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	<title>Nikolaus&#039; Fruehstuecksfernsehen &#187; Bürgerrecht</title>
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	<description>Politische Betrachtungen zum Tage</description>
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		<title>Recht haben. Und Recht bekommen. Wieviel der Rechtsstaat in Einzelnen wert ist, muss sich auch im Einzelfall erweisen.</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Feb 2010 11:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bürgerrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Integration]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungsarchiv]]></category>

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		<description><![CDATA[Für der Serie &#8220;Die scheinbaren Grundlagen unserer Gesellschafts- und Rechtsordnung&#8221; zeigt die Bienale einen eindrucksvollen Einblick darin, wie wenig Wert eigentlich die Grundfesten unseres Rechtsstaates sind, wenn man nicht zum Kernbestand dieser Gesellschaft gehört, spricht weiss ist und mit beiden Elternfüsssen fest in der germanischen Ethnie verwachsen ist. (Berliner Zeitung vom 6.2.2010) Immerhin: Der Staat [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Für der Serie &#8220;Die scheinbaren Grundlagen unserer Gesellschafts- und Rechtsordnung&#8221; zeigt die Bienale einen eindrucksvollen Einblick darin, wie wenig Wert eigentlich die Grundfesten unseres Rechtsstaates sind, wenn man nicht zum Kernbestand dieser Gesellschaft gehört, spricht weiss ist und mit beiden Elternfüsssen fest in der germanischen Ethnie verwachsen ist. <a title="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0206/magazin/0007/index.html" href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0206/magazin/0007/index.html" target="_blank">(Berliner Zeitung vom 6.2.2010) </a> Immerhin: Der Staat hat seine Entscheidungen korrigiert. Aber das Beispiel sollte doch nachdenklich machen.</p>
<p><span id="more-221"></span>
<p>BerlZeit20100206 Abschiebung</p>
<p>WAS ICH NIE VERGESSEN WERDEDie längste Nacht<br />
Die Libanesin Lial Akkouch tritt auf der Berlinale in dem Dokumentarfilm &#8220;Neukölln Unlimited&#8221; auf. Hier erinnert sie sich, wie sie mit 14 Jahren aus Deutschland abgeschoben wurde</p>
<p>Immer, wenn es an unserer Tür klopft, beginnt mein Herz zu rasen. In den Augen meiner Mutter und meiner Geschwister erkenne ich die gleiche Angst. Dabei liegt die Nacht, in der sie uns geholt haben, fast sieben Jahre zurück.</p>
<p>Es war der 2. April 2003, halb fünf am Morgen, draußen war es noch dunkel. Ich war damals vierzehn Jahre alt und als Einzige wach, weil ich bis zur Schule in Rudow einen weiten Weg hatte. Ich mochte diese Ruhe am Morgen, wenn die anderen noch schliefen. Als Älteste von fünf Geschwistern passt man immer irgendwie auf. Meine Eltern lebten seit einiger Zeit getrennt, vor zwanzig Jahren sind sie aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Ich war zwei Jahre alt und bin in Berlin aufgewachsen. Ich liebe den Lärm der Straßen, den Dunst der Autos, die vielen unterschiedlichen Menschen. Den Libanon kannte ich nicht, bis zu dem Tag, als man uns dorthin zurückschickte.</p>
<p>Durch die Badezimmertür hörte ich ein lautes Klopfen. &#8220;Kriminalpolizei Berlin. Aufmachen!&#8221;, rief jemand vor der Tür. Meine Mutter hatte einen Bademantel übergezogen, ich selbst war noch im Schlafanzug, als wir die Tür öffneten. Drei Männer und eine Frau drängten herein. &#8220;Zieht euch was über und packt das Nötigste ein, jetzt geht es heim in den Libanon.&#8221; Einer hatte ein Papier in der Hand, auf dem stand, dass wir in diesem Land nicht länger geduldet werden. Meine Mutter sagte, es müsse sich um einen Fehler handeln, unsere Familie habe ein laufendes Asyl-Verfahren. &#8220;Jaja&#8221;, der Polizist winkte ab. Der Lärm weckte meine Geschwister. Der Kleinste, Mohammed, war erst vier und schrie, meine elfjährige Schwester Atura weinte, mein Bruder Maradona, damals neun, rannte hilflos im Flur umher. Nur Hassan mit seinen dreizehn Jahren blieb völlig ruhig. Einer der Männer sagte, wir sollten jeder ein Spielzeug einpacken, wer wüsste schon, ob es im Libanon überhaupt Spielsachen gäbe. Ich hasste ihn in dem Moment, ich hasste sie alle. Sie scheuchten uns durch die Wohnung, wir sollten uns beeilen. Inmitten dieses Chaos brach meine Mutter plötzlich ohnmächtig zusammen.</p>
<p>Sie solle aufhören zu schauspielern, sagten die Polizisten, tatschten ihr ins Gesicht und versuchten, sie wieder aufzurichten. Ihr Gesicht war bleich, ihr Körper verkrampft. Ich kniete neben ihr und versuchte, sie zu schützen. &#8220;Kein deutsches Gesetz erlaubt es Ihnen, meine Mutter so anzufassen&#8221;, sagte ich, doch sie lachten nur. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis meine Mutter wieder zu Bewusstsein kam. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.</p>
<p>Vor unserer Haustür parkte ein Van, eines dieser Autos, in denen man normalerweise Familienausflüge macht. Es war kühl, die Luft feucht. Sie fuhren uns in ein Gebäude in der Nähe des Flughafens Tegel. Dort wurden wir verhört und mussten uns bis auf die Unterwäsche ausziehen. Man wollte sicherstellen, dass wir nichts an Bord schmuggeln. Wie gelähmt warteten wir in einer Familienzelle, bis uns jemand zum Flugzeug brachte. Drei Männer mit Gewehren bewachten den Ausgang. Hassan und ich starrten aus dem Fenster, als der Flieger abhob. Die Stadt wurde kleiner und kleiner, und verschwand schließlich ganz. Meine Mutter tröstete den Kleinen, meine Schwester starrte vor sich hin. Ich schaute zu Maradona. Er war die ganze Zeit sehr still gewesen. Ich sah, wie er mit den Tränen kämpfte. In dem Moment fiel mir ein: Heute war sein neunter Geburtstag.</p>
<p>Mittags landeten wir in Istanbul. Außer Süßigkeiten aus Automaten hatten wir noch nichts gegessen. Durch die Wartehalle zog der Duft von Burgern und Pommes. Nur eine Treppenstufe trennte uns von der Tür zu Burger King. Doch die Polizisten ließen uns nicht weg. Meine Mutter fragte die Reisenden , ob sie uns etwas holen könnten, streckte ihnen das Geld entgegen. Keiner nahm es, alle gingen an uns vorbei. So elend habe mich nie wieder gefühlt. Ein Steward wurde auf uns aufmerksam. Was das für eine Schweinerei sei, beschimpfte er die Reisenden, und dass sich alle schämen sollten. Er kaufte uns mehr als wir essen konnten. Das Geld meiner Mutter wollte er nicht.</p>
<p>Die Nacht verbrachten wir auf den Bänken der Wartehalle, am Nachmittag des nächsten Tages landeten wir im Libanon. Die Behörden dort mutmaßten, wir hätten etwas mit Drogen zu tun und verhörten uns sieben Stunden lang. Hassan und ich versuchten zu erklären, dass wir uns nichts hatten zuschulden kommen lassen. Doch wie sollten sie uns auch verstehen? Wir konnten kein Arabisch sprechen, wir verstanden es nur. In einer Familienzelle warteten wir, bis mein Onkel uns abholte und mit zu sich nach Hause nahm.</p>
<p>Im Libanon war mir alles fremd, die Landschaft, die Gerüche, die Menschen, auch wenn ich wusste, dass sie meine Verwandten sind. Was sollte ich hier? Anfangs sperrte ich mich in mein Zimmer ein und starrte die Wände an. Ich wollte niemanden sehen, niemanden hören. An manchen Tagen habe ich kein Wort gesprochen, noch nicht mal mit meinen Geschwistern. Und irgendwann hörte ich auf zu essen.</p>
<p>In Deutschland versuchte mein Vater mit Hilfe eines Anwaltes, nachzuweisen, dass unsere Ausweisung ein Fehler der Behörden war. Mein Vater hatte eine Aufenthaltsgenehmigung, weil meine Eltern aber getrennt lebten, galt sie nicht für uns. Seit wir abgeholt worden waren, bewachte er unsere Wohnung, aus Angst, man würde sie sonst auflösen. Nach sieben Wochen hatte mein Vater es geschafft. Ihr dürft nach Hause kommen, sagte er am Telefon.</p>
<p>Unsere Zimmer sahen aus, als wären wir nie weggewesen. Die Betten, unsere Kleider, die Spielsachen lagen noch da, wie wir sie zurückgelassen hatten. Ein Nachbar hatte uns im Treppenhaus gesehen, binnen einer halben Stunde war die Wohnung voller Menschen, die unsere Rückkehr feierten. Doch ich fiel todmüde in mein Bett.</p>
<p>Ich konnte lange nicht begreifen, was unserer Familie widerfahren ist. Noch länger hat es gedauert, bis ich verstand, dass mit der Rückkehr nach Deutschland nicht alles wieder in Ordnung sein würde. Es dauerte lange, bis wir uns in Deutschland wieder willkommen fühlten und bis wir mit den Folgen umzugehen lernten.</p>
<p>Hassan verlor ein Jahr in der Schule. Weil er zu lange gefehlt hatte, musste er die achte Klasse wiederholen. Aus meinem fröhlichen Bruder war ein ernster junger Mann geworden. Heute sagt er, jene Nacht vor sieben Jahren sei das Ende seiner Kindheit gewesen. Seither fühlt er sich verantwortlich für das Schicksal unserer Familie. Er, Atura und ich haben eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, weil wir uns in der Ausbildung befinden. Ich mache eine Lehre zur Hotelfachfrau. Die Angst vor einer Abschiebung der restlichen, nur geduldeten Familie lässt Hassan unentwegt zu Ämtern und Beratungsstellen pilgern. Letztes Jahr hat er Abitur gemacht und sich auf der Universität der Künste beworben. Er möchte Schauspieler werden. Wenn er einen Studienplatz bekommt, wird seine Aufenthaltserlaubnis verlängert.</p>
<p>Sorgen macht uns Maradona, dessen neunter Geburtstag zum schlimmsten Tag in seinem Leben wurde. Seit jener Nacht wollte er nie wieder Geburtstag feiern. Ihn traf die Erfahrung, unerwünscht zu sein, wohl am härtesten. Manchmal denke ich, er glaubt nicht mehr daran, dass man es gut mit ihm meinen könnte. Er sieht sich mal als Einzelkämpfer, mal als Opfer und trifft zu oft die falschen Entscheidungen. Er war nie wirklich gut in der Schule, aber in Mathe war er ein Ass. Doch statt da zu punkten, blieb er weg. Statt zu lernen, trieb er sich mit den falschen Leuten rum. Statt seiner Schulhefte nahm er einen Schlagstock mit in den Unterricht. Er wollte niemanden verletzen, sagt er. Es sei zu seinem Schutz. Der Rektor suspendierte ihn mehrmals vom Unterricht. Nun wiederholt er die achte Klasse. Hassan und ich, wir reden oft mit ihm. Sagen ihm, dass er mit seinem Verhalten die Duldung der Familie aufs Spiel setzt. Doch ich weiß nie genau, was durch die Mauer dringt, die er um sich gebaut hat.</p>
<p>Jeder von uns hat etwas anderes verloren in jener Zeit. Hassan seine Leichtigkeit, Maradona das Gefühl der Sicherheit und ich hatte verlernt zu essen. Im Libanon war ich von 45 auf 35 Kilogramm abgemagert. Ich wusste selbst, dass es zu wenig ist, auch wenn ich nur ein Meter fünfzig groß bin. Zurück in Deutschland bemühte ich mich zuzunehmen, doch mein Körper verwehrte das Essen. Alles, was ich zu mir nahm, musste ich nach wenigen Minuten wieder erbrechen. Alleine, das wusste ich, würde ich es nicht schaffen. Meine Eltern brachten mich in eine Klinik in Westend, wo man Essstörungen bei Jugendlichen behandelte. Es sollte ein Jahr dauern, ehe ich in mein normales Leben zurückkehren konnte.</p>
<p>Das Tanzen gibt mir Kraft. Wenn ich anfange, mich zu bewegen, ist es, als betrete ich eine andere Welt. Meine Geschwister und ich, wir machen alle Breakdance. Hassan tanzt in einer festen Formation und hatte einige große Auftritte. Maradona wurde Zweiter bei der Deutschen Breakdance-Meisterschaft in Hannover. Viele Jahre schon trainieren wir neben Schule und Ausbildung und geben den Kids in Neukölln auch Unterricht. Seit ich denken kann, wurde in unserer Familie getanzt. Wenn wir nach Hause kommen, stecken wir Boxen an den Laptop und legen Snoop Dog oder andere Musik auf. Manchmal nervt Maradona, weil er immer Liebeslieder hören will. Ich mag Cindy Lauper. &#8220;Girls Just Wanna Have Fun&#8221; und &#8220;Time After Time&#8221; sind meine Lieblingslieder. Ich hätte nie gedacht, dass man zu so alter Musik modernen HipHop tanzen kann.</p>
<p>Ich wiege jetzt 41 Kilogramm, mein Ziel sind 45. Ich arbeite daran.</p>
<p>Notiert von Silke Janovsky.</p>
<p>Lial Akkouch und zwei ihrer Brüder sind Protagonisten des Dokumentarfilms &#8220;Neukölln Unlimited&#8221;. Der Film wird auf der Berlinale vorgestellt, Premiere ist am 13. Februar, 11 Uhr, im Babylon Mitte.</p>
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		<title>Frauenquälen für die ganze Familie. Unterschichtenfernsehen, sexuelle Revolution und  eine abgestumpfte Gesellschaft.</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Feb 2010 08:52:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nikolaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bürgerrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Paradigma]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungsarchiv]]></category>

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		<description><![CDATA[Manchmal hilft der Blick zurück. Und rundrum. Die Debatte zur Sexuellen Revolution und dem Feminismus könnte wieder interessant werden. Weil, wie bei jeder Entwicklung, eine Trendumkehr irgendwann im anderen Extrem ausschlägt und es dann zur Begrenzung auf der anderen Seite kommt. Also: Wo existieren moralische Grenzen in einer Gesellschaft, in der Sexualität grenzenlos verfügbar scheint? [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal hilft der Blick zurück. Und rundrum. Die Debatte zur Sexuellen Revolution und dem Feminismus könnte wieder interessant werden. Weil, wie bei jeder Entwicklung, eine Trendumkehr irgendwann im anderen Extrem ausschlägt und es dann zur Begrenzung auf der anderen Seite kommt.</p>
<p>Also: Wo existieren moralische Grenzen in einer Gesellschaft, in der Sexualität grenzenlos verfügbar scheint? Der Beitrag zeigt, welch absurde Formen der sexuellen Selbstbefreiung hat. Wie er kommerziell aufgegriffen, verwertet und von der Gesellschaft verdaut wird. Und in einer selbstgewählten Unterwerfung junger Frauen in die Rolle der Sexualobjekte endet.</p>
<p><span id="more-233"></span>
<p>&nbsp;</p>
<p>Frauenquälen für die ganze Familie<br />
Sexismus, so glaubte man, ist heute kein Problem mehr. Doch das ist ein Irrtum. Der Unterschied zu früher: Viele Frauen machen bereitwillig mit.</p>
<p>Von Jörg Thomann</p>
<p>&#8220;Ich möchte es tun&#8221;, sagt Lauren, &#8220;damit meine Mama stolz auf mich ist.&#8221; Lauren trägt ein bauchfreies gelbes T-Shirt und rote Hotpants. Sie ist eine von etwa einem Dutzend junger Frauen, die an diesem Abend im Londoner Mayhem-Nachtclub bei einem Talentwettbewerb mitmachen möchten &#8211; und zwar bei der &#8220;Babes on the Bed&#8221;- Show. Der Reihe nach begeben sie sich auf das auf der Bühne plazierte Bett, wo sie sich lasziv räkeln und ihre Körper verrenken. Im Blitzlicht der Handy-Kameras und unter dem Gejohle des aufgeheizten, angetrunkenen Publikums folgen sie den Kommandos der Moderatorin, sich von der ohnehin spärlichen Kleidung zu trennen. Lauren wird den Wettbewerb nicht gewinnen und daher auf den Preis verzichten müssen: ein freizügiges Fotoshooting für das Männermagazin &#8220;Nuts&#8221;. Ob ihre Mutter trotzdem stolz auf sie ist?</p>
<p>Die sechs jungen Damen, die sich ein Loft in Köln-Ehrenfeld teilen, werden ebenfalls von Kameras beobachtet, sind aber &#8211; noch &#8211; voll bekleidet. &#8220;Trauriger Abschied von Larissa&#8221;, sagt eine Männerstimme, &#8220;sie hat sich entschlossen, ihr Abitur zu machen, und verlässt die Wohngemeinschaft.&#8221; Die verbleibenden Bewohnerinnen der &#8220;Model-WG&#8221; des Privatsenders Pro Sieben hingegen dürfen weiter von der großen Karriere träumen. Vor den Augen der Fernsehzuschauer putzen sie die Wohnung und warten auf die Nachricht, wer von ihnen diesmal für die Fotosession ausgewählt wird, bei der viel Kristallschmuck und noch mehr nackte Haut präsentiert wird. Denise darf wieder nicht mitmachen. Dabei könnte gerade sie, schimpft Mitbewohnerin Tessa, &#8220;so viel aus sich machen&#8221;, etwa mehr Make-up auftragen. Das Bild Larissas, der angehenden Abiturientin, wird derweil von der Wand abgehängt.</p>
<p>&#8220;Sexismus ist ein altmodischer Begriff geworden&#8221;, hat vor kurzem die &#8220;taz&#8221; geschrieben: &#8220;Er riecht streng.&#8221; Als die britische Journalistin und Feministin Natasha Walter ihrem Verleger mitteilte, welchen Untertitel sie sich für ihr neues Buch wünsche, fragte dieser besorgt, ob das nicht ziemlich altmodisch wirke &#8211; &#8220;Die Rückkehr des Sexismus&#8221;. Den hat die Frauenbewegung doch längst niedergerungen, glauben viele. Auch Natasha Walter hat es geglaubt, als sie vor zwölf Jahren ihre optimistische Bestandsaufnahme &#8220;The New Feminism&#8221; veröffentlichte. Die jungen, selbstbewussten Frauen, so ihre Beobachtung, wollten sich von niemandem, also auch nicht von anderen Frauen, mehr vorschreiben lassen, wie sie sich zu kleiden und wie sie zu leben hätten; statt auf den privaten Bereich sollte sich der Feminismus daher besser auf konkrete Verbesserungen in Politik, in der Gesetzgebung und in der Arbeitswelt konzentrieren. Heute ist Walter nicht mehr so zuversichtlich. &#8220;Ich habe mich, zumindest teilweise, geirrt&#8221;, sagt sie im Gespräch. Den Untertitel ihres neuen Buchs, das jetzt in Großbritannien erschienen ist, hat sie gegenüber dem Verlag durchgesetzt.</p>
<p>Als großen Erfolg kann der Feminismus für sich verbuchen, dass das weibliche Keuschheitsgebot gefallen ist, dass Frauen ihre Sexualität nicht mehr verleugnen müssen. Heute kann man sich von all der unverleugneten Sexualität um uns herum regelrecht erschlagen fühlen: In etlichen Sendern und Magazinen entblößen junge Frauen ganz selbstbestimmt ihren Busen. In Amerika sorgt die blutjunge Sasha Grey für Furore, die von ihrem befreienden und lustvollen Dasein als Pornodarstellerin erzählt. Poledancing, der in Striptease-Schuppen geborene Stangentanz, gilt nun als Lifestyle-Sport für Geschäftsfrauen wie für Popstars. &#8220;Jede Nacht kommen hier Mädchen rein, die nur Unterwäsche tragen&#8221;, erzählt der Besitzer des Nachtclubs, in dem Natasha Walter die eingangs beschriebene &#8220;Babes&#8221;-Wahl erlebt hat; Achtzehnjährige steckten ihr Erspartes nicht mehr in ein Auto, sondern in eine Brust-OP. Die Pornographie hat sich im Mainstream eingenistet und lockt im Internet auch die Jüngsten rund um die Uhr. Die &#8220;Hypersexualisierung&#8221; der Gesellschaft sei als Zeichen der weiblichen Emanzipation und Macht verstanden worden, sagt Walter. Tatsächlich aber sei sie nicht nur verwurzelt in fortschreitender Ungleichheit, sondern produziere noch mehr Ungleichheit.</p>
<p>Zum Sexismus gehörten aus traditioneller feministischer Sicht klare Opfer und Täter, wobei Erstere immer weiblich und Letztere immer männlich waren. Was am heutigen Sexismus irritiert und ihn womöglich als solchen unkenntlich macht, ist die Bereitwilligkeit, mit der sich viele Frauen daran beteiligen: Sie hätten ja, heißt es stets, die Wahl. Genau diese Entscheidungsfreiheit bezweifelt Natasha Walter. In Werbung, Filmen, Musik und Medien werde ein ganz bestimmtes Bild der weiblichen Sexualität gefeiert, dem sich junge Frauen nur schwer entziehen könnten &#8211; vor allem Frauen aus eher prekären Verhältnissen, denen die Gesellschaft kaum Aufstiegschancen bietet. Es werde ihnen vermittelt, &#8220;dass der Weg zur Selbstverwirklichung der Frau unvermeidlicherweise über die Perfektion ihres Körpers führt&#8221;. Walter hat mit Frauen gesprochen, die sich von dem Frauenbild, das der regelmäßige Pornokonsum in den Köpfen ihrer Partner erzeugte, unter Druck gesetzt fühlen; mit Mädchen, die das promiske Geschlechtsleben ihrer Freundinnen abstoßend finden, das aber nicht zu sagen wagen, um nicht als prüde zu gelten; mit Prostituierten, die mit dem Mythos aufräumen, sich in einem schillernd-verruchten Gewerbe zu betätigen statt in einem so tristen wie hochgefährlichen Job; und mit Männermagazin-Redakteuren, die ihre halbpornographischen Hefte als harmlos anpreisen, aber auf die Frage, ob sie ihre eigene Tochter gern darin sähen, herumdrucksen.</p>
<p>Wenn eine Mutter ihrer Tochter vermittelt, Nacktfotos in einem schmierigen Magazin seien erstrebenswert, dann ist die sexuelle Befreiung der Frau irgendwie missverstanden worden. Die junge Frau, die oben ohne für die &#8220;Bild&#8221;-Zeitung posiert, macht im Grunde nichts anderes als Britney Spears, wenn diese in Strapsen auf der Bühne herumturnt, auch wenn die eine damit 500 Euro verdient und die andere Millionen. Als Akt der Emanzipation jedoch oder gar als Ausdruck weiblicher Macht über den Mann lässt sich beides nur mit viel Phantasie deuten. Mädchen, die so aussehen, als verbrächten sie mehr Zeit auf der Sonnen- als auf der Schulbank, scheint ein Ausbildungsplatz weniger wichtig als schöne Bikinifotos. Natasha Walter berichtet von einer Umfrage unter weiblichen Teenagern aus dem Jahr 2006, wonach mehr als die Hälfte der Befragten ein Leben als glamour model reizvoll findet &#8211; ein Berufsbild, das in England Frauen wie Katie Price verkörpern und das sich mit dem hiesigen Partyluder vergleichen ließe.</p>
<p>Das Phänomen des glamour model ist bei uns nicht ganz so populär, wohl aber das nicht weniger beunruhigende der Casting-Show. 21 312 Frauen haben sich für die neue Staffel von &#8220;Germany&#8217;s Next Topmodel&#8221; beworben, 2000 standen in Köln für das Casting Schlange: Die ganze Straße, spottete Stefan Raab in &#8220;TV Total&#8221;, &#8220;voller aufgetakelter Schlampen&#8221;. Mit einem frauenfeindlichen Spruch decouvriert Raab den frauenfeindlichen Charakter dieser Sendung, die ihre Protagonistinnen unter dem Vorwand, sie aufs harte Business vorzubereiten, dauerhaft demütigt.</p>
<p>Halbnackt müssen sie in einer Bar aus Eis stehen, mit einer Kröte in der Hand posieren und &#8211; natürlich &#8211; an der Stange tanzen, bis sie blaue Flecken kriegen. Immer wieder sieht man die Mädchen (denn stets ist nur von &#8220;Mädchen&#8221; die Rede) weinen. Die &#8211; überwiegend weibliche &#8211; Zuschauerschaft hingegen darf lachen über die Möchtegernmodels, ob sie nun über die eigenen Beine oder über die deutsche Sprache stolpern. Die Klum-Show weist verblüffende Parallelen auf zur Dramaturgie des klassischen Teen-Horrorfilms: Eine Gruppe junger Leute, bevorzugt Mädchen, wird von bösen Mächten gequält, wobei die Perfidie stetig gesteigert wird. Nach und nach bleiben sie auf der Strecke. Am Ende ist eine übrig, doch an ein Happy-End mag man nicht glauben; es soll ja eine Fortsetzung geben.</p>
<p>Dank &#8220;Germany&#8217;s Next Topmodel&#8221;, so formulierte es der Feminist Harald Schmidt in seiner Laudatio auf die Börne-Preisträgerin Alice Schwarzer, &#8220;spart sich Vati den Weg in die Münzkabine am Hauptbahnhof, denn er kann jetzt in aller Ruhe vor dem Fernseher minderjährige Mädchen in Unterwäsche über Zechenhöfe stöckeln sehen&#8221;. Aber nicht nur Vati schaut zu, auch die Tochter und sogar der kleine Bruder: Das Finale der jüngsten Staffel verfolgten 37,3 Prozent der Zuschauer zwischen drei und 13 &#8211; Frauenquälen für die ganze Familie.</p>
<p>Andere Castingshows sind nicht nachsichtiger mit ihrem Personal, das fast immer weiblich ist. Im &#8220;Sommermädchen 2009&#8243;, ebenfalls ein Pro-Sieben-Einfall, waren die Kandidatinnen fast ausschließlich im Bikini zu sehen; wer ausschied, wurde vom Juror ins Wasser gestoßen. Die RTL-Konkurrenz &#8220;Mission Hollywood&#8221; mit Til Schweiger demonstrierte, wie Julia Voss in der F.A.Z. schrieb, den &#8220;Aufstieg von sexueller Belästigung zum Unterhaltungsgenre&#8221;. Nacheinander sollten die Kandidatinnen den Striptease aus &#8220;9 1/2 Wochen&#8221;, den gespielten Orgasmus aus &#8220;Harry und Sally&#8221; und den Frauenkuss aus &#8220;Eiskalte Engel&#8221; vorführen. Ein Schauspielschüler hätte demnach einzig die Apfelkuchen-Penetration aus &#8220;American Pie&#8221; nachspielen dürfen, aber mit Männern werden solche Shows ja kaum gemacht.</p>
<p>Von den Castingshows, kritisiert Natasha Walter, lernten Frauen, das Aussehen und das Verhalten anderer Frauen permanent zu bewerten &#8211; und sie erlebten, dass jene, die dem vermeintlich objektiven Anspruch an weibliche Attraktivität nicht genügen, aussortiert werden. Ein gesundes Selbstbild entsteht so nicht. Laut der &#8220;Bravo&#8221;-Studie 2009 sind nur noch 56 Prozent der befragten Mädchen zwischen elf und 17 Jahren mit ihrem Aussehen zufrieden und nur 54 Prozent mit ihrem Gewicht.</p>
<p>&#8220;Living Dolls&#8221; hat Walter ihr Buch betitelt, dessen Cover eine Barbiepuppe vor einem Frauenschoß zeigt. Kleine Mädchen, schrieb Simone de Beauvoir 1949, hätschelten ihre Püppchen so, wie sie selbst gern gehätschelt würden, und würden in ihrer Vorstellung selbst zu Püppchen. Daran, glaubt Natasha Walter, selbst Mutter einer neun Jahre alten Tochter, hat sich seitdem nicht viel geändert, nur seien die Kräfte des Marktes viel stärker geworden. Tatsächlich ist seit dem Ende der neunziger Jahre eine gewaltige Welle rosa Glitzerkrams in die Spielzeugläden geschwappt. Selbst Familien, die sich für fortschrittlich hielten, fänden nichts dabei, ihre Kinder mit &#8220;mittelalterlichen Werten&#8221; großzuziehen, wundert sich Walter: jedes Mädchen eine Prinzessin, jeder Junge ein Krieger. Walter befürchtet, dass aus den Mädchen, die mit Disney-Prinzessinnen, Puppen und Kosmetiksets konditioniert werden, geradezu zwangsläufig Frauen würden, die sich über ihr Äußeres definieren: &#8220;Sie wachsen auf mit einer sehr verengten Sicht darauf, was es heißt, eine Frau zu sein.&#8221;</p>
<p>Den Feministinnen gibt Walter durchaus eine Mitschuld an der Entwicklung: &#8220;Wir waren selbstzufrieden und nicht wachsam genug&#8221;, sagt sie. Mit ihrem neuen Buch will sie dazu beitragen, den Begriff des Sexismus zurückzuerobern: &#8220;Wir müssen beim Namen nennen, was passiert.&#8221; Vor kurzem hat ihre Tochter sie gefragt, warum ihr Buch so ein schreckliches Cover habe. Es sei, hat sie geantwortet, in gewissem Sinne auch ein schreckliches Buch.<br />
Die Neue Feministin</p>
<p>Natasha Walter wurde 1967 in London geboren. Ihr Vater war ein bekannter britischer Anarchist, ihre Mutter Sozialarbeiterin und Feministin. Nach ihrem Studium unter anderem in Cambridge und Harvard arbeitete sie als Journalistin für &#8220;Vogue&#8221;, &#8220;The Observer&#8221;, &#8220;The Independent&#8221;, &#8220;The Guardian&#8221; sowie für die BBC. 1998 erschien ihr Buch &#8220;The New Feminism&#8221;, dessen Thesen sie in ihrem neuen Werk &#8220;Living Dolls &#8211; The Return of Sexism&#8221; teilweise revidiert. 2006 gründete sie die Organisation &#8220;Women for Refugee Women&#8221;, die sich um Frauen und Kinder kümmert, welche in Großbritannien Asyl suchen. Mit ihrem Partner, einer Tochter und einem Sohn lebt Natasha Walter in London. &#8220;Living Dolls&#8221; ist erschienen im Virago-Verlag und kostet 12,99 Pfund.</p>
<p>Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.02.2010, Nr. 5 / Seite 47</p>
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