Akademikerschwemme oder nicht. Es gibt mehr als „ja“ und „nein“.

Es gibt mehr als ein entweder – oder. Ich verstehe nicht, warum manche Debatten so niveaulos geführt werden, im Ja oder Nein-Stil, als ginge es darum, Nidda Rümmelin Recht zu geben oder nicht. Es geht doch darum, das Argument zu untersuchen. Und da kommen dann doch sofort neue Fragen auf

Die Akademikerschwemme lässt sich in folgende Fragenkomplexe aufllösen:

Berufsaussichten für Akademiker, aber auch Unterschiede zwischen den Akademikerberufen. Lernmotivation von jungen Menschen, also ist die Ausweitung weitgehend verschulten Lernens, oftmals kann man schon sagen, von auswendig gerlerntem Buchwissen, tatsächlich die einzige oder führende Art, sich Wissen anzueignen. Oder lernen nicht einfach viele Menschen einfach besser, wenn sie nicht einfach still sitzen müssen und irgendwelche Inhalte ohne jeden konkreten Bezug in sich hineinsaugen müssen. Ist diese Differenzierung so schwer zu verstehen?

Dann könnten auch die Antwortoptionen vielfältiger ausfallen: Müssten wir am Ende darüber reden, ob wir nicht zu viele Sozialwissenschafter und Juristen ausbilden und zu wenige Naturwissenschaftler und Ingenieure. Oder ist nicht die Form des dualen Studiums, wie es im Südwesten praktiziert wird, eine echte Alternative, weil sie das Bildungsniveau mit einer unterschiedlichen Form der Aneignung verbindet. Geht aber nur, wenn man sich nicht an dem alten Klischee festklammert, Unternehmen würden Auszubildende nur ausbeuten. Und man sie deswegen (Klischee!) nichtsahnenden Lehrern überlassen müsste.

FAZ, SAMSTAG, 05. OKTOBER 2013
WIRTSCHAFT
Klage über Akademikerschwemme spaltet
Der Anteil der Akademiker darf nicht weiter steigen, fordern Professoren und Wirtschaftsvertreter. Doch sie könnten Wichtiges übersehen: Die Welt verändert sich. Von Lisa Becker
FRANKFURT, 4. Oktober. Wird hierzulande zu viel studiert? Der Philosophieprofessor und frühere SPD-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin hat diese Frage vor kurzem mit einem klaren Ja beantwortet und gefordert, den „Akademisierungswahn“ zu beenden. Damit hat er eine schon länger schwelende Diskussion stark befeuert. Der Deutsche Hochschulverband, die Berufsvertretung der deutschen Wissenschaftler, hat auf seiner Internetseite über Nida-Rümelins Forderung abstimmen lassen. Fast 90 Prozent finden, der Wahn müsse ein Ende haben. Das passt zu den regelmäßigen Warnungen von Professoren, dass zu viele junge Menschen ein Studium begännen, die weder die Fähigkeiten noch das Interesse mitbrächten. Auch Nida-Rümelin sagte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Wir werden bald 60 Prozent Studienberechtigte pro Jahrgang haben, in manchen Städten liegen wir schon bei 70 Prozent. Meine These ist, dass sich daraus eine neue Qualität ergibt – eine negative.“ Gleichzeitig pries er die duale Ausbildung. Diese werde durch die Expansion des Studiums bedroht.

Davor warnen auch manche Wirtschaftsverbände. Derzeit begännen fast genauso viele Menschen ein Studium wie eine Berufsausbildung, früher sei das Verhältnis ein Drittel zu zwei Drittel gewesen, rechnet Markus Kiss vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vor. Es sei schon diskussionswürdig, ob dieser Trend noch gesund sei. Zudem seien viel mehr Akademiker nicht adäquat beschäftigt als früher. „Auf der anderen Seite quellen die Hörsäle über.“ Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln springt dem DIHK bei. „Vor zehn Jahren gab es eine Akademikerlücke; seitdem ist der Anteil der Hochschulabsolventen von 17 auf 31 Prozent gestiegen“, sagt IW-Bildungsökonom Axel Plünnecke. Inzwischen sei in der beruflichen Bildung der Engpass größer. „Auch Ingenieure und Mediziner werden gesucht, doch bei Technikern und Schweißern ist es enger.“ Plünnecke warnt vor einer weiteren Akademisierung: „Das geht auf Kosten der dualen Ausbildung.“ Für die schrittweise Innovation sei es wichtig, dass Akademiker und Facharbeiter eng zusammenarbeiteten.

Ganz andere Töne kommen von Südwestmetall. Die Metallarbeitgeber in Baden-Württemberg halten die „Diskussion über eine vermeintliche Überakademisierung der Gesellschaft für völlig verfehlt“. Warnungen vor einer Akademikerschwemme habe es in der Vergangenheit schon öfter gegeben – und sie hätten sich stets als falsch herausgestellt. Das gelte umso mehr, als es inzwischen eine stark ausdifferenzierte Hochschullandschaft und völlig neue Studienmodelle gebe, die den Bedarf des Arbeitsmarktes gut widerspiegelten. Das gilt zum Beispiel für das duale Studium, eine Mischung aus akademischer und Berufsausbildung, das sich gerade im Südwesten der Republik großer Beliebtheit erfreut.

Südwestmetall warnt eindringlich davor, duale Ausbildung und Studium gegeneinander auszuspielen. Das sieht Joachim Möller, der Leiter des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, genauso. Wegen der ungünstigen demographischen Entwicklung würden Akademiker genauso zur Mangelware wie Facharbeiter. Der Markt signalisiere eindeutig einen hohen Bedarf an Akademikern: „Es gab in den vergangenen Jahren eine deutliche Ausweitung des Angebots an Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt, und trotzdem sind ihre Löhne gestiegen.“ Sie seien mehr gestiegen als die Löhne für Facharbeiter. Eine große Gruppe von Akademikern, die nicht adäquat beschäftigt sei, kann der Arbeitsmarktforscher in Deutschland nicht erkennen. Überqualifikation sei hierzulande im Vergleich zu anderen Ländern kein breites Problem. Auf die Zuwanderung mag Möller nur begrenzt Hoffnungen setzen. „Die Bäume werden nicht in den Himmel wachsen.“ Das jetzige recht gute Niveau werde nicht zu halten sein. „Schon allein, weil auch in vielen Herkunftsländern die demographischen Probleme größer werden.“

Auch für die Zukunft erkennt der Wirtschaftsprofessor kein Ende des Trends zur Höherqualifizierung. Das liege auch daran, dass die Wirtschaft in einem stetigen Wandel begriffen sei. „Die wissensbasierten, interaktiven und kreativen Tätigkeiten nehmen zu, die produktionsnahen gehen eher zurück.“ Routinetätigkeiten, ob manuell oder kognitiv, würden immer mehr von Maschinen übernommen. „Das spricht für einen steigenden Bedarf an Akademikern.“

Der Münchner Bildungsökonom Ludger Wößmann nennt die Behauptung, es gebe zu viele Akademiker, abstrus. „Man sollte die Fakten klarmachen: Die Wirtschaft braucht offensichtlich mehr Hochschulabsolventen. Ich warne davor, Studium und duale Ausbildung gegeneinander auszuspielen.“ Akademiker verdienten am meisten und seien am seltensten arbeitslos. Das zeige, dass sich ein Studium im Durchschnitt mehr lohne als eine Berufsausbildung. „Wenn der Mangel an Facharbeitern noch drängender wird, dann müssen eben die Gehälter steigen.“ In diesem Sinne gebe es keinen Fachkräftemangel, sondern nur falsche Preise. Auch Wößmann argumentiert mit der Dynamik der Wirtschaftsentwicklung. „Eine höher qualifizierte Bevölkerung bringt eine andere Wirtschaftsstruktur hervor.“ Die Wirtschaft sei nicht statisch und habe über die Jahre einen gleichbleibenden Bedarf an Qualifikationen. „Sie verändert sich. Und der technische Wandel kommt den besser Qualifizierten zugute.“

Potential für mehr Fachkräfte sieht der Forscher, genauso wie Möller und Südwestmetall, in den fast 20 Prozent der jungen Leute, die bisher keine berufliche Ausbildung geschafft haben. Möller fordert bessere Ausbildungsangebote. Er erzählt von einem großen deutschen Autohersteller, der 150 Azubis mit guten Noten und zehn mit schlechten eingestellt habe. Die Starken hätten dann den Auftrag erhalten, die Schwachen mitzuziehen. „Davon profitieren auch die Besseren, weil sie lernen, Verantwortung zu übernehmen.“

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