Abitur. Oder nix. Wenn der emanzipatorische Bildungsanspruch ins Gegenteil umschlägt.

Ulla Weidenfeld hat in ihrem Kommentar im Handelsblatt auf einen wichtigen Widerspruch hingewiesen: Das Abitur ist ein Schulabschluss, der einem die meisten Berufswege eröffnet, aber nicht das einzig lohnende Ziel. Ich lese gerade parallel wieder in Helmut Schelskys Klassiker, „Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und die Priesterherrschaft der Intellektuellen“. Schelsky beschört-beschreibt die neue Klasse der Sinninterpreten. Damals war das ja noch gegen die Linksintellektuellen gewandt, die als Angehörige des 4.Berufsstandes, des quartären Berufsstandes, wie er meinte, die Macht ergreifen.

Heute, vierzig Jahre später, sind viele der Mutmaßungen wahr geworden. Die gesellschaftliche Lufthoheit haben tatsächlich inzwischen die Sinnvermittler und Weltbildinterpreten übernommen. Und sie sind in die Politik und auch die Wirtschaft eingewandert. Die Begrenztheit, die aus dieser soziokulturellen Verarmung von Weltbildern resultiert, erkennt derzeit niemand. Der Beitrag von Frau Weidenfeld beschreibt ein Problem, das genau aus dieser Priesterherrschaft entsteht.

Nämlich so:

Die Beschreibung sei ja richtig, schreibt sie. Das Abitur eröffnet die breiteste Auswahl an Bildungswegen. Und also ist es ein richtiger Hinweis an jeden jungen Menschen, das zur Kenntnis zu nehmen.

Als gesellschaftliche Maxime führt diese Wahrnehmung aber zu allerlei Verwerfungen:

Einmal gibt es ja gar nicht so viele Jobs, die einer wissenschaftlichen Qualifikation bedürfen. Länder wie Spanien oder Portugal, in denen viele Hochschulabgänger keine Berufsperspektive haben, deuten darauf hin, dass es längst darum geht, den richtigen Abschluss zu haben.

Daneben gibt es einfach auch Menschen, denen das Stillsitzen und Lernen ohne lebensweltlichen Bezug einfach schwer fällt. Die fix sind, aber nur in der Arbeit, also im Vollzug. Für diese Menschen bedeutet dann die Botschaft: Ihr seid Menschen zweiter Klasse, solche, die es einfach nicht geschafft haben.

Perspektivisch wird daraus ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ab 2020 sind mehr als die Hälfte aller Kinder Migrantenkinder. Die kulturellen Werte eines deutschen Schulsystems können sehr viele nicht nachvollziehen, so dass man einer wachsenden Anzahl von Kindern mitteilt, sie müssten, wenn sie an der Gesellschaft teilhaben wollten, diese Schulen durchlaufen. Man organisiert großflächiges Versagen der nachkommenden Generationen, selfullfilling prophecy.

Wenn Schulen gesellschaftliche Dienstleister wären, müssten sie sich und ihren Bildungskanon reflektieren. Also: Vermitteln wir tatsächlich das Wissen, das die Erwachsenen von morgen brauchen? Bieten wir es so an, wie es von unseren Kunden, den Schülerinnen und Schüler von heute und morgen, annehmbar ist. Beides ist eindeutig mit nein zu beantworten. Und hier wird kulturelle Klassenherrschaft daraus. Das gesellschaftliche System Schule fokussiert, und in einem stärker integrierten System tut sie das stärker als im dreigliedrigen, auf einen Bildungsabschluß, der für mehr und mehr Jugendliche nicht erreichbar scheint, sie deshalb kulturell und sozial entwertet, anstatt den für sich selbst formulieren Anspruch, über Bildung Aufstiegschancen zu ermöglichen, umzusetzen.

Das ist die Klassenherrschaft der Intellektuellen. Auch wenn das derzeit noch niemand begriffen hat. Weil, und da täuschte sich Schelsky, der quartäre Berufstand von den Interpretationsberufen ausgehend auch den Gang durch die politischen Institutionen angetreten hat. Insofern hat dieser Klasse die politische Macht, europaweit und weltweit übrigens, schon ergriffen.

Was wäre die Alternative? Ein Schulsystem der Unterschiedlichkeit und Durchlässigkeit. Schulen, die die Kulturtechniken vermitteln, die junge Menschen benötigen, die ihr Leben bewältigen sollen und die die Identität und das Selbstbewußtsein, und das Weltbewußstein der dort ausgebildeten entwickeln. Das können im übrigen auch Schulen für Kinder mit hybriden Identitäten sein, die einer offenen neuen deutschen Kultur das Wort reden.

Hier der Beitrag:

Handelsblatt, 24.5.2013, Ulla Weidenfeldt: BILDUNG

Der Mythos vom Abitur

Der höchste Schulabschluss ist ein lohnendes Ziel. Aber es ist nicht das einzige, glaubt Ulla Weidenfeld.

Nicht jeder wird das Abitur machen können.“ Die Bundeskanzlerin guckte ganz mitleidig, als sie das vor kurzem feststellte. Es klang so, als hätten Jugendliche ohne höheren Schulabschluss das Wichtigste im Leben schon verpasst, bevor sie volljährig sind. Die Botschaft der Kanzlerin und der Bildungspolitiker im Land lautet folgerichtig: Macht Abitur! Und der nicht ausgesprochene Nachsatz dazu heißt: Sonst müsst ihr die Stellen nehmen, die keiner haben will.

Das ist eine Schlussfolgerung, die nicht nur falsch ist. Sie ist auch borniert. Denn kein Abitur zu haben heißt nicht, schlecht oder gar nicht ausgebildet werden zu können.

Am Wert einer guten Allgemeinbildung zweifelt heute niemand mehr. Keiner würde Jugendlichen abraten, das Abitur zu machen. Zu Recht wird es als ungerecht beklagt, dass die Bildungsbiografie der Eltern prägend für deren Kinder ist. Doch das Abitur zum Sollschulabschluss zu erklären, neben dem alle anderen Abschlüsse verblassen müssen, ist verkehrt. Das entwertet die Lebens- und Bildungskarrieren Tausender junger Menschen, die mit einem mittleren Schulabschluss oder der Fachhochschulreife die Schule verlassen.

Das Abitur ist zum Popanz geworden. Es verspricht den Weg in ein standardglückliches und standarderfülltes Leben. Dieses Versprechen wird es niemals halten. Denn es ist nur jener Schulabschluss, der die meisten Optionen für weitere Bildungsschritte einräumt. Mehr nicht.

Wer Abitur macht, soll auch studieren, sagt die OECD. Aber warum? Die Arbeitslosigkeit ist für Akademiker kaum ein Problem. Nur: Das gilt zunehmend auch für Facharbeiter, gehobene Angestellte ohne Studium. Akademiker verdienen zwar immer noch mehr als Nichtstudierte, doch der Vorsprung schmilzt dahin. Unter anderem deshalb, weil man nur für etwas mehr als 20 Prozent der Stellen auf dem Arbeitsmarkt einen akademischen Abschluss braucht. Dagegen sind 60 Prozent der Stellen auf Facharbeiterniveau angesiedelt. Steigt also die Zahl der Akademiker in einem Land, sinkt die durchschnittliche Bildungsrendite – weil immer mehr Hochschulabsolventen am Ende auf einer Stelle landen, für die eine geringere Qualifikation auch gereicht hätte.

Auch Länder, die in Deutschland als Vorbild gelten, weil sie höhere Akademikerquoten haben, haben deshalb nicht mehr Akademiker-Jobs. Manche haben einfach Berufe akademisiert. Bachelor-Büroassistent zum Beispiel, Diplom-Naturparkführerin, Fachhochschul-Kindergärtnerin oder studierter Geschäftsführer eines Friseursalons. Das Fatale daran offenbart sich auf zwei Ebenen. Erstens sind die Halb-Akademiker frustriert, wenn sie am Ende dann doch an der Ladenkasse sitzen. Zweitens aber werden praktische Berufe und die Ausbildung im Betrieb deklassiert.

Gute Bildung ist das Wichtigste, was eine Gesellschaft ihren Kindern mitgeben kann. Aber: „Abitur für alle“ ist dafür der falsche Schlachtruf. Wichtiger ist, den mittleren Schulabschluss, die berufliche Ausbildung tatsächlich so zu gestalten, dass der Weg für Weiter- (und Höher-) Qualifikationen offen bleibt. Allen anderen wäre schon geholfen, wenn die Entwertung ihres Lebenswegs gestoppt würde.

Die Autorin ist freie Publizistin in Berlin. Sie erreichen sie unter: gastautor@handelsblatt.com

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