Boulevard Merkel. Die NichtInszenierung der Politik

Schöne Geschichte in der Süddeutschen vom 18.5.2013. Das Ende der Homstory. Und wie Angela Merkel nach dem konjunkturellen Abschwung derselben wieder neu erfindet. Richard Münch hat mal beschrieben, dass auch die Informationsgesellschaft ihre Konjunkturen hat. Nach dem Hoch unter Rotgrün folgte der Homestoryabschwung. Jetzt legt Angela Merkel mit wohlgesinnten Geschichten nach. Mit Verknappung lässt sich der Preis vieler Güter wieder nach oben treiben.

Wenn sich Türen und Tore öffnen
Bye, bye, Home Story. . .
von nico fried

Nico Fried
Leiter, Parlamentsredaktion Berlin, Süddeutsche Zeitung, 18.5.2013

Nico Fried leitet seit 2007 die SZ-Parlamentsredaktion in Berlin. Zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen berichtet er über die Personen und Ereignisse im Kanzleramt, den Ministerien, dem Parlament und anderen Orten, wo Politik gemacht wird. Der gebürtige Ulmer lebt seit 1996 in der Hauptstadt, wo er vier Jahre lang für die Berliner Zeitung arbeitete. 2000 kam Fried zur Süddeutschen Zeitung und berichtete aus der Parlamentsredaktion über die deutsche Außenpolitik, die damalige PDS und später über die Grünen. 2004 übernahm er die journalistische Beobachtung der SPD, drei Jahre später die Büroleitung. Nico Fried, geboren 1966, hat in München und Hamburg Politikwissenschaften studiert und mit einem Magister Artium abgeschlossen.
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Seht her, wir sind auch nur Menschen: Kanzler Gerhard Schröder und seine Doris beim Kaffeekränzchen,… Foto: Wolfgang Wilde/Roba Press…Sigmar Gabriel beim Zündeln (2003, mit Lebensgefährtin Ines Krüger),… Foto: Werner Schuering…und Christian Wulff mit seiner ersten Ehefrau Christiane und Tochter, 2003. Foto: OssenbrinkSchmeckt bestimmt gut, kommt aber nicht bei jedem gut an: Kristina Schröder im Jahr 2006,… Foto: imago…Frank-Walter Steinmeier (mit Cherno Jobatey neulich im ZDF),… Foto: SZ-Photo…und Otto Graf Lambsdorff mit seiner Ehefrau Alexandra, 1988. Foto: Teuto/SZ-Photo
Es war einmal ein CDU-Politiker, dessen Karriere wahrlich märchenhaft zu verlaufen schien. Er war das, was man gemeinhin eine große Zukunftshoffnung nennt, und groß ist er tatsächlich bis heute geblieben, sogar sechs Zentimeter größer als Helmut Kohl. Er war smart, er war sachkundig, er konnte reden, und er war ehrgeizig, weshalb Friedrich Merz eines Tages seine Haustür für Fotografen und Reporter einer sehr großen Boulevardzeitung öffnete.
So entstand im Januar 1999 eine Geschichte über den damaligen stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Union im trauten Familienkreis. Der Prototyp einer politischen Home Story, inszenierte Authentizität. Eine Geschichte, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Die politische Home Story ist eine vom Aussterben bedrohte Gattung.
Warum eigentlich?
Ein Foto zeigte Merz im Keller seines Hauses im Sauerland. Der Text zum Bild wies auf ein „ganz besonderes Möbelstück“ hin, wobei man beim ersten Hinsehen glauben konnte, damit sei seine neben ihm lächelnde Ehefrau gemeint, aber es ging um eine Sitzbank aus dem alten Bonner Bundestag. Ein anderes Bild zeigte Merz als Klarinettisten bei der Hausmusik und ein drittes Bild beim Sonntagsfrühstück mit Frau und zwei Töchtern. Ein bürgerliches Idyll, begleitet von Sätzen wie: „Wenn die Zeit reicht . . .“ oder „Wenigstens am Sonntag . . .“ – denn wirklich wichtig ist der Politiker erst, wenn er eigentlich keine Zeit hat für seine Familie. Im Text sagte die liebende Frau Merz über die Überzeugungskraft ihres Mannes, dass sie ihm sogar glaube, wenn er behaupte, draußen scheine die Sonne, obwohl es regne.
Den Politiker Friedrich Merz gibt es heute nicht mehr. Aber auch Home Stories über Politiker wie die aus dem Januar 1999 sind selten geworden, sehr selten. Es gibt für beides viele Gründe, aber wie es der Zufall will, gibt es auch einen gemeinsamen Grund: Angela Merkel. Sie stand am Anfang vom Ende des Friedrich Merz, dem sie einst den Fraktionsvorsitz wegnahm, wovon er sich politisch nicht mehr erholte. Und sie steht bis heute für einen hermetischen Schutz ihrer Privatsphäre, den andere Politiker als Referenzgröße nehmen.
Peer Steinbrück berichtete, dass er lieber Croissants esse als Körnerbrötchen: Wahl verloren
Bei der Merkel gehe das doch auch, befand Peer Steinbrück schon vor einiger Zeit, als er sich fest vornahm, als Kanzlerkandidat seine Familie und sein Zuhause vor der Neugier der Öffentlichkeit weitgehend zu verschonen. Als Ministerpräsident hat er 2005 einmal ein Doppelinterview mit seiner Frau gegeben und berichtet, dass er lieber Croissants esse als Körnerbrötchen. Die Landtagswahl verlor er trotzdem haushoch.
Mainhardt Graf von Nayhauß, der für die Bild-Zeitung viele Jahre lang Kolumnen schrieb, die erst „Bonn vertraulich“, später „Berlin vertraulich“ hießen, brachte schon im Juni 2008 sein Bedauern darüber zu Papier, dass Politiker keine Home Stories mehr bewilligten, allenfalls in ihren Ferienhäusern. „Früher“, schrieb Nayhauß (Jahrgang 1926), „früher zögerten Politiker nicht, ihr richtiges Zuhause für unsereins zu öffnen. Helmut Kohl zeigte mir stolz seinen Weinkeller in Oggersheim, Norbert Blüm sein dreistöckiges Haus in der Bonner Weberstraße; wir saßen im Garten, der schwarze Hauskater lag auf meinem Schoß, Ehefrau Marita Blüm kochte in der Küche Fenchelsuppe.“
Das allmähliche Sterben der Home Story hat wahrscheinlich auch etwas damit zu tun, dass die Frauen heute nicht mehr Fenchelsuppe in der Küche kochen wollen, sondern sich lieber Kartoffelsuppe im Kanzleramt servieren lassen.
Der Home Story ist mithin ihre Zielgruppe verloren gegangen. Genauer gesagt: Es gibt heute so viele Zielgruppen, dass man mit Schrot schießen müsste, um wenigstens einige zu treffen. Das idealtypische Bild des Politikers, der zu Hause von Frau und Kind gestützt wird, existiert nicht mehr. Allein schon, weil so viele Frauen inzwischen selbst Politikerinnen sind. Der Versuch, sich mit einer Home Story über die eigene private Lebensform bei möglichst vielen Gleichgesinnten anzubiedern, scheitert heute schon an der schieren Menge unterschiedlicher Lebensformen und dem Risiko, von zu vielen nicht mehr bewundert, sondern belächelt zu werden.
Gleichwohl regt sich natürlich in vielen Politikern immer wieder der Mensch und will beachtet werden. Im Zeitalter der neuen Medien kann ja auch jeder seine eigene Home Story unter die Leute bringen. Fast auf jeder Seite eines Bundestagsabgeordneten findet sich inzwischen die Rubrik „Privates“. Bei Facebook vermischen sich berufliche Postings mit persönlichen. Und wenn SPD-Chef Sigmar Gabriel von zu Hause aus zur Twitter-Sprechstunde lädt, richtet sich der Beginn der Session danach, wann seine Tochter Marie ihr Fläschchen ausgetrunken hat, und das Ende danach, wann sie wieder Hunger bekommt.
Die eigentliche Home Story aber, bei der die Neugier des Journalisten, der Voyeurismus des Bürgers und die Eitelkeit des Politikers eine Dreieinigkeit bilden, ist rar geworden. Der Boulevard ist vereist, zu glatt für manche Politiker. Ausnahmen bestätigen das Risiko. Neulich zum Beispiel war Thomas Oppermann im Fernsehen. Er ist SPD-Politiker und ein Mann, der sehr viel älter ist, als er aussieht, weshalb es jetzt vorwärts gehen muss, wenn er noch all das werden soll, was er sich zutraut. Immerhin hat ihn Peer Steinbrück gerade in sein sogenanntes Kompetenzteam geholt, wodurch Oppermann Minister werden könnte, wenn die SPD die Wahl gewinnt. Nun ja.
Thomas Oppermann: „Ich muss mich natürlich auch mit den Kindern ein wenig beschäftigen.“
Jedenfalls war Oppermann im Fernsehen, weil ihn der Moderator Cherno Jobatey vom ZDF-Morgenmagazin in seiner Heimatstadt Göttingen besucht hat. Der Film sollte den Politiker als Privatmann zeigen, und Oppermann erzählte, dass er in der Familie „häusliche Pflichten“ habe. Jobatey fragte nach Beispielen, Oppermann antwortete: „Aufräumen, na klar. Ich muss mich natürlich auch mit den Kindern ein wenig beschäftigen.“ Kurze Pause. „Und das mach‘ ich aber auch gerne, die sehe ich in der Woche ja meistens nicht.“
Wahrscheinlich ist Oppermann ein viel enthusiastischerer Vater, als der, über den er im ZDF gesprochen hat. Ganz gewiss aber zeigt diese Episode, dass das Private politisch sein mag oder auch nicht – es kann vor allem schnell peinlich werden.
An dem Film über Oppermann ist das Siechtum der Home Story abzulesen – denn es ist ja gar keine mehr. Man sieht Oppermann im Wald, in der Fußgängerzone, in einer Pizzeria und als Zuschauer beim Basketball. Im Home aber sieht man ihn nicht, er redet nur darüber; die Familie sieht man auch nicht, er redet nur darüber. Oppermann beim Aufräumen? Dito. Es wirkt wie der Versuch, Privates zu offenbaren und gleichzeitig zu schützen.
Man hat ja bei anderen gesehen, was passieren kann.
Der Sozialdemokrat Rudolf Scharping gilt bis heute als der Politiker, der das Zurschautragen seines privaten Glückes mit dem heftigsten beruflichen Absturz bezahlen musste. Der Verteidigungsminister planschte für Fotografen mit seiner neuen Freundin in einem Pool auf Mallorca, während sich Soldaten der Bundeswehr auf einen Einsatz in Mazedonien vorbereiteten. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder feuerte daraufhin seinen Minister. Schon vor zehn Jahren aber stellte Mathias Döpfner, der Chef des Springer-Verlages, fest, dass die Boulevardisierung von Politik „keineswegs nur eine rot-grüne Spielart ist, sondern dass vor allem das bürgerliche Lager für diese Verlockungen besonders anfällig erscheint“.
Die Chefredakteurin der Zeitschrift Bunte, Patricia Riekel, sagte im Februar 2009, „die Jungstars“ der deutschen Politik würden „insgesamt immer attraktiver“. Und wen hatte sie da im Auge? Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), damals gerade Bundeswirtschaftsminister geworden, sei dafür ein gutes Beispiel, so Riekel. Auch Christian Wulff (damals noch CDU-Ministerpräsident) achte „sehr darauf, dass er auch optisch gut rüberkommt“. Oder Silvana Koch-Mehrin, damals noch Europapolitikerin der FDP. „Die lässt sich sexy fotografieren und kommt gut damit an“, so die Chefredakteurin. Drei Politiker, drei bürgerliche Parteien, drei gescheiterte Karrieren. Riekels Interview liest sich heute nicht wie ein Plädoyer für die Boulevardisierung von Politik, sondern dagegen.
Der letzte wichtige Politiker, der ausgiebig über sein Privatleben sprach, war vor knapp einem Jahr Peter Altmaier nach seiner Berufung zum Bundesumweltminister. Er schilderte sein Dasein als Single, das Verhältnis zu seiner Mutter, seine Leidenschaft fürs Essen. Es war, als habe sich in all den Jahren, in denen das niemanden interessierte, bei Altmaier ein Mitteilungsbedürfnis angestaut, das sich nun seine Bahn brach wie Bratensauce im Kartoffelbrei. Zugleich aber steht der Fall Altmaier für einen Perspektivwechsel beim Blick auf den privaten Politiker. Früher musste sich derjenige rechtfertigen, der sein Privatleben verschlossen hielt. Bei Altmaier fragt man sich eher: Warum erzählt der das alles?
Helmut Kohl ließ sich gelegentlich mit Frau und Söhnen fotografieren. Legendär sind seine Urlaubsfotos mit verschiedenen Tieren am Wolfgangsee. Heute weiß man, dass sich hinter der Kulisse heiler Bürgerlichkeit manche Dramen abgespielt haben. Gerhard Schröder wiederum war ein Meister darin, die Illusion zu erzeugen, dass sein Privatleben auch politisch sei. Seine Herkunft wie seine Ehen. Wie kein Vorgänger führte er seine Frau außerhalb des Heimes in den politischen Einsatz.
Doris Schröder-Köpf war auf Wahlplakaten zu sehen, die frühere Journalistin äußerte sich zur Politik und im Wahlkampf 2005 sogar über die Konkurrentin ihres Mannes, Angela Merkel. Die CDU-Politikerin verkörpere mit ihrer Biografie nicht die Erfahrungen der meisten Frauen, die Kinder erziehen und sich gleichzeitig um ihren Beruf kümmern müssten. „Das ist nicht Merkels Welt“, sagte die Kanzlergattin. Im Fernsehduell mit Merkel konterte Schröder Kritik an dieser Einmischung mit dem Satz: „Sie lebt das, was sie sagt, und ich füge hinzu: Das ist nicht zuletzt der Grund, warum ich sie liebe.“ So sehr sich Merkel über diese Replik ärgerte, so sehr verblüffte sie auch solche Chuzpe.
Merkels Mann und Richard-Wagner-Fan Joachim Sauer schweigt über das Dasein als Politikerinnengatte, als drohte ihm bei Zuwiderhandlung Verdammnis wie dem „Fliegenden Holländer“. Sein Verhältnis zu Journalisten wirkt phobisch. Als er Merkel einmal auf die private Ranch des damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush in Texas begleitete, begegnete Sauer in der Regierungsmaschine mitreisenden Reportern. Der Schreck, der ihm darob in die Glieder fuhr, hätte ihm wohl die Haare zu Berge stehen lassen, wenn sie dort nicht sowieso immer stünden. Trotz dieser Verschlossenheit ist Merkel die beliebteste Politikerin. Sie gilt als authentisch, was ja nichts anderes heißt, als dass es wenig Diskrepanz zwischen der Amtsperson und dem Menschen Merkel zu geben scheint. Damit hat die Kanzlerin den Idealzustand erreicht, den jeder Politiker sich von einer Home Story erwünscht – und das, ohne dass sie jemals eine richtige Home Story gemacht hätte.
Merkel geht mittlerweile noch weiter. Die Kanzlerin lässt zwar niemanden zu sich nach Hause, stattdessen kommt Frau Merkel bisweilen sozusagen auf Besuch zu ihrem Volk. Wenn sie in Veranstaltungen auftritt, wo es nicht nur um die Politikerin, sondern auch um ihre Person geht, dann bringt sie Anekdoten aus ihrem Privatleben mit, wie ein Clown auf einem Kindergeburtstag seine Requisiten anschleppt.
Angela Merkel schreibt längst ihre eigene Home Story.
Die persönlichen Unterhaltungsbrocken warf die Kanzlerin wohldosiert unters Volk
Als sie jüngst von Redakteurinnen der Zeitschrift Brigitte einvernommen wurde, warf sie die persönlichen Unterhaltungsbrocken wohldosiert unters Volk: Sie sprach ein paar Worte über ihren Mann, ein paar Worte darüber, dass sie im Familien- und Freundeskreis froh sei, wenn nicht über Politik geredet werde, aber auch nicht wolle, dass nicht über Politik geredet werde, nur weil sie da sei, und sie erzählte, dass sie beim Kochen nicht dauernd vor sich hinmurmle: „Ich bin die Bundeskanzlerin.“
Die Zuhörer waren sehr angetan. Wer gar nichts weiß, der ist mit wenig auch zufrieden. Wie sehr Merkel solche Auftritte mittlerweile zu steuern vermag, verriet ihr Abschiedssatz, vorgetragen wie von einer Entertainerin am Ende einer Show: „Danke schön“, sagte die Bundeskanzlerin, „Sie waren ein tolles Publikum.“

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