten in den Vereinten Nationen hat niemals einen abendfüllenden Spielfilm hervorgebracht.</p>
<p>Viele Kritiker hat das zu der Klage verleitet, dass westliche Kultur, getragen von westlichen Medien, eigenständige nationale und lokale Kulturen und Sprachen entwurzele. Jeremy Tunstalls &#8220;The Media Are American&#8221; fing diese Stimmung ein, die einherging mit Beschreibungen von Prozessen wie &#8220;Dallasifizierung&#8221;, &#8220;Coca-Colanisation&#8221; oder&#8221;McDisneyfizierung&#8221;.</p>
<p>Sieben von den weltweit zehn größten Unternehmen haben ihren Hauptsitz in den USA, darunter Walt Disney, Viacom, News Corporation und Time Warner. Es existieren auch andere wichtige Bezugsquellen für Film und Fernsehen. Bollywood macht mehr Filme als Hollywood, und die lateinamerikanische Telenovela hat eine weltweite Anhängerschaft. Nichtsdestotrotz dominieren die USA und Europa die traditionelle, industrielle Medienkultur. Reiche Länder, so Schätzungen der UNESCO aus dem Jahr 2002, exportieren kulturelle Güter und Dienstleistungen im Wert von 45 Milliarden Dollar, die ärmsten nur im Wert von 329 Millionen Dollar. Und nur ein Prozent der Plattenaufnahmen dieser Welt stammt aus Afrika.</p>
<p>Cloud Culture ermöglicht eine deutlich größere Vielfalt kultureller Ausdrucksformen aus viel mehr Ursprüngen. In diesem Kontext ist die Aufgabe, so viele Menschen wie möglich in die Lage zu versetzen, ihre jeweilige Kultur beizusteuern sowie sie untereinander zu verbinden, ineinander zu übersetzen und miteinander zu vermischen.</p>
<p>Cloud Culture könnte eine seltene und feine Mischung werden: dezentralisierter, pluraler und kooperativer. Weniger hierarchisch, weniger an Besitz und Geld orientiert. Die Grenzen zwischen Amateuren und Professionellen, Konsument und Produzent, Entwicklungen an der Basis und breitem Mainstream werden durchbrochen, wenn nicht zum Verschwinden gebracht. Communitys für Open Source Software und gruppenorientierte Wissenschaftsmodelle, die auf geteilten Datenquellen und Open-Access-Journalen beruhen, weisen den Weg dahin, was in anderen Bereichen möglich sein wird.</p>
<p>Doch das ist nicht mehr als eine Möglichkeit. In der Tat ruft diese neue Kraft, auf Kommunikation beruhend und garantiert durch Formen kollektiver Kooperation in bürgerlichen Gesellschaften, bereits jetzt heftige Kämpfe hervor. Regierungen und Unternehmen versuchen den Bürgern die Kontrolle über die Cloud zu entziehen.</p>
<p>Der Cyberspace sollte der bürgerlichen Gesellschaft helfen. Kosten und Aufwand für politische Organisation sanken. Doch so schnell sich dieser zivilgesellschaftliche Raum öffnete, so raffiniert gingen autoritäre Regierungen dabei vor, ihn wieder zu schließen. Die Vorstellung, dass autoritäre Regierungen immer so schwerfällig sein werden, dass sie vom blitzschnellen Zulauf im Netz überlistet werden, ist ein Irrtum. Wie Jewgenij Morosow, Mitherausgeber der Zeitschrift &#8220;Foreign Policy&#8221;, gezeigt hat, weichen viele Regime der direkten Konfrontation zugunsten einer häufigeren, subtileren, hartnäckigeren und durchdringenderen Form von Cloud Management aus.</p>
<p>Sogar wo Cloud Culture autoritäre Herrschaft zu bedrohen scheint, kann ihr Einfluss leicht überschätzt werden. Ein klassisches Beispiel ist die Rolle, die Twitter bei den Protesten im Iran vom Juni 2009 spielte, die den umstrittenen Wahlen des Landes folgten. Twitter wurde zu einem der Wege, auf denen iranische Internetnutzer Nachrichten über Proteste und polizeiliche Übergriffe verbreiteten, als die Unterstützer von Mir Hussein Musawi die Straßen übernahmen, um dagegen zu protestieren, dass Präsident Mahmud Ahmadinedschad zum Sieger erklärt worden war. Zwischen dem 7. Juni und dem 26. Juni gab es 2024166 Tweets mit Bezug auf die Wahl im Iran. Ein paar Tage lang bestand der Eindruck, dass der Iran den schlagenden Beweis für die Kraft des Netzes liefere, die Welt zu erneuern. Als sich die Aufregung legte, trat die komplexe Realität deutlicher zutage. Eine Untersuchung von 79000 Tweets zu den Protesten von Mike Edwards, einem Wissenschaftler für soziale Netzwerke von der Parsons New School for Design, ergab, dass ein Drittel davon Re-tweets waren &#8211; Tweets von Leuten also, die ein originales Posting weiterleiteten. Die Mehrheit von Mussawis Unterstützern sind junge Städter, die demographisch größte Gruppe von Twitter-Nutzern. Circa 93 Prozent der iranischen Twitter-Nutzer wohnen in Teheran.</p>
<p>Das Wichtigste aber: die Zahlen stimmen nicht. Nach Angaben von Sysomos, einem Unternehmen, das soziale Medienaktivität analysiert, gab es im Iran einen Anstieg bei den Twitter-Mitgliedschaften von 8654 im Mai auf 19235 im Juni 2009. Ein Teil dieses Anstiegs mag zwar auf die Rechnung von Twitter-Nutzern außerhalb des Iran gehen, die sich in dem Land registrierten, um die Behörden zu verwirren. Dennoch entspricht sogar die höhere Zahl von 19235 nur 0,027 Prozent der iranischen Bevölkerung (gemäß der Volkszählung von 2006 70049262). Eine Befragung durch das Centre for Public Opinion und die New American Foundation fand heraus, dass ein Drittel der Iraner Zugang zum Internet besitzt. Das würde bedeuten, dass Twitter-Nutzer zum Zeitpunkt der Revolte 0,082 Prozent der iranischen Internet-Nutzer ausmachten.</p>
<p>Eine andere Bedrohung für die Cloud Culture kommt von Inhabern von Urheberrechten, die das Internet nicht als Technologie kultureller Freiheit, sondern als Zerstörung verstehen. Es zerstört ihr Geschäftsmodell, indem es das kostenlose Kopieren von Inhalten erleichtert. Sie sind der Ansicht, dies untergrabe die Produktion von hochqualifizierten kommerziellen Kulturprodukten &#8211; Bücher, Filme, Fernsehen. Weit davon entfernt, kultureller Reichhaltigkeit den Weg zu ebnen, werde Qualitätskultur vernichtet von einer Unmenge minderwertiger, nutzergenerierter Inhalte. Kritiker wie Andrew Keen und Nicholas Carr sind der Meinung, dass uns das Netz schon jetzt mit allerlei Schädlichem überflute: schlechte Qualität, kurze Aufmerksamkeitsspannen und Amateurkultur ersetzten individuell hergestellte, professionelle Kultur, die Geduld und Hingabe verlange.</p>
<p>Um solche Zerstörung zu verhindern, argumentieren traditionelle Verlage und Eigentümer von Inhalten, benötigten sie eine gesteigerte Kontrolle darüber, wie ihre Inhalte genutzt würden. Weil Inhalte so leicht kopiert und geteilt werden könnten, sei vollständige Kontrolle über ein einzelnes Stück Inhalt &#8211; einen Song etwa oder ein Kapitel aus einem Buch &#8211; unmöglich ohne Kontrolle über sämtliche Links, die jemand beim Teilen mache. Das Versprechen des offenen, kooperativen Netzes könnte so möglicherweise einen Freifahrtschein bedeuten für entsprechend eindringliche Formen von Kontrolle im Namen etablierter kommerzieller Kulturindustrien, die sich vom Netz bedroht fühlen. Es überrascht nicht, dass die Eigentümer der Inhalte Druck ausüben für ein ausgeweitetes Schutzrecht, längere Urheberrechtskonditionen und härtere Strafen für illegales Herunterladen. All das könnte die Ausbreitung, den Umfang und die Kreativität einer offenen Cloud Culture beschränken. Unsere kulturellen Clouds wären zu Sterilität und Trägheit verdammt.</p>
<p>Wenn Inhalte aus der Cloud im Urheberrecht und anderen Formen von geistigem Eigentum gefangen sind, wird es zunehmend schwieriger werden, miteinander in Kontakt zu kommen, sich abzustimmen und zusammenzuarbeiten. Das kreative Potential des Netzes, die Dinge schöpferisch neu abzumischen, wird erheblich beschränkt sein. Um offenere kulturelle Beziehungen im Netz zu fördern, sollten wir uns daher auf folgende Punkte konzentrieren: Wir müssen gemeinschaftliche Lösungen für das Problem der &#8220;verwaisten&#8221; Werke finden. Regierungen sollten der Versuchung widerstehen, Urheberrechtsschutzgesetze auszuweiten. Grundannahme sollte immer sein, dass alle Kulturprodukte sich in der Public Domain finden, nachdem ein genereller Zeitraum von Urheberschutz oder geistigem Schutz ausgelaufen ist. Neue Formen von kreativer Lizensierung nach dem Prinzip des Open Access und den gebräuchlichen Regeln für Kreativität sind erforderlich. Sie müssen so gestaltet werden, dass sie das Teilen ermöglichen, aber gleichzeitig den Originalwerken und ihren Autoren Anerkennung zollen.</p>
<p>Die meisten Medienunternehmen werden neue Geschäftsmodelle benötigen, die darauf zugeschnitten sein müssen, mehr Interaktion mit Inhalten und eine stärkere Verteilung zu erlauben. Staaten, die erfolgreich mit solchen Modellen experimentieren, werden den nächsten Schub kultureller und kreativer Industrien anführen.</p>
<p>Eine dritte Bedrohung entsteht durch die Magnaten im Bereich neuer Medien, den Kapitalisten der Cloud. Facebook, Apple, Google, Salesforce, Twitter trachten danach, mit dem Erstellen und Verwalten von Clouds Geld zu verdienen. Diese Cloud-Kapitalisten sind die neuen Machthaber hinter den globalen kulturellen Beziehungen. Ihr Aufstieg hat einen zunehmend hässlichen Bürgerkrieg mit den alten Medien ausgelöst, der von Rupert Murdoch angeführt wird. Die Schlacht zwischen den alten und den neuen Medien jedoch hat unsere Aufmerksamkeit von der Frage abgelenkt, wie diese Unternehmen Cloud Culture in unserem Interesse organisieren wollen. Sie werden die Cloud so strukturieren, dass sie Geld verdienen. Am Ende des Jahrzehnts wird Google nie dagewesene Kontrolle über unsere literarische Kultur besitzen, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Selbst wenn man die Fragen nach Monopolisierung, Privatsphäre und Sicherheit außer Acht lässt, werden kommerzielle Anbieter von Dienstleistungen für die Cloud einem starken Anreiz unterliegen, ihre Nutzer dahingehend zu steuern, dass sie ihre Erträge maximieren, um davon abzuschrecken, dass sie von einem Dienst zu nächstem springen.</p>
<p>Heute taucht eine Massenkultur am Horizont auf, die mehr als frühere Kulturformen auf Partizipation und Kooperation beruht, die sich um Suchen, Handeln, Teilen, Machen, Verändern dreht. Sie stimuliert, weil Menschen hier aktiv Teilhabende und Erschaffer von Kultur werden statt bloß Empfänger. Optimisten sehen in diesem Umbruch große Möglichkeiten, eine globale Plattform für kulturellen Ausdruck und Austausch. Skeptiker warnen davor, dass unsere &#8220;Clouds&#8221; wahrscheinlich eher die kulturelle Entsprechung zu saurem Regen oder, schlimmer, schwere Stürme hervorbringen werden. Sie befürchten, dass wir einer Kultur von ständiger Störung, Lärm und Ablenkung entgegengehen, in der, je mehr es an Musik und Text, Bildern und Filmen geben wird, auch umso mehr kulturelles Tohuwabohu und soziales Chaos entsteht. Unseren Interessen als Bürger und Konsumenten wird am besten gedient sein, wenn es eine reiche Auswahl an kulturellen Clouds gibt: öffentliche und private, gruppenbasierte und unverbindliche, globale und extrem ortsgebundene, kosmopolitische und nationale. Wir sollten die größtmögliche Vielfalt an Clouds anstreben statt einfach an die Cloud schlechthin zu denken. Cloud Culture wird negative Auswirkungen haben. Dennoch existiert noch immer ein unermessliches Potential für uns, unsere eigenen Kulturen reichhaltiger zu machen, die Kultur des jeweils anderen besser zu verstehen und eine größere Freiheit im kulturellen Ausdruck zu genießen. Diese Möglichkeit, eine neue Gattung globaler kultureller Güter, wird nur dann weiterhin offenstehen, wenn wir uns den Versuchen von Regierungen und Unternehmen widersetzen, die Cloud Culture exklusiv für ihre eigenen Zwecke einzuspannen.</p>
<p>Der Autor ist Publizist und Berater der britischen Regierung. Der Text beruht auf einer Studie für Counterpoint, den Think Tank des British Council und erschien im Original in der Reihe Edge Essays auf edge.org.</p>
<p>Aus dem Englischen von Michael Stallknecht</p>
<p>(SZ vom 8.2.2010)</p>
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		<title>Die empathische Zivilisation.</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Feb 2010 07:05:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Paradigma]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
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		<description><![CDATA[Jermey Rufkin hat ein neues Buch geschrieben: Die empathische Zivilisation. Dort zeichnet er nach, wie sich die Welt verändert: Gefühlte Nähe ist nicht mehr reale Nähe, die Welt wächst, da hat er Recht, zusammen. Das empathische Bewußtsein, was er postuliert, gibt es bereits: In der Bevölkerung. Wie viele junge Menschen gehen &#8220;weltwärts&#8221;, nach Afrika, weil [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jermey Rufkin hat ein neues Buch geschrieben: Die empathische Zivilisation. Dort zeichnet er nach, wie sich die Welt verändert: Gefühlte Nähe ist nicht mehr reale Nähe, die Welt wächst, da hat er Recht, zusammen.</p>
<p>Das empathische Bewußtsein, was er postuliert, gibt es bereits: In der Bevölkerung. Wie viele junge Menschen gehen &#8220;weltwärts&#8221;, nach Afrika, weil sie diese Empathie bereits erspüren. Auch die Frage der technologischen Netzwerkrevolution als einen der Treiber neuen Bewußtseins ist richtig erkannt.</p>
<p>Soweit d&#8217;Accord. Was aus meiner Sicht allerdings unterbelichtet bleibt, ist die Frage, ob nationale Regierungen adäquat auf diese Herausforderungen reagieren. Denn Politik im nationalstaatlichen Sinne, also ökonomisch unterlegte Entwicklungsprogramme, werden die Welt nicht retten, eher die Korruption fördern. Aber hält das &#8220;empathische Bewußtsein&#8221; eines Westeuropäers es aus, wenn über den Bildschirm Katastrophenbilder flimmern und er darauf verzichten soll, mit Hilfsgelder gewachsene Strukturen zu zerstören, also die westlichen Rettungstruppen des Roten Kreuzes als Pioniere der westlichen Zivilisation einmarschieren? Eine empathische Zivilisation braucht auch die Nüchternheit, nicht alles mit dem Herzen, sondern dem Verstand zu begreifen. Sonst wird aus Betroffenheit mehr kaputt gemacht als bleibt.  </p>
<p><span id="more-224"></span><br />
<h3>20100208 Berliner Zeitung</h3>
<h3>Die empathische Zivilisation</h3>
<h4>Wie die Dritte Industrielle Revolution unser Menschenbild verändert und die Welt retten kann / Von Jeremy Rifkin</h4>
<div class="inner">
<p>Zwei spektakuläre Krisen des globalen Wirtschafts- und Regierungssystems, die im Abstand von nur 18 Monaten aufeinander folgten, markieren das Ende der alten Industriegesellschaft. Im Juli 2008 kletterte der Ölpreis auf 147 US-Dollar pro Barrel; Inflation und Preise schnellten weltweit in die Höhe; der globale Wirtschaftsmotor verstummte. Schuld war die wachsende Nachfrage nach fossilen Rohstoffen, die längst nicht mehr nur von den entwickelten Industrieländern ausgeht, sondern auch von China, Indien und anderen aufstrebenden Wirtschaftsnationen. Das Angebot deckte die Nachfrage nicht mehr, die globale Wirtschaft kollabierte. Der Zusammenbruch der Finanzmärkte zwei Monate später war bloß eine Nebenwirkung dieses Ereignisses. Die fossilen Rohstoffe gehen zur Neige, und mit ihnen verschwindet die gesamte Infrastruktur der Welt, wie wir sie kennen.</p>
<p>Im Dezember 2009 versammelten sich Regierungsführer aus 192 Ländern in Kopenhagen, um Maßnahmen gegen die globale Klima-Erwärmung zu beschließen &#8211; jener dramatischen Spätfolge der fossilen Energiewirtschaft, auf der das nun zu Ende gehende Industriezeitalter gründete. Trotz jahrelanger Vorbereitungen einigten sie sich nicht mal auf eine Abschlusserklärung.</p>
<p>Weder die Politiker noch die Wirtschaftsführer der Welt haben das ökonomische Debakel des Juli 2008 vorhergesehen; auch sind sie bislang nicht in der Lage gewesen, wirksame Gegenmaßnahmen zu treffen. Die gleiche Unfähigkeit beweisen sie in der Frage der Klima-Erwärmung &#8211; obwohl die Wissenschaftler weltweit davor warnen, dass daraus die größte Bedrohung der Menschheitsgeschichte erwachsen kann, bis hin zur völligen Auslöschung der Art.</p>
<p>Beide Probleme lassen sich nicht durch ein paar Reformen beheben, durch eine straffere Regulierung des Marktes oder abermals gesenkte Emissionsgrenzen. Der Grund der globalen Krise liegt tiefer &#8211; in jenem Bild der menschlichen Natur, an dem die Regierungsführer der Welt ihr Handeln ausrichten; ein Menschenbild, das die Philosophen der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert erschufen, in der Morgendämmerung des modernen Kapitalismus und der Nationalstaaten.</p>
<p>Menschenbild der Aufklärung</p>
<p>Die Aufklärungsdenker &#8211; John Locke, Adam Smith u.a. &#8211; räumten mit der mittelalterlichen Vorstellung auf, dass der Mensch ein schuldiges, gefallenes Wesen sei und Erlösung nur durch Gottes Gnade im Jenseits erlangen könne. Dem setzten sie ein Menschenbild entgegen, das von Willensfreiheit, Vernunft, Individualismus, Schöpferkraft und Eigennutz geprägt war; wenn der Mensch nach Erlösung suchen solle, so nicht im Jenseits, sondern in der Verbesserung seiner diesseitigen Lebensverhältnisse.</p>
<p>Das aufklärerische Menschenbild spiegelte sich in der Konstruktion des modernen Nationalstaats wider: Dessen Daseinsberechtigung lag einerseits im Schutz des privaten Eigentums und der Förderung der freien Marktwirtschaft &#8211; und andererseits darin, die Interessen der neuen Staatsvölker auf der internationalen Bühne durchzusetzen. Wie der moderne Bürger, wurde auch der Nationalstaat als autonomes Individuum angesehen, das mit anderen Nationalstaaten um den besten Zugang zu den natürlichen Rohstoffen konkurriert.</p>
<p>Sollte dieses Bild der menschlichen Natur einer unabänderlichen Wahrheit entsprechen &#8211; dann sind wir ohne Frage als Gattung zum Untergang verdammt: Wie sollen wir eine auf Nachhaltigkeit zielende globale Wirtschaft errichten und die Biosphäre regenerieren, wenn wir alle bloß Egoisten sind, die nur auf kurzfristigen Eigennutz zielen?</p>
<p>Aber es gibt Hoffnung: Das belegen jedenfalls neue Erkenntnisse der Neurowissenschaft und der Entwicklungspsychologie, die das Menschenbild der Aufklärung in Frage stellen. Biologen und Kognitionswissenschaftler haben Spiegelneurone &#8211; sogenannte Empathie-Neurone &#8211; entdeckt, die es Menschen und anderen Lebewesen erlauben, sich in die Situation eines anderen Wesens hineinzuversetzen. Und der Mensch ist von allen Lebewesen das sozialste; die Suche nach Gemeinschaft und Austausch liegt fundamental in seiner Natur. Sozialwissenschaftler haben begonnen, die Geschichte der Menschheit unter dem Aspekt der Empathie neu zu betrachten. Dabei hat sich gezeigt, dass die Evolution unserer Art eben nicht nur vom Willen zur wachsenden Naturbeherrschung getrieben wurde, sondern auch von der wachsenden Empathie mit Anderen über immer größere zeitliche und räumliche Entfernungen hinweg. Diese wissenschaftliche Erkenntnis wird, wie ich glaube, weitreichende Konsequenzen besitzen.</p>
<p>Was wir jetzt brauchen, ist die Erschaffung eines globalen Empathie-Bewusstseins in weniger als einer Generation &#8211; nur dann werden wir die Biosphäre erretten und die globale Wirtschaft auf ein neues Fundament stellen können. Die Frage ist jetzt: Was sind die Mittel, mit denen sich empathisches Verhalten im Verlauf der Geschichte herausgebildet hat und mit denen es nun ins Stadium der Selbstreflexivität gelangen kann?</p>
<p>Die Geschichte ist bislang immer dann an Wendepunkte gelangt, wenn neue Weisen der Energiegewinnung auf neue Kommunikationsformen trafen und daraus neue Wirtschaftssysteme entstanden. Mit komplexeren Formen der Kommunikation wurde es möglich, jene komplexeren Formen der Zivilisation zu regieren, die sich aus den veränderten Formen der Energiegewinnung ergaben. So ermöglichte erst die Technik des Buchdrucks die Organisation der auf Kohle, Dampf und Eisenbahnen gegründeten Ersten Industriellen Revolution &#8211; es ist unmöglich, sich eine Industrialisierung mit Pergamentrolle und Federkiel vorzustellen.</p>
<p>Kommunikationsrevolutionen dienen aber nicht nur zur Steuerung neuer, komplexerer Energiesysteme. Sie erweitern das menschliche Bewusstsein. Jäger-und-Sammler-Gesellschaften gründeten auf oraler Kommunikation und besaßen ein mythisch geprägtes Bewusstsein. Ackerbau-und-Viehzucht-Gesellschaften organisierten sich im Wesentlichen um schriftliche Kommunikation und besaßen ein religiös geprägtes Bewusstsein. Die Erste Industrielle Revolution des späten 18. und 19. Jahrhunderts gründete auf gedruckter Kommunikation und spiegelte sich in einem ideologisch geprägten Bewusstsein. Digitale Kommunikation hat die Zweite Industrielle Revolution im 20. Jahrhundert organisiert und die Grundlage für ein psychologisch geprägtes Bewusstsein gelegt.</p>
<p>Je avancierter und komplexer die Kommunikationsformen sind, desto größer, vielfältiger und komplexer sind die sozialen Strukturen, die daraus entstehen. Orale Kommunikation unterlag starken zeitlichen und räumlichen Beschränkungen, während Schrift, Druck und Digitalisierung die soziale Interaktion immer stärker ausdehnten und intensivierten. Damit reifte und intensivierte sich aber auch die menschliche Empathie. Ein Beispiel: In der von Pergament und Religion geprägten Ackerbau-und-Viehzucht-Gesellschaft weiteten sich die empathischen Gefühle von den Stammesverwandten auf sämtliche Mitglieder der eigenen Religion aus. Juden fühlten empathisch mit anderen Juden, Christen mit Christen, Moslems mit Moslems und so weiter. Während der Ersten Industriellen Revolution, geprägt durch Drucktechnik und Ideologien, weitete sich das empathische Empfinden auf nationale Gemeinschaften aus: Amerikaner fühlten empathisch mit anderen Amerikanern, Deutsche mit Deutschen, Japaner mit Japanern und so fort. In der Zweiten Industriellen Revolution, geprägt durch Digitalisierung und Psychologie, begannen sich die Individuen mit all jenen zu identifizieren, in denen sie Gleichgesinnte erkannten.</p>
<p>Heute stehen wir an der Schwelle zu einer weiteren Revolution des Energie- und Kommunikationssystems: Im Verlauf dieser Dritten Industriellen Revolution könnte sich die empathische Sensibilität auf die Biosphäre und das gesamte Leben auf der Erde ausdehnen. Die Revolution des dezentrierten Internet trifft auf ein dezentriertes System der Energiegewinnung, aus dem eine nachhaltige, postfossile Ökonomie entstehen kann, die gleichermaßen global vernetzt und lokal organisiert ist.</p>
<p>Im 21. Jahrhundert werden Millionen von Menschen ihre Wohnhäuser zu kleinen Kraftwerken umformen; sie werden regenerative Energie gewinnen, diese in Form von Wasserstoff speichern und überschüssige Elektrizität in lokalen, regionalen, nationalen, kontinentalen Netzwerken mit anderen Menschen teilen &#8211; in einer Struktur, die an unser jetziges Internet erinnert: Neben die Open-Source-Verteilung von Information tritt die Open-Source-Verteilung von Energie; und daraus entstehen neue Formen der Kooperation. Wenn jede Familie, jeder Betrieb die Verantwortung für seinen kleinen Teil der Biosphäre übernimmt und die selbsterzeugte regenerative Energie mit Millionen anderer Menschen über intelligente, interkontinentale Energienetzwerke teilt, werden wir alle auf der elementaren Ebene der Lebenserhaltung vernetzt.</p>
<p>Und diese neuen, dezentralisierten Formen der Kommunikation werden nicht nur die Form der Energieversorgung verändern, sondern auch das menschliche Bewusstsein. Die Revolution der dezentrierten Kommunikation erschafft ein neues Zentralnervensystem für Milliarden und Abermilliarden von Menschen und vernetzt die Gattung über alle räumlichen und zeitlichen Grenzen hinweg. Das heißt aber: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschen kann sich Empathie für Andere in einem globalen Maßstab ausbilden.</p>
<p>Ob der Sprung in die globale Empathie gelingt, hängt wesentlich davon ab, wie wir die dezentrierte Kommunikation in Zukunft zu nutzen verstehen. So fortgeschritten die Vernetzung der Menschen inzwischen auch sein mag &#8211; bislang hat uns ja niemand einen wahrhaftigen Grund dafür nennen können, warum wir uns eigentlich vernetzen sollten. Bislang schien es vor allem darum zu gehen, Informationen zu tauschen, sich unterhalten zu lassen, den Austausch von Waren zu vereinfachen und die Effizienz des globalen Wirtschaftssystems zu erhöhen. All das erklärt noch lange nicht, warum sieben Milliarden Menschen die Anstrengung unternehmen sollten, sich zu einer globalen Gemeinschaft zu vernetzen. Wie wäre es aber, wenn unsere dezentrierten globalen Kommunikationsnetzwerke uns dabei helfen würden, in eine ganz neue, tiefe Verbindung zu jener Biosphäre zu treten, die uns alle am Leben hält?</p>
<p>Die Biosphäre ist die schmale, kaum 60 Kilometer durchmessende Zone zwischen dem Meeresgrund und dem Weltall, in der alle Lebewesen miteinander und mit den geochemischen Prozessen der Erde dergestalt vernetzt sind, dass sie sich gegenseitig am Leben erhalten. Wir beginnen zu verstehen, dass die Biosphäre wie ein Organismus funktioniert &#8211; ein Organismus, zu dem wir Menschen untrennbar gehören und für dessen Erhalt wir Verantwortung tragen. Dieser Verantwortung gerecht zu werden, bedeutet: unser individuelles Leben in unserem Viertel, unserer Gemeinschaft mit den Bedürfnissen der Biosphäre zu versöhnen. Die Dritte Industrielle Revolution bietet dazu die Gelegenheit.</p>
<p>Wenn wir uns die angeborene Gabe der Empathie zunutze machen, um eine neue globale Ethik der harmonischen Versöhnung aller lebenserhaltenden Kräfte auf diesem Planeten zu entwickeln &#8211; dann können wir das alte, von Vereinzelung und Eigennutz geprägte Menschenbild ebenso überwinden wie das Zeitalter der nationalen Markt- und Regierungssysteme. Die Dritte Industrielle Revolution erlaubt uns, einen völlig neuen Ansatz zur Globalisierung zu entwickeln: eine &#8220;Kontinentalisierung&#8221;, die nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben verläuft. Weil die erneuerbaren Energien mehr oder weniger gleichmäßig über die gesamte Welt verteilt sind, ist jede Region potenziell dazu in der Lage, sich selbst mit der nötigen Energie zu versorgen &#8211; und sich gleichzeitig mit Hilfe intelligenter Netzwerke über Kontinente hinweg mit anderen Regionen zu verbinden.</p>
<p>Zeitalter der Dezentrierung</p>
<p>Die Kontinentalisierung verändert auch unsere Regierungsformen. Dezentrierte erneuerbare Energien, die lokal und regional erzeugt werden, um dann mithilfe von intelligenten Netzwerken international peer to peer verteilt zu werden, erfordern auch ein nahtloses Netzwerk transnationaler und transkontinentaler Regierungsinstitutionen. Die Europäische Union ist die erste kontinentale Regierungsinstitution der Ära der Dritten Industriellen Revolution. Sie hat bereits damit begonnen, die Infrastruktur für ein europaweites System der Energie-Erzeugung und Verteilung zu schaffen, das bis zur Mitte dieses Jahrhunderts von der Irischen See bis an die russische Grenze reichen wird. Auch in Asien, Afrika und Lateinamerika entstehen kontinentale Gemeinschaftsgebilde, aus denen sich bis zum Jahr 2050 die wesentlichen Regierungsinstitutionen entwickeln werden.</p>
<p>Das heißt: In den nächsten Jahrzehnten werden die Regierungsinstitutionen jenen Ökosystemen, deren Gebrauch sie regeln, strukturell immer ähnlicher werden. So wie Habitate innerhalb von Ökosystemen und Ökosysteme innerhalb der Biosphäre in einem Netz wechselseitiger Abhängigkeiten stehen &#8211; so werden auch die Regierungsinstitutionen der Zukunft aus Netzwerken bestehen, in denen lokale, regionale, nationale und schließlich kontinentale Formen der Politik sich miteinander verflechten. Der politische Organismus der Zukunft arbeitet wie die Biosphäre selbst: komplex, synergetisch und reziprok.</p>
<p>Die überkommene Unterscheidung zwischen &#8220;linker&#8221; und &#8220;rechter&#8221; Politik wird damit hinfällig werden. Der Dualismus der Zukunft verläuft zwischen den Generationen. Auf der einen Seite steht die ältere Generation mit ihren traditionellen Top-Down-Modellen der sozialen Organisation in Familie, Bildung, Handel und Regierung. Auf der anderen Seite steht eine jüngere Generation, deren Denken nicht mehr hierarchisch ist, sondern dezentral und vernetzt, die nach kollektiven und kosmopolitischen Formen des Miteinanders sucht und die ihre Arbeits- und sozialen Räume nach dem Open Source Modell organisiert. Für die Internet-Generation wird die Verbesserung der &#8220;Lebensqualität&#8221; ein mindestens ebenso wichtiges Ziel sein wie die Akkumulation materieller Güter.</p>
<p>Wir befinden uns bereits mitten im Übergang zum Biosphärenbewusstsein. Auf der ganzen Welt hat eine junge Generation zu verstehen begonnen, dass ihr täglicher Verbrauch von Energie und anderen Ressourcen unmittelbare Auswirkungen auf das Leben jedes anderen Menschen und jedes anderen Erdbewohners besitzt. Diese junge Generation überwindet die Grenzen religiöser und nationalstaatlicher Gemeinschaften und identifiziert sich mit der Menschheit und dem irdischen Leben im Ganzen. Eine empathische Zivilisation entsteht. Die Frage ist nur: Wird sie schnell genug wachsen, um jene Bedrohung abzuwenden, die noch aus dem vergangenen Zeitalter der fossilen Energiegewinnung herrührt &#8211; das Menetekel des Klimakollaps? Werden wir den Zustand der globalen Empathie und des Biosphärenbewusstseins noch rechtzeitig erlangen, um die Zerstörung des Planeten und die Auslöschung der Menschheit abzuwenden?</p>
<p>Aus dem Amerikanischen von Jens Balzer.<!--VERLINKUNG--></p>
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		<title>Recht haben. Und Recht bekommen. Wieviel der Rechtsstaat in Einzelnen wert ist, muss sich auch im Einzelfall erweisen.</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Feb 2010 11:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bürgerrecht]]></category>
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		<description><![CDATA[Für der Serie &#8220;Die scheinbaren Grundlagen unserer Gesellschafts- und Rechtsordnung&#8221; zeigt die Bienale einen eindrucksvollen Einblick darin, wie wenig Wert eigentlich die Grundfesten unseres Rechtsstaates sind, wenn man nicht zum Kernbestand dieser Gesellschaft gehört, spricht weiss ist und mit beiden Elternfüsssen fest in der germanischen Ethnie verwachsen ist. (Berliner Zeitung vom 6.2.2010) Immerhin: Der Staat [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Für der Serie &#8220;Die scheinbaren Grundlagen unserer Gesellschafts- und Rechtsordnung&#8221; zeigt die Bienale einen eindrucksvollen Einblick darin, wie wenig Wert eigentlich die Grundfesten unseres Rechtsstaates sind, wenn man nicht zum Kernbestand dieser Gesellschaft gehört, spricht weiss ist und mit beiden Elternfüsssen fest in der germanischen Ethnie verwachsen ist. <a title="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0206/magazin/0007/index.html" href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0206/magazin/0007/index.html" target="_blank">(Berliner Zeitung vom 6.2.2010) </a> Immerhin: Der Staat hat seine Entscheidungen korrigiert. Aber das Beispiel sollte doch nachdenklich machen.</p>
<p><span id="more-221"></span>
<p>BerlZeit20100206 Abschiebung</p>
<p>WAS ICH NIE VERGESSEN WERDEDie längste Nacht<br />
Die Libanesin Lial Akkouch tritt auf der Berlinale in dem Dokumentarfilm &#8220;Neukölln Unlimited&#8221; auf. Hier erinnert sie sich, wie sie mit 14 Jahren aus Deutschland abgeschoben wurde</p>
<p>Immer, wenn es an unserer Tür klopft, beginnt mein Herz zu rasen. In den Augen meiner Mutter und meiner Geschwister erkenne ich die gleiche Angst. Dabei liegt die Nacht, in der sie uns geholt haben, fast sieben Jahre zurück.</p>
<p>Es war der 2. April 2003, halb fünf am Morgen, draußen war es noch dunkel. Ich war damals vierzehn Jahre alt und als Einzige wach, weil ich bis zur Schule in Rudow einen weiten Weg hatte. Ich mochte diese Ruhe am Morgen, wenn die anderen noch schliefen. Als Älteste von fünf Geschwistern passt man immer irgendwie auf. Meine Eltern lebten seit einiger Zeit getrennt, vor zwanzig Jahren sind sie aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Ich war zwei Jahre alt und bin in Berlin aufgewachsen. Ich liebe den Lärm der Straßen, den Dunst der Autos, die vielen unterschiedlichen Menschen. Den Libanon kannte ich nicht, bis zu dem Tag, als man uns dorthin zurückschickte.</p>
<p>Durch die Badezimmertür hörte ich ein lautes Klopfen. &#8220;Kriminalpolizei Berlin. Aufmachen!&#8221;, rief jemand vor der Tür. Meine Mutter hatte einen Bademantel übergezogen, ich selbst war noch im Schlafanzug, als wir die Tür öffneten. Drei Männer und eine Frau drängten herein. &#8220;Zieht euch was über und packt das Nötigste ein, jetzt geht es heim in den Libanon.&#8221; Einer hatte ein Papier in der Hand, auf dem stand, dass wir in diesem Land nicht länger geduldet werden. Meine Mutter sagte, es müsse sich um einen Fehler handeln, unsere Familie habe ein laufendes Asyl-Verfahren. &#8220;Jaja&#8221;, der Polizist winkte ab. Der Lärm weckte meine Geschwister. Der Kleinste, Mohammed, war erst vier und schrie, meine elfjährige Schwester Atura weinte, mein Bruder Maradona, damals neun, rannte hilflos im Flur umher. Nur Hassan mit seinen dreizehn Jahren blieb völlig ruhig. Einer der Männer sagte, wir sollten jeder ein Spielzeug einpacken, wer wüsste schon, ob es im Libanon überhaupt Spielsachen gäbe. Ich hasste ihn in dem Moment, ich hasste sie alle. Sie scheuchten uns durch die Wohnung, wir sollten uns beeilen. Inmitten dieses Chaos brach meine Mutter plötzlich ohnmächtig zusammen.</p>
<p>Sie solle aufhören zu schauspielern, sagten die Polizisten, tatschten ihr ins Gesicht und versuchten, sie wieder aufzurichten. Ihr Gesicht war bleich, ihr Körper verkrampft. Ich kniete neben ihr und versuchte, sie zu schützen. &#8220;Kein deutsches Gesetz erlaubt es Ihnen, meine Mutter so anzufassen&#8221;, sagte ich, doch sie lachten nur. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis meine Mutter wieder zu Bewusstsein kam. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.</p>
<p>Vor unserer Haustür parkte ein Van, eines dieser Autos, in denen man normalerweise Familienausflüge macht. Es war kühl, die Luft feucht. Sie fuhren uns in ein Gebäude in der Nähe des Flughafens Tegel. Dort wurden wir verhört und mussten uns bis auf die Unterwäsche ausziehen. Man wollte sicherstellen, dass wir nichts an Bord schmuggeln. Wie gelähmt warteten wir in einer Familienzelle, bis uns jemand zum Flugzeug brachte. Drei Männer mit Gewehren bewachten den Ausgang. Hassan und ich starrten aus dem Fenster, als der Flieger abhob. Die Stadt wurde kleiner und kleiner, und verschwand schließlich ganz. Meine Mutter tröstete den Kleinen, meine Schwester starrte vor sich hin. Ich schaute zu Maradona. Er war die ganze Zeit sehr still gewesen. Ich sah, wie er mit den Tränen kämpfte. In dem Moment fiel mir ein: Heute war sein neunter Geburtstag.</p>
<p>Mittags landeten wir in Istanbul. Außer Süßigkeiten aus Automaten hatten wir noch nichts gegessen. Durch die Wartehalle zog der Duft von Burgern und Pommes. Nur eine Treppenstufe trennte uns von der Tür zu Burger King. Doch die Polizisten ließen uns nicht weg. Meine Mutter fragte die Reisenden , ob sie uns etwas holen könnten, streckte ihnen das Geld entgegen. Keiner nahm es, alle gingen an uns vorbei. So elend habe mich nie wieder gefühlt. Ein Steward wurde auf uns aufmerksam. Was das für eine Schweinerei sei, beschimpfte er die Reisenden, und dass sich alle schämen sollten. Er kaufte uns mehr als wir essen konnten. Das Geld meiner Mutter wollte er nicht.</p>
<p>Die Nacht verbrachten wir auf den Bänken der Wartehalle, am Nachmittag des nächsten Tages landeten wir im Libanon. Die Behörden dort mutmaßten, wir hätten etwas mit Drogen zu tun und verhörten uns sieben Stunden lang. Hassan und ich versuchten zu erklären, dass wir uns nichts hatten zuschulden kommen lassen. Doch wie sollten sie uns auch verstehen? Wir konnten kein Arabisch sprechen, wir verstanden es nur. In einer Familienzelle warteten wir, bis mein Onkel uns abholte und mit zu sich nach Hause nahm.</p>
<p>Im Libanon war mir alles fremd, die Landschaft, die Gerüche, die Menschen, auch wenn ich wusste, dass sie meine Verwandten sind. Was sollte ich hier? Anfangs sperrte ich mich in mein Zimmer ein und starrte die Wände an. Ich wollte niemanden sehen, niemanden hören. An manchen Tagen habe ich kein Wort gesprochen, noch nicht mal mit meinen Geschwistern. Und irgendwann hörte ich auf zu essen.</p>
<p>In Deutschland versuchte mein Vater mit Hilfe eines Anwaltes, nachzuweisen, dass unsere Ausweisung ein Fehler der Behörden war. Mein Vater hatte eine Aufenthaltsgenehmigung, weil meine Eltern aber getrennt lebten, galt sie nicht für uns. Seit wir abgeholt worden waren, bewachte er unsere Wohnung, aus Angst, man würde sie sonst auflösen. Nach sieben Wochen hatte mein Vater es geschafft. Ihr dürft nach Hause kommen, sagte er am Telefon.</p>
<p>Unsere Zimmer sahen aus, als wären wir nie weggewesen. Die Betten, unsere Kleider, die Spielsachen lagen noch da, wie wir sie zurückgelassen hatten. Ein Nachbar hatte uns im Treppenhaus gesehen, binnen einer halben Stunde war die Wohnung voller Menschen, die unsere Rückkehr feierten. Doch ich fiel todmüde in mein Bett.</p>
<p>Ich konnte lange nicht begreifen, was unserer Familie widerfahren ist. Noch länger hat es gedauert, bis ich verstand, dass mit der Rückkehr nach Deutschland nicht alles wieder in Ordnung sein würde. Es dauerte lange, bis wir uns in Deutschland wieder willkommen fühlten und bis wir mit den Folgen umzugehen lernten.</p>
<p>Hassan verlor ein Jahr in der Schule. Weil er zu lange gefehlt hatte, musste er die achte Klasse wiederholen. Aus meinem fröhlichen Bruder war ein ernster junger Mann geworden. Heute sagt er, jene Nacht vor sieben Jahren sei das Ende seiner Kindheit gewesen. Seither fühlt er sich verantwortlich für das Schicksal unserer Familie. Er, Atura und ich haben eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, weil wir uns in der Ausbildung befinden. Ich mache eine Lehre zur Hotelfachfrau. Die Angst vor einer Abschiebung der restlichen, nur geduldeten Familie lässt Hassan unentwegt zu Ämtern und Beratungsstellen pilgern. Letztes Jahr hat er Abitur gemacht und sich auf der Universität der Künste beworben. Er möchte Schauspieler werden. Wenn er einen Studienplatz bekommt, wird seine Aufenthaltserlaubnis verlängert.</p>
<p>Sorgen macht uns Maradona, dessen neunter Geburtstag zum schlimmsten Tag in seinem Leben wurde. Seit jener Nacht wollte er nie wieder Geburtstag feiern. Ihn traf die Erfahrung, unerwünscht zu sein, wohl am härtesten. Manchmal denke ich, er glaubt nicht mehr daran, dass man es gut mit ihm meinen könnte. Er sieht sich mal als Einzelkämpfer, mal als Opfer und trifft zu oft die falschen Entscheidungen. Er war nie wirklich gut in der Schule, aber in Mathe war er ein Ass. Doch statt da zu punkten, blieb er weg. Statt zu lernen, trieb er sich mit den falschen Leuten rum. Statt seiner Schulhefte nahm er einen Schlagstock mit in den Unterricht. Er wollte niemanden verletzen, sagt er. Es sei zu seinem Schutz. Der Rektor suspendierte ihn mehrmals vom Unterricht. Nun wiederholt er die achte Klasse. Hassan und ich, wir reden oft mit ihm. Sagen ihm, dass er mit seinem Verhalten die Duldung der Familie aufs Spiel setzt. Doch ich weiß nie genau, was durch die Mauer dringt, die er um sich gebaut hat.</p>
<p>Jeder von uns hat etwas anderes verloren in jener Zeit. Hassan seine Leichtigkeit, Maradona das Gefühl der Sicherheit und ich hatte verlernt zu essen. Im Libanon war ich von 45 auf 35 Kilogramm abgemagert. Ich wusste selbst, dass es zu wenig ist, auch wenn ich nur ein Meter fünfzig groß bin. Zurück in Deutschland bemühte ich mich zuzunehmen, doch mein Körper verwehrte das Essen. Alles, was ich zu mir nahm, musste ich nach wenigen Minuten wieder erbrechen. Alleine, das wusste ich, würde ich es nicht schaffen. Meine Eltern brachten mich in eine Klinik in Westend, wo man Essstörungen bei Jugendlichen behandelte. Es sollte ein Jahr dauern, ehe ich in mein normales Leben zurückkehren konnte.</p>
<p>Das Tanzen gibt mir Kraft. Wenn ich anfange, mich zu bewegen, ist es, als betrete ich eine andere Welt. Meine Geschwister und ich, wir machen alle Breakdance. Hassan tanzt in einer festen Formation und hatte einige große Auftritte. Maradona wurde Zweiter bei der Deutschen Breakdance-Meisterschaft in Hannover. Viele Jahre schon trainieren wir neben Schule und Ausbildung und geben den Kids in Neukölln auch Unterricht. Seit ich denken kann, wurde in unserer Familie getanzt. Wenn wir nach Hause kommen, stecken wir Boxen an den Laptop und legen Snoop Dog oder andere Musik auf. Manchmal nervt Maradona, weil er immer Liebeslieder hören will. Ich mag Cindy Lauper. &#8220;Girls Just Wanna Have Fun&#8221; und &#8220;Time After Time&#8221; sind meine Lieblingslieder. Ich hätte nie gedacht, dass man zu so alter Musik modernen HipHop tanzen kann.</p>
<p>Ich wiege jetzt 41 Kilogramm, mein Ziel sind 45. Ich arbeite daran.</p>
<p>Notiert von Silke Janovsky.</p>
<p>Lial Akkouch und zwei ihrer Brüder sind Protagonisten des Dokumentarfilms &#8220;Neukölln Unlimited&#8221;. Der Film wird auf der Berlinale vorgestellt, Premiere ist am 13. Februar, 11 Uhr, im Babylon Mitte.</p>
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