Bullshit-Bingo namens Wissenschaft. Anmerkungen zum grünen Fachgespräch über Gesundheits-Apps

Die Bundestagsgrünen haben zum Expertengespräch geladen, der Ort war stickig-cool (sehr großes Interesse), das Rainmaking-Loft, Heimat des Startup-Accelerators Startupbootcamp, der im November mit seinem ersten Digital Health Programm in Berlin startet. 

Was muss, was sollte man tun, um den Dschungel an Gesundheitsapps zu durchleuchten und durchforsten, um Spreu vom Weizen oder “Best Practice” vom “Worst Case”, vor Müll oder Gesundheitsgefahren zu schützen. Die grüne gesundheitspolitische Sprecherin Maria Klein-Schmeink war eine kluge Gastgeberin. 

Aber: Man kann sich seine Gäste nicht immer ganz frei aussuchen. 

Im ersten Teil, und da sind wir schon mitten im Problem, wurde die Wissenschaft befragt. Und, man entschuldige mir meine Pauschalität, die hatte in ihrer Elfenbeinarroganz wieder mal keine Antwort. 

Außer: Evidenzbasiert. Und: da müsste man mal genauer forschen. 

Bullshitbingo. Auftragsfishing. Und keinerlei Erkenntnis, was da draußen vor sich geht. Wie und warum Menschen oder Unternehmen Apps entwickeln oder entwickeln lassen. 

Warum und mit welchem Ziel das Bundesgesundheitsministerium dem Team um Dr. Urs Vito Albrecht eine 100.000 Euro-Studie finanziert hat, um diesem Team mal die Gelegenheit zu geben, sich in die vorhandene Literatur einzuarbeiten; – keine Ahnung. Das Ergebnis der Studie, ich habe darüber berichtet, gleicht dem Bericht eines Blinden, was er sieht, wenn er erstmals das Augenlicht erblickt hat. Ungetrübt von jeglichem Erfahrungswissen. 

Das Elend der Wissenschaftlichkeit

Wissenschaftlich heißt das dann, “Distanz” oder “Neutralität im Umgang mit dem Forschungsgegenstand”. Die Idee dahinter, Evidenzbasierung, das Zauberwort der rasch wachsenden Evaluationsindustrie, die vorwiegend an deutschen, steuerlich alimentierten Universitäten und angeschlossenen Instituten grassiert, bedeutet, dass man gesellschaftliche Prozesse in Neutralität, Distanz und ohne jede Empathie in die Handlungsperspektive der Macher untersucht. Man ist dann stolz darauf, wenn man, als Eindruck wissenschaftlicher Neutralität, keine Produkt- oder Unternehmensnamen nennt. 

Wie albern ist das denn?

Woran mich das erinnert? An Skinner, der seine Ratten in den Käfigen laufen ließ. Und haarklein dokumentiert hat, was sie getan haben, wenn man sie mit Zuckerln und anderen Leckerlies gelockt hat. 

Nur: Gesellschaftliche Realität lässt sich nicht in neutrale Versuchsbedingungen einsperren. Und zahlreiche Untersuchungsdesigns, die der Idee EVIDENCE BASED MEDICINE huldigen, enttäuschen durch ganz geringe Kenntnis oder ganz geringes Interesse am Forschungsgegenstand. 

Das ist die Folge einer Papiergläubigkeit, wie sie Helmut Schelsky 1975 in “Die Arbeit tun die Anderen. Klassenkampf und die Priesterherrschaft der Intellektuellen” beschrieben hat. Ja, ich weiß, das war eine antilinke Kampfschrift. Aber wenn ich mir so diese Lehnstuhlgelehrten, diese papiergewordenen Besserwisser, anhöre, schwillt mir jedes Mal der Kamm. 

Als ich studiert habe, war Praxisbezug für unsere wissenschaftlich praktische Arbeit, z.B. In einer Obdachlosensiedung (ich habe Pädagogik und Sozialwissenschaften studiert) das erste Auswahlkriterium. Gut ist, was nützt. Und wenn es nützt, wollen wir die Zusammenhänge verstehen. Wann es nützt, wann es schadet, wie es noch besser werden kann. Handlungsverbesserungswissen. 

Und dann: Realität ist multidimensional. Das kritisch rationale Forschungsparadigma, zwei Kernfaktoren so lange zu isolieren, bis keine Störfaktoren mehr auftreten, ist realitätsfern. Und damit oftmals unbrauchbar. 
Sorry!

Auch Elfenbeintürme haben Ausgänge. Man muss sie nur benutzen!

Ich weiß, Handlungswissen ist nicht die einzige Form von Wissen. Wir brauchen auch Gutachten, damit Dritte, Politik, Entscheider, über Themen, Gegenstände, Produkte, Konzepte, Regulierungen oder Incentives entscheiden können. Aber bitte mit mehr Hirnschmalz. Und Nähe zum Thema. Und Mut, auch unangegehme Tatsachen zu benennen. 

Der Elfenbeinturm kann gerne ein Elfenbeinturm bleiben, wenn sich die Gelehrten immer wieder mal zu einem Beobachtungsspaziergang aus dem Haus bewegen. Nur, auf der Jagd nach Credit Points im Rat Race wissenschaftlicher Reputation spielt Realitätsrelevanz schon lange keine Rolle mehr. Es geht um wissenschaftlich bemäntelte Bedenkenträgerei, Begriffsbildungen, Modellbauten mit zwei Elementen und einem oder zwei Akteuren. Und eben die Priesterherrschaft und Definitionsmacht von Papiertigern. Gerade in der Gesundheitswirklichkeit hat das enorme Auswirkungen. 

Alles wird ausgeforscht, scheinbar, obwohl Entscheidungen vor allem deswegen nicht gefällt werden, weil sie mit Konflikten verbunden sind und Mut erfordern. Stattdessen, der G-BA ist dafür ein beredtes Beispiel, werden über Studien Machtfragen und Entscheidungen verschoben. 

So werden Studien zu Entscheidungssurrate, Entscheidungsverschlepper. 

Was Ulla Schmidt gesagt hat

Ulla Schmidt, ich hoffe, sie verzeiht mir, hat mir mal in einem Interview für unsere Studie “Out of the Box” gesagt, “wissen Sie, Herr Huss, das Problem im Gesundheitswesen ist, Reformen dauern sieben Jahre. Drei Jahre sind alle dagegen, drei Jahre machen sie missmutig mit. Und im siebten Jahr fängt die Reform an, langsam zu wirken. Aber da gibt es schon längst wieder andere Probleme.” Besten Dank an die streitbar-mutigste, unverzagteste und ungebrochenste (und nüchternste) Gesundheitsministerin, die wir bisher hatten. 

Doch zurück zur Appwelt. Was hat die Wissenschaft da also zustande gebracht? Kriterien, seitenweise, Bedenken, seitenweise. Und die Empfehlung: Die Menschen wären mit den Entscheidungen heute überfordert. Alle App-Eigenschaften müssten expliziert werden, entschieden werden, nachlesbar und nachvollziehbar sein. Und die Liste der Kriterien, nach denen Wissenschaftler Apps als empfehlenswert erachten, ist so lange, dass bis heute wahrscheinlich keine einzige App zum Laufen gebracht worden wäre. 
Es geht um Macht. Und Geld. Nicht um bessere Ergebnisse. 

Politik und Wissenschaft spielen sich, leider auf Kosten der Gesellschaft, dabei gegenseitig in die Hände: Politiker mischen sich immer mehr ein (oder werden gezwungen, sich immer mehr einzumischen), sie können nicht alle Fragen beantworten, also delegieren sie (in der Gesundheit an die Selbstverwaltung)Und braucht dazu Gutachten, Beratung. 

So wächst die Zahl derer, die am Rande stehen, wie immer weniger Menschen reale Arbeit machen.
Ich empfehle Marcus Gabriel, warum es die Welt nicht gibt. Dort steht, sinngemäß, der Satz, auch der Glaube an Wissenschaft ist …..

Ein Glaube. Und eben keine Wissenschaftlichkeit. Eher so eine Art Heiligsprechung. 

Wie es anders geht, hat dann Dr. Ursula Kramer gezeigt. Dr. Ursula Kramer hat, aus Interesse, das Internetportal Healthon ins Leben gerufen, das Apps bespricht und nach einer von ihr entwickelten Logik analyisiert, kommentiert und ihre Bewertungen zur Diskusssion stellt. Frau Kramer ist die Inhaberin einer Agentur für Kommunikation im Gesundheitswesen.

Frau Kramer verdient, wie wir alle, ihr Geld mit Aufträgen aus Industrie und Verbänden. Das Erste, was also einer Fragerin aus dem Publikum einfiel, war, ob Frau Kramer nicht auch für die Pharmaindustrie arbeite. Und wie viele der Aufträge denn aus der Industrie kämen. 

Es ist diese Entlarverhaltung, die nervt. Wenn Frau Dr. Kramer für die Ärzteschaft oder Klinikgesellschaften arbeiten würde, wäre das für viele kein Problem. 

Kann man keine Meinung haben, wenn man mit seiner Arbeit Geld verdienen muss? 

Vieles wird einfach, wenn man Erfahrung gelten lässt!

Die Logik von Frau Kramer übrigens, wie man in der Appwelt die Spreu vom Weizen trennt, ist einfach. Und sie ist erfahrungsgetrieben. 

Von den 700.000 Apps sind, ich meine mich, zu erinnern, 140.000 Apps im Bereich Gesundheit und Fitness. Davon 14.000 deutschsprachig. Und von denen 1400 mit einer Downloadquote von über 50.000, diese Zahl wäre die relevante Zahl, um wichtige Apps zu erkennen. 

Und, im Gegensatz zu den Wissenschaftlern betonte sie, dass Nutzerkommentare sehr wohl wichtige Hinweise beinhalten würden. Bei gut genutzten Apps könnten bestellte Kommentare, auch die gibt es, nicht so viel Schaden anrichten. 
Im Grunde löst sich die ganze Siegelfrage auf, wenn man genauer hinsieht. 80-90% der Apps werden in 2-3 Jahren nicht mehr auf dem Markt sein. Die allermeisten Apps beinhalten gar kein Gesundheitsrisiko. Es geht also, wie beispielsweise die TK-Studie gezeigt hat, darum, die Apps in verschiedene Klassen zu kategorisieren, damit die Apps, die wirklich zu Gesundheitsrisiken führen würden, klar erkannt werden können. Die sind dann, analog dem Medizinproduktegesetz, zuzulassen. 

Der gesamte Appmarkt entwickelt sich doch so: Es gibt scharfe Konkurrenz, die Investoren achten darauf, dass sich die von ihnen befeuerten Apps verbessern oder durch Übernehmen oder Übernahmen von Produktmerkmalen verbessern. Datenschutz kann künftig durch die Datenschutzgrundordnung europaweit durchgesetzt werden, da braucht es keine Qualitätssiegel. Und die Nutzer diskutieren heftig, was ihnen an welcher App gefällt und was nicht. Das schafft Meinung, fundierte Meinung und Entscheidungsfähigkeit. Quasi nebenbei. Neudeutsch “on the go!”

Wer Qualitätslabel braucht, schreit mal hier!

(Potentielle Auftragnehmer mal ausgeschlossen). 

Ganz ehrlich: Ich brauche keine Qualitätslabel, die mir sagen, wissenschaftlich evident natürlich, was nützt und was nicht. 

Das spricht sich über Medien, Tests, Empfehlungen, Mouth to Mouth Propaganda herum. Vieles wird vom Markt gefegt, das bessere aufgekauft. Marktbereinigung. Wir brauchen niemanden, der mündigen Bürgern sagt, was sie tun sollen. Wir brauchen auch keine Labels, die von schwerfälligen Wissenschaftlern entwickelt werden und all diese politischen Hürden (die Vorschläge des zweiten Elfenbeinturmbewohners, Herrn Wiesner von der Hochschule Heilbronn, man müsse Gremien mit Ärzten, Patienten, Kassen und und und einrichten, war von keinerlei Kenntnis über die Schwerfälligkeit dieser Institutionen geprägt) zu nehmen haben. Die Patienten, das sagen Untersuchungen von Alexander Schachinger, epatient-rsd.de, wünschen sich Empfehlungen von Ärzten und Krankenkassen. Dann sollen die sich die Dinge mal ansehen, aber nicht evidenzbasiert, sondern erfahrungsgetrieben. (Was sie nicht wissen, können sie nachlesen). Ich halte auch nichts davon, dass alle Krankenkassen nur dieselben Apps empfehlen sollen, es handle sich ja um Versichertengelder: Auf dem Weg in die Zukunft der Versorgung können unterschiedliche Wege zum Ziel führen. Ohnehin sind nur wenige Apps kostenpflichtig oder teuer. 

Ich plädiere für eine neugierige und kritische Öffentlichkeit. Ich plädiere dafür, dass die Wissenschaft mal die Kirche im Dorf lässt, ausprobiert, mitredet, testet, Meinungsbildung betreibt und man das Ganze mal laufen lässt (Ausnahme: die kleine Gruppe potentiell gesundheitsgefährdender Apps). Ich plädiere dafür, dass man beobachtet, ob bildungsferne (darum geht es, nicht um die Alten) im Gebrauch von Apps dazulernen. Ich plädiere im Marx’schen Sinne dafür, dass die Wissenschaftler in die Betriebe, aufs Feld geschickt werden.

Wenn wir dann in 4-5 Jahren wissen, was überlebt hat, was nutzt, dann können wir, falls immer noch Bedarf besteht, über Qualitätssiegel reden. 

Vorher nicht. Es droht Verschleppung. Und Verschlimmbesserung.

P.S. Die wissenschaftliche Einführung war unbrauchbar. Die Debatte nach der Pause war erfrischend und wach. Gut gemacht!

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