Barack Obama. Gescheitert? Ein politisches Lehrstück

Von den Amerikanern lernen, heißt, diesmal, verstehen lernen. Markus Günther hat in der FAS ein bemerkenswertes Stück über die Frage geschrieben, warum Barack Obama in der Öffentlichkeit als Verlierer dasteht. Enttäuschte Liebe. Ein Stück über Erwartungsmanagement SONNTAG, 31. MAI 2015 POLITIK Götterdämmerung Die meisten Amerikaner sind bitter enttäuscht von Barack Obama. Seine Wähler fühlen sich verraten, seine Partei sieht sich im Stich gelassen. Musste es so kommen? Vielleicht. Von Markus Günther Der 20. August 2014 wird in keiner Obama-Biographie künftiger Historiker fehlen. Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ hatte gerade das Video veröffentlicht, das die Enthauptung des entführten amerikanischen Journalisten James Foley zeigte. Die amerikanischen Fernsehsender unterbrachen ihre Programme. In Büros, Restaurants und Shopping Malls versammelten sich Millionen von Menschen in ungläubigem Staunen vor den Bildschirmen. Eine Schockwelle ging durchs Land. Kurz darauf trat der Präsident vor die Kameras. Barack Obama, der sich in den Sommerferien auf Martha’s Vineyard befand, stand in dunklem Sakko und offenem Hemd vor einem blauen Vorhang und sagte genau das, was die fassungslosen Amerikaner in diesem Moment von ihrem Präsidenten hören wollten. Er fand, wie so oft, die richtigen Worte und traf den richtigen Ton: Mitgefühl für das Opfer und die Angehörigen, eine entschlossene Kampfansage an die Täter, die Bitte um ein Gebet für den Ermordeten und ein beherztes „God Bless America“ zum Schluss. Obamas Mienenspiel zeigte, wie sehr ihm die Sache offenbar zu Herzen gegangen war: Er sah tief bestürzt aus. Gäbe es Schulnoten für präsidentielle Statements in nationalen Notlagen, hätte Obama sich an diesem Tag eine Eins plus verdient. Besser kann man’s nicht machen. Doch nach Ende der fünfminütigen Live-Übertragung erlebten die Journalisten am Urlaubsort in Massachusetts einen anderen Obama. Er warf das dunkle Sakko einem Berater zu, ließ sich mit der Limousine auf den Golfplatz fahren und stand schon eine Viertelstunde nach der Trauerrede gut gelaunt und laut lachend am Abschlag von Loch 1. Vier Stunden verbrachte er an diesem Tag auf dem Golfplatz. Bei gelungenen Schlägen führte er kleine Freudentänze mit geballter Faust auf. Als das Abendfernsehen später die Bilder zeigte, ging noch einmal eine Schockwelle durchs Land: Was ist das eigentlich für ein Präsident? Oder genauer: Was ist das für ein Mensch? War das Ignoranz oder Instinktlosigkeit? War die ganze Betroffenheitsmiene nur eine verlogene Show gewesen? Am 20. August 2014 verlor Obama binnen weniger Stunden ein paar Millionen Anhänger, die bis dahin treu zu ihm gehalten hatten. Viele andere hatte er schon früher verloren. Denn der seltsame Doppelauftritt jenes Tages, in dem sich der krasse Widerspruch zwischen Pose und Persönlichkeit, zwischen Rhetorik und Charakter gezeigt hatte, steht inmitten einer langen Kette desillusionierender Erfahrungen mit dem einstigen Hoffnungsträger. Fast jeder amerikanische Präsident verliert im Laufe seiner Amtszeit an Popularität. Der politische Alltag fordert unerbittlich seinen Preis. Doch der Absturz Obamas ist in der jüngeren amerikanischen Geschichte beispiellos. Im ersten Amtsjahr hatte Obama Sympathiewerte von fast 80 Prozent, seine Politik unterstützten fast 70 Prozent der Amerikaner. Wie sehr ihn auch der Rest der Welt anhimmelte, zeigte die Verleihung des Friedensnobelpreises nach nur neun Monaten im Amt. Einen solchen internationalen Vertrauensvorschuss hatte es noch nie für einen Politiker gegeben. Heute hingegen sind 70 Prozent der Amerikaner mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes unzufrieden. Obama selbst werden die meisten seiner Landsleute keine Träne nachweinen, wenn er in anderthalb Jahren das Weiße Haus verlässt. Bei einer Umfrage der Zeitung „USA Today“ wurde Obama vor kurzem zum „schlechtesten US-Präsidenten seit 1945“ gewählt – mit solidem Vorsprung vor George W. Bush und meilenweit vor Richard Nixon. Gerecht sind solche Urteile nicht – und auch nicht zwangsläufig von Dauer. Mit größerem Abstand wird das Urteil milder werden. Doch einstweilen ist Obamas Abstieg so spektakulär, wie es sein Aufstieg vor acht Jahren war. Damals schien ihm die Welt zu Füßen zu liegen, selbst in Berlin wurde er von Hunderttausenden gefeiert, die amerikanischen Medien beschrieben ihn als Politiker ganz neuen Typs, die Wähler sahen in ihm den lang ersehnten Heilsbringer, eine Art politischen Messias, der endlich Schwarze und Weiße versöhnen, die Schere zwischen Armen und Reichen schließen, die Welt friedlicher und sicherer machen und den amerikanischen Traum auf ganz neue Füße stellen könnte. „Der Gott aller Dinge“ nannte „Newsweek“ damals den neuen Präsidenten. Was ist von den hohen Erwartungen geblieben? „Oberster Enttäuscher“ nennt die „Washington Post“ Obama heute in fröhlichem Zynismus und bitterem Ernst. Sie hat ihn in seinem ersten Wahlkampf noch leidenschaftlich unterstützt, genauso wie der liberale „Boston Globe“, der Obama heute „die amerikanische Enttäuschung schlechthin“ nennt. Selbst im Nobelpreiskomitee in Oslo hat die völlige Ernüchterung über Obama inzwischen handfeste Folgen gehabt: Der Vorsitzende des Komitees Thorbjoern Jagland, dem die voreilige Entscheidung für Obama angelastet wird, musste zurücktreten – das geschah zum ersten Mal in der mehr als hundertjährigen Geschichte des Komitees. Aber warum ist die Enttäuschung über Obama so viel leidenschaftlicher und tiefgreifender als die über George W. Bush? Warum ist das Urteil über Obama so bitter und oft wohl auch ungerecht? Ganz einfach: weil er nicht aus Pragmatismus gewählt wurde, sondern aus Liebe. Weil seine Anhänger auf ihn nicht nur politische Erwartungen, sondern persönliche Erlösungsphantasien projiziert haben. Nur enttäuschte Liebe setzt so ungeheure Kräfte frei, wie sie jetzt gegen Barack Obama wirken. Doch ist die Obama-Bilanz überhaupt so schlecht, wie es jetzt heißt? Ja und nein. Weder hat sich Obama mit persönlichen Affären und Skandalen blamiert wie Bill Clinton, noch hat er einen außenpolitischen Scherbenhaufen hinterlassen wie George W. Bush oder Amerika in Selbstzweifel und Depressionen gestürzt wie Jimmy Carter. Das ist vermutlich das Verblüffendste am amerikanischen Obama-Verdruss: Weder persönlich noch politisch hat sich der Präsident ernstlich etwas zuschulden kommen lassen. Er wird ganz offenbar an anderen Maßstäben gemessen. Denn sonst müsste man ihm wenigstens zugutehalten, dass er die amerikanische Wirtschaft nach der Finanzkrise erfolgreich stabilisiert und die Arbeitslosenquote deutlich gesenkt hat, dass er die amerikanischen Truppen aus dem Irak und Afghanistan abgezogen und damit ein zentrales Wahlkampfversprechen gehalten hat. Ist das alles nichts? Und was ist mit der überfälligen Entspannungspolitik gegenüber Kuba, die Obama endlich auf den Weg gebracht hat? Und was mit dem Atomabkommen mit dem Iran, mit der ersten großen Gesundheitsreform, durch die Millionen von Amerikanern jetzt erstmals eine Krankenversicherung haben? Auch eine solche Bilanz könnte man ziehen. Doch wer so rechnet, denkt zu wenig menschlich; er verkennt die Emotionen, die Obama beim politischen Publikum geweckt hat und die sich jetzt gegen ihn selbst wenden. Das vermutlich häufigste Wort, mit dem Amerikaner heute Barack Obama charakterisieren, lautet „disconnected“, also etwa „abgekoppelt“, „entrückt“. Für sie lebt der Präsident in seiner eigenen Welt, ist für Ratschläge unzugänglich, versteht das Leben und die Gefühle anderer Menschen nicht und ist meistens sehr mit sich selbst beschäftigt. Diese Vorwürfe sind deshalb so schlimm, weil sie zutreffend sind. „Sein Verhältnis zu den eigenen Parteifreunden ist so schlecht wie das zu den Republikanern“, berichtet der Watergate-Journalist Bob Woodward über Obama, „die Demokraten sagen: Der hört einfach nicht zu, der interessiert sich einfach nicht für uns.“ Auffällig ist, dass Obama gerade in der eigenen Partei und bei seinen Wählern viel Ansehen eingebüßt hat. Schwarze, Studenten, Frauen, Jungwähler, Hispanics – besonders in diesen Gruppen sind die Sympathiewerte im Keller. Folgerichtig baten die meisten Demokraten bei den Kongress- und Gouverneurswahlen im letzten Herbst den Präsidenten, nicht in ihrem Wahlkreis aufzutreten. Dabei ist der Präsident der eigenen Partei üblicherweise der wichtigste Wahlkämpfer. Jetzt aber gehen viele Demokraten öffentlich zu Obama auf Distanz. Das kommt bei den Wählern gut an. Hillary Clinton etwa lässt immer wieder wissen, dass sie die Außenpolitik des Präsidenten für zu schwach und zu undurchdacht hält. Aber ist es nicht sehr verständlich und sehr richtig, dass er nach den übereilten Interventionen unter George W. Bush vorsichtiger und zögerlicher entscheidet? Doch bei aller Ungerechtigkeit, die im Urteil über Obama im Spiel sein mag, er selbst hat viel dazu beigetragen, dass er heute trotz seines historischen Wahlsieges als erster schwarzer Präsident und trotz seiner Wiederwahl wie ein völliger Verlierer dasteht. Der Zug zur Selbstüberschätzung, der Obamas Biographie seit Jugendzeiten durchzieht, hatte im Amt des Präsidenten schwere Folgen. „Die Erdplatten haben sich verschoben“, sagte Obama schon in seiner ersten Rede als Präsident nach der Vereidigung im Januar 2009 vor 1,8 Millionen Menschen in Washington. Das war zwar politisch gemeint, doch es war eine entlarvende Rhetorik: Die Erdplatten haben sich verschoben? Geht es nicht eine Nummer kleiner? Bei seiner ersten großen Zwischenbilanz nach zwei Jahren im Amt stellte Obama allen Ernstes fest, er habe schon mehr bewirkt „als alle anderen Präsidenten bis auf drei“: Lincoln, der die Sklaven befreit hatte, Franklin Roosevelt, der gegen Japan und Deutschland in den Krieg ziehen musste, und Johnson, der die Bürgerrechte der Schwarzen gesetzlich verankert hatte. Obama nach Selbsteinschätzung auf Platz 4 der amerikanischen Geschichte? Da war die Grenze zum Größenwahn in Sichtweite. Mangelnde Einsicht in eigene Fehler kommt hinzu. „Ich habe niemals zu viel versprochen“, sagt Obama bis heute oft. Und gerade weil er das behauptet, wird er von seinen Gegnern immer wieder an das erinnert, was er so alles versprochen hat, zum Beispiel kurz vor seinem ersten Wahlsieg im Jahr 2008: „Auf diesen Augenblick wird man später einmal zurückblicken und sagen: Damals begannen die Meeresspiegel der Ozeane wieder zu sinken, und unser Planet begann, sich zu erholen.“ Das ist allerhand. Wie sympathisch wäre es, wenn Obama über sich selbst lachen und rundheraus einräumen könnte, dass damals im Wahlkampf alle Pferde mit ihm durchgegangen sind. Doch das kann er nicht. Stattdessen sagt er todernst: „Ich habe die Schwierigkeiten, die beim Erreichen unserer Umweltschutzziele vor uns liegen, niemals unterschätzt und werde nicht ruhen, bevor diese Ziele erreicht sind.“ Oft in den letzten sechs Jahren griffen politische und menschliche Fehler Obamas ineinander. Die Gesundheitsreform, die heute von einer Mehrheit der Amerikaner abgelehnt wird, hätte breite Zustimmung gefunden, wenn Obama sie nicht mit zu viel Eile und Eigensinn durchgedrückt hätte. Das Ziel, die über 45 Millionen Amerikaner ohne Krankenversicherung in ein neues Gesundheitssystem zu überführen, war aller Ehren wert – aber es war ohne Rücksicht auf die politischen Gegner nicht zu erreichen. Dass dennoch ein paar Millionen Menschen heute erstmals eine Krankenversicherung haben, ist Obamas größtes Verdienst. Doch das politische Klima hat er dabei weiter vergiftet. Auch sein Versprechen, das Gefangenenlager in Guantanamo innerhalb kürzester Zeit zu schließen, wäre nur in Kooperation mit den Republikanern denkbar gewesen. Doch die „neue Überparteilichkeit“, die Obama im Wahlkampf versprochen hatte, entpuppte sich gleich nach der Wahl als leeres Wort. Dabei steht Obama nicht etwa ein allzu verkrampftes ideologisches Denken im Weg, sondern seine Neigung, in politischen Auseinandersetzungen zu übertriebener Härte zu greifen. Bleibt die Sache mit dem Golfspiel. Ein ganz normales Hobby? Der nötige Ausgleich zum harten politischen Alltag? Mag sein. Obama gibt offen zu, dass er heute viel mehr Zeit mit Sport und Fitness verbringt als in der Zeit, bevor er Präsident wurde. Doch ist seine Golfleidenschaft längst zum Politikum geworden. „Sogar seine politischen Freunde sehen inzwischen, dass es sich beim Golf des Präsidenten nicht mehr nur um einen Sport handelt, sondern um ein politisches Sinnbild“, sagt der Kommentator Michael Gerson, „es zeigt den Präsidenten genau so, wie seine Gegner ihn zeichnen: abgekoppelt, in der Distanz, unerreichbar für die Menschen.“ Wesentlich radikaler urteilt die „Washington Post“: „Obama lebt praktisch auf dem Golfplatz. Die einzige Mission, der er sich ganz verschrieben hat, ist die, endlich sein Handicap zu reduzieren.“ Solche Häme hat viel mit dem August 2014 zu tun. Unter dem Druck der landesweiten Empörung über seinen instinktlosen Auftritt vom Vortag schickte Obama damals seinen Pressesprecher vor die Kameras. Der erklärte, etwas umständlich nach Worten suchend: „Also, äh, wissen Sie, das ist doch für uns alle wichtig, dass wir durch Sport mal den Kopf frei kriegen, und das gilt auch für den Präsidenten.“ Während der Pressesprecher auf diese Weise versuchte, die Gemüter zu beruhigen, stand Obama schon wieder auf dem Golfplatz. Erst nach tagelanger Kritik blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu entschuldigen – und eine Golfpause einzulegen. Die hielt freilich nicht lang. Das Jahr 2014 schloss Barack Obama mit 57 Tagen auf dem Golfplatz ab. Sein Handicap konnte er trotz aller Ambitionen nicht verbessern. Es liegt immer noch bei 18 und damit im oberen Mittelfeld ambitionierter Hobby-Golfer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.