Aus dem Tagebuch einer eHealth-Schnecke

Können Schnecken träumen? Wir wissen es nicht. Wenn aber eine eHealth-Schnecke träumen würde, dann von Landschaften wie der, die der Spiegel-Korrespondent Thomas Schulz in seinem neu erschienenen Buch “Zukunftsmedizin” (2018) ausgemalt hat. Dabei sind das keine Träume. Er hat nur das aufgeschrieben, was das Silicon Valley auf seiner Gesundheitsagenda hat.

Stichwort: Genomanalyse, molekulare Therapien, die Auslöser von Krebs oder Alzheimer reparieren können, weil sie Ursachen bekämpfen und falsche genetische Baupläne umbauen. Individualisierte Arzneimittel, Big Data, die zu Smart Data werden, weil “just in time” neue Therapiestrategien durch Analyse realer Datenbestände in breitenwirksame Therapieansätze umgesetzt werden können. Übrigens: Israel macht das vor.

Nur ein Szenario. Es lassen sich noch ganz andere denken.

In Deutschland gibt es solche Diskussionen nur auf Kongressen und in der Form, dass mit leichtem Schaudern über diese Möglichkeiten diskutiert wird. Und dann legt man Modellprojekte oder einen Innovationsfonds auf, der von denen kontrolliert wird, die schon bisher den Wandel, die Veränderung gebremst haben. Kollektivakteure, DIE Ärzteschaft, DIE Krankenhausgesellschaft, DIE Krankenkassen. Die Neuformierung des Gesundheitswesens, bei der Digitalisierung ein Schlüssel ist (aber auch nicht mehr), muss durch den Flaschenhals bestehender Interessen.

Denken ist Probehandeln.

Politik hat die Aufgabe, nach vorne zu sehen, eine Gesellschaft zukunftsfähig zu machen. Die letzte, die das mutig gemacht hat (wenngleich wir jetzt, in den Kollektivformen der Interessensvertretung uns mit den unerwünschten Nebenwirkungen auseinandersetzen müssen), war Ulla Schmidt.

Danach nur gedankenloses Weiter So.

Jens Spahn, der Umstrittene, könnte das ändern. Immerhin kennt er sich aus mit der heimlichen Denke des Gesundheitswesen. Dass er Digitalisierung ausbuchstabieren kann, hat er in “App vom Arzt” bewiesen. Koautoren: Markus Müschenich, Jörg Debatin. Das sind keine Nachzügler.

Wie viel Konflikt kann ein Gesundheitsminister ab?

Die Politik muss Gesundheit nicht neu planen. Sie muss lediglich die Augen aufmachen, was alles möglich wäre, wenn das Gesundheitssystem seine institutionelle Form verändern würde. Wenn Politik sich stärker auf Rahmensetzung konzentieren würde und in der Ausgestaltung des Neuen auch andere Akteure zulassen, bzw. die Umformung bestehender Interessen und Akteuren zu neuen Formen zulassen würde.

Warum sollte eine kassenärztliche Vereinigung nicht als Genossenschaft von Ärzten die regionale Verantwortung für die Gesundheitsversorgung übernehmen können. Oder, Eugen Münch hat das mit den Portalkliniken mal ausbuchstabiert, ein Klinikkonzern. Oder eine Kasse. Oder, oder, oder….

Notwendig wären Akteure, die Diagnose und Therapie neu zusammensetzen möchten. Weil demographischer Wandel andere Lösungen braucht. Weil Wandel kraftvolle und inspirierte Akteure benötigt, die Mut haben, Neues zuzulassen, die institutionellen Formen umbaut, konsolidiert, weiter entwickelt, damit effektiver und effizienter mit den therapeutischen und Versorgungsressourcen umgegangen werden kann.

Ich weiß, dass das keine einfache Aufgabe ist. Schließlich hängt Deutschland an der Idee, über das beste Gesundheitswesen der Welt zu verfügen. Gut, dass Geld bei uns nicht alles kann (wozu das führt, sehen wir in den USA: Die höchsten Kosten für die, durchschnittlich, schlechteste Versorgung), aber, auch das können wir aus den USA lernen, die besten neuen Lösungen gibt es dort auch.

Über die Pro’s und Con’s könnten wir doch mal reden?

Das wäre doch mal eine spannende Diskussion, darüber zu reden, welchen ordnungspolitischen Rahmen es dazu bräuchte. Welche Rolle Politik dabei hat. Wie das heutige Gesundheitssystem so geöffnet (darum geht es nämlich) werden kann, dass ein solidarisches und breitenwirksames Gesundheitswesen auch mit jedem Tag besser werden kann. Was das Einsickern des Neuen am meisten verhindert.

Mein Gefühl ist nämlich, dass es um das Abbauen institutioneller Schranken geht. Aus  der Arbeit des Zukunftskreises Gesundheit hat Claus-Dieter Gorr eine schöne Graphik gebastelt, die auf einen Blick zeigt, wie das Regulierungdickicht Bewegung verhindert.

Was tun?

Es würde aber erfordern, dass die gesundheitspolitischen Akteure hinter dem Rücken ihrer Wählerinnen und Wähler einen heimlichen Pakt schließen: Lasst uns in diesem Bereich, den ohnehin niemand mehr versteht, die Suche nach neuen Wegen als Gemeinschaftsaufgabe betrachten. Weil neue Lösungen auch Zeit brauchen und Zeiträume von 8-12 Jahren, in denen sich zeigt, ob und wie Neues funktioniert. Das steht quer zu den ein bis maximal vier Jahres Zeiträumen, in denen Gesundheitspolitik so denkt und handelt.

Lasst uns uns die Hybris der Politik, Zukunft PLANEN zu können, begraben. Wir beschränken uns darauf, Leitplanken zu definieren, Bahnen, in denen sich die Akteure bewegen und bessere (für die Patienten, Versicherten und sich selbst) Lösungen finden können. In denen sie atmen können.

Was wäre, wenn die Kutschenbesitzer bestimmt hätten, wann, wie und wohin Autos künftig fahren dürfen?

Wo wären wir gelandet, wenn die Kutschenbesitzer gegen Ende des letzten Jahrhunderts einen Plan vorgelegt hätten, dass Autobesitzer, bevor sie losfahren, anmelden müssen, warum und wohin sie fahren? Weil Autofahren gefährlich ist. Für die Fahrer und die Passanten. Weil sie sonst ja die Wege verstopfen würden. Weil nur diejenigen, die das notwendige Geld haben, sich ein Auto leisten können, weil es doch nicht sein kann, dass sich jeder zu jedem Zeitpunkt einfach an jeden Punkt der Welt bewegen kann.

Aus der Sicht des Gestern und Heute gibt es immer genügend Gründe, ein anderes Morgen zu fürchten.

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