Bildung ist kein Bürgerrecht. Mehr, aber es sollte wieder eines werden

Ulrich Beck hat in Becks Welt am 6.2.2010 (Berliner Zeitung) gezeigt: In Zeiten des Umbruchs gibt es nicht nur die Alternativen zwischen Beharrung und totaler Neoliberalisierung, sondern auch neue Wege. Sozusagen einfach die Fehler des alten Wegs korrigieren, aber nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

Berliner Zeitung 20100206 Beck

Welche Universität wollen wir?
Weltinnenpolitik: Der Weg zu einer Humanität der gegenseitigen Abhängigkeiten
Ulrich Beck

In den 1960er-Jahren riefen Georg Picht und Ralf Dahrendorf die „Bildungskatastrophe“ aus. Die Antwort war: Bildung für alle. Aber der Bologna-Prozess ist gescheitert. Als sein Ergebnis zeichnet sich eine neue Bildungskatastrophe ab: Keine Bildung für alle! Was zwei Weltkriege nicht geschafft haben, könnte Bologna erreichen: die deutsche Universität zu zerstören.

Hemmungslos schleudert eine Anti-Bildungs-Bildungsreform ihre Plastikwörter – Exzellenz, Kompetenz, Effizienz, Modularisierung – hervor, und eine teils eingeschüchterte, teils sympathisierende Rektoren- und Professorenschaft setzt sie in die Wirklichkeit um und nimmt die Plastiksprache für die Wirklichkeit. Man sagt „Bachelor“ und setzt die McDonaldisierung der deutschen Universität in Gang: Fast Food entspricht Fast Education. Modularisierung löst die in Jahrzehnten gewachsenen Fachstandards und Diskursfelder auf. Die chronisch unterbesetzten Sozial- und Geisteswissenschaften können am Ende ihre eigenen fachwissenschaftlichen Abschlüsse nicht mehr anbieten. Der letzte Vertreter seines Faches knipst das Licht aus.

Damit alles dennoch seine Ordnung hat, bildet der Staat eine Art McKinsey-Stalinismus heran: Netzwerke aus Akkrediteuren, Evaluierern und Bildungsspitzeln. Das erinnert verdammt an die DDRisierung der BRD. Ich schlage vor, dass die Studierenden jährlich den „Margot-Honecker-Preis“ für die herausragendste Absurdität der Bildungspolitik vergeben. Denn es sind sie, und nur sie, die die Initiative ergriffen und die Idee der Universität gegen die staatlich sanktionierte Übermacht der Reformattacken verteidigen. Das spricht dafür, dass der demokratische Geist, der allseits beschworen wird, noch lebt.

Seit den 1960er-Jahren, so wurde im Rückblick ironisch angemerkt, wächst täglich die Zahl der Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Nach den Überraschungserfolgen der Studentenproteste gegen eine Reform, die ihnen eine Wochenarbeitszeit von 60 Stunden abverlangt, wächst täglich die Zahl derjenigen, die „immer schon“ dagegen waren. Allerdings droht sich die neu entflammte Debatte in den technischen Details zu verlieren, während die Frage nach der Alternative – welche Universität wollen wir? – ausgeblendet bleibt. Diese Frage möchte ich hier aufgreifen und in zwei Schritten erörtern: Welcher historische Wandel erschüttert das Hochschulwesen? Und welche Rolle soll die reformierte Universität in der veränderten Welt spielen?

In Harvard kann man lernen: Der Humboldt’sche Bildungsbegriff ist moderner denn je. Fast alle scheinbar ewigen Formen, Unsicherheit zu bewältigen, verlieren an Bedeutung – in Familie, Ehe, Geschlechterrollen, Klassen, Parteien, Kirchen, zuletzt der Wohlfahrtsstaat. Auf diese Vervollkommnung der Unsicherheit gibt es bislang nur drei Antworten: Bildung, Bildung, Bildung! Und nicht Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung! Denn mit der Ausrichtung an Arbeitsplätzen wird „der wirtschaftliche Bedarf“ zum Bezugspunkt gemacht, den es in der rasant sich wandelnden Arbeitswelt dann so gar nicht mehr gibt.

Es ist nicht die Universität, die in Ruinen liegt, sondern das nationale Modell der Universität, jenes Bündnis von modernem Staat, akademischer Wissenschaft und nationaler Kultur. Die historischen Rahmenbedingungen, unter denen der Nationalstaat und der moderne Begriff der Nationalkultur sich wechselseitig hervorriefen, werden von einer sich zunehmend transnationalisierenden Wirtschaft, Kultur und Politik weggespült. Damit zerfallen: die Allmacht des Staates im Bildungswesen; der Elitecharakter der Universität; die Legende des akademischen Elfenbeinturms; nicht zuletzt der „methodologische Nationalismus“ der Universität.

Unter dem Eindruck der nationalen Einheit von Staat und Universität haben sich auch die Geistes- und Sozialwissenschaften darin eingerichtet, den Staat als Nationalstaat, die Gesellschaft als Nationalgesellschaft, die Identität als nationale Identität, die Geschichte als Nationalgeschichte, die Demokratie als nationale Demokratie zu begreifen und zu erforschen. Das konserviert in Zeiten des transnationalen Verwischens von Grenzen falsche Erkenntniswege. Nirgendwo wird dies so deutlich wie in Europa, dessen Nationalgesellschaften und Nationalstaaten verflechtende Realität im Banne des methodologischen Nationalismus schlechterdings unbegreiflich bleibt. Die Universitäten erleiden also das Schicksal anderer öffentlicher Dienstleistungen. Und die Antwort ist eine Quadratur des Kreises. Sie muss einander widersprechende Ziele verbinden: das finanzpolitische Diktat des Weniger mit dem demokratiepolitischen Diktat des Mehr (Massenbildung und Elitenbildung).

Im Umgang mit diesen Schwierigkeiten lassen sich drei Optionen unterscheiden. Die Vertreter der nostalgischen Agenda setzen auf das Motto: Warum soll sich etwas daran ändern, dass sich nichts ändert? Die zweite Option der Bildungspolitik, die neoliberale Agenda, schickt sich an, die Universität als Markt-Universität nach dem Vorbild von Fabriken umzumodeln. Gegen beide Positionen grenzt sich die weltinnenpolitische Agenda ab. Ich unterscheide zwischen Humboldt 1 (19. Jahrhundert) und Humboldt 2 (21. Jahrhundert). Die Pointe ist: Die weltinnenpolitische Agenda will die Idee der Universität als Schule der Weltbürgerlichkeit neu begründen.

Die neoliberalen Eiferer finden für die Politik der leeren Kassen immer neue Begründungen: Nach dem Motto: Wir geben euch die Hälfte Mehl, aber daraus müsst ihr doppelt so viele Brötchen backen! Und diese neuen, mit Wasser gebackenen Bildungsbrötchen sind Etikettenschwindel: Bachelor gleich Studienverkürzung gleich Entlastung der öffentlichen Haushalte.

In der industriegeprägten Arbeitnehmer-Gesellschaft wurden Menschen zu Kopisten vorgegebener Blaupausen ausgebildet. In Zeiten dramatischer Veränderungen werden hingegen schöpferisch handelnde Grenzgänger wichtiger, die befähigt sind zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und zur Solidarität über Grenzen hinweg. Der Zweck der Universität gerade auch im 21. Jahrhundert ist das Schärfen der eigenen Gedanken an den fremden. Das jedoch folgt nicht aus dem Idealismus der Aufklärung heraus, sondern aus dem ökonomischen Realismus der Weltwirtschaft. Das ist Humboldt 2 – nicht McKinsey!

Wer die Universität nach Marktprinzipien reformiert, beruft sich darauf, das Prinzip „Mehr Chancen für alle“ durchzusetzen. Es droht jedoch das Gegenteil: die Wiederkehr des Sozialdarwinismus unter dem Druck der Globalisierung. Das macht perverserweise ausgerechnet Bildung zur Legitimation des Ausschlusses von Menschen aus der Gesellschaft. Eine sozial gerechte Bildungspolitik müsste daher der Devise folgen: Wer soziale Sicherheit abbaut, muss Bildung ausbauen. Denn in Bildung zu investieren ist sozusagen die Sozialversicherung, die nach der Sozialversicherung kommt. Der Staat, der in seiner Finanznot Sozialausgaben kappt, muss das Geld stattdessen in Schulen und Hochschulen stecken. Auch gilt: Studiengebühren und Chancengleichheit schließen sich keineswegs aus – allerdings nur dann, wenn die Studiengebühren dazu genutzt werden, ein bundesweites Darlehens- und Stipendienmodell zu finanzieren.

Ein weiterer Irrtum der neoliberalen Agenda liegt darin, die Forderung nach Autonomie der Hochschulen mit Marktautonomie zu verwechseln. Dadurch wird die Möglichkeit verspielt, die Humboldt bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts vor Augen stand, nämlich Bildung und Forschung sowohl staatsfern als auch marktfern zu organisieren. Der unverzichtbare Schlüssel dafür liegt in der Selbstfinanzierung der Hochschulen, und diese wiederum könnte sich auf diverse Geldquellen stützen: Studiengebühren, Stiftungskapital, regionale und globale Netzwerke. Insbesondere könnten Universitäten ihr Wissen patentieren und auf diesem Weg Gewinnquellen erschließen – nicht zuletzt mit dem Ziel, die Autonomie der Hochschulen auch gegenüber dem Kontrollzugriff der Wirtschaft abzuschirmen.

Humboldt 1 verfolgte einen nationalpädagogischen Zweck. Die Universität wurde zur Geburtsstätte der nationalen Souveränität. Humboldt 2 dagegen gründet auf einer „Declaration of Interdependence“. Keine Nation kann ihre Probleme alleine lösen. Weltprobleme schaffen transnationale Gemeinsamkeiten. Interdependenz ist keine Geißel der Menschheit, sondern die Voraussetzung ihres Überlebens. Die Humboldt-2-Universität weist uns den Weg zu einer Humanität der gegenseitigen Abhängigkeiten – einer Humanität, für die das Ringen um die Würde des national konstruierten und ausgeschlossenen Anderen vielleicht den Stellenwert gewinnt, den der Klassenkampf im 19. Jahrhundert innehatte.

Die globalen Eliten verteidigen eifersüchtig ihre neuen, transnationalen Optionen. Aber wofür streiten sie? Für einen reinen Ökonomismus? Oder für eine neue Verfassung der Freiheit? Das unterscheidet Humboldt 2 von Humboldt 1: An die Stelle der Schule der Nation tritt die Schule der Weltbürgerlichkeit. Damit geht es wieder um die Bildungsinhalte, um Neugier und Lernbegierde, nicht aber um das bloße utilitaristische Schielen auf Kompetenzlisten. Denn die weltinnenpolitische Agenda wagt es, die Universität zum Experimentalort einer zweiten, postnationalen Aufklärung zu machen. Da es diese erst in Ansätzen gibt, bleibt die Einheit von Forschung und Lehre unverzichtbar.

Humboldt 1 diente der Einübung des nationalen Blicks, also der nationalen Elitebildung, setzte ein entsprechendes bildungsbürgerliches Milieu der Staatsbeamten und Besoldungsordnungen voraus. Humboldt 2 dient der Einübung des kosmopolitischen Blicks, bildet die Eliten heran, die national und international die sich im Kämpfen und Kriegen formierende Weltgesellschaft mitgestalten. Es entsteht eine Hochschule des Sowohl-als-auch, nämlich für national-kosmopolitische Eliten und Massenerziehung.

Diese Gleichzeitigkeit hätte eine wichtige Funktion. Sie könnte der sich schon heute einschärfenden, neuen globalen Klassenspaltung entgegenwirken – jener Spaltung zwischen weltweit vernetzten kosmopolitischen Eliten und territorial gebundenen arbeitenden und denkenden Mittelschichten, die sich als „Globalisierungsverlierer“ sehen und hinter ihrem nationalen Weltbild verbarrikadieren.

Die Globalität von Humboldt 2 drückt sich in Finanzquellen, Forschungsthemen, Kooperationsformen, Curricula und global anerkannten Bildungspatenten aus; aber auch in den transnationalen Erfahrungshintergründen der Professorenschaft und der Forschungsteams sowie in der gezielten Einwerbung ausländischer Studierender mit unterschiedlichen Welterfahrungen und Weltperspektiven.

Nicht zuletzt auch als Antwort auf die Welt globaler Gefahren – Klimawandel, Weltwirtschaftskrisen, Terrorismus, Aids – müsste Humboldt 2 auch wieder ein Ort werden, an dem das Abenteuer des „versuchenden Gedankens“ ermöglicht wird. Wie sonst sollte Nützlichkeit in einer sich selbst gefährdenden Zivilisation definiert werden?

Der Soziologe Ulrich Beck, geboren 1944, ist einer der bekanntesten Theoretiker der Globalisierung.

Er schreibt bis August 2010 an einem der ersten Sonnabende im Monat darüber, was ihm im Vormonat auffiel in den Medien und in der Wirklichkeit, an Zahlen und Ideen, global und lokal.

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