Was uns die Geschichte von Max Frisch und seiner Tochter über die Leistungen der modernen Wissenschaft sagen kann.

Nach der Lektüre der FAS, 31.5.2009, S. 33

Max Frischs Tochter hat einen Roman geschrieben über sich und ihren Vater. Die Geschichte ist die Geschichte einer Tochter, die als literarisches Material aufgewachsen ist. Und mal ganz abgesehen von der Pointe, dass sie sich als Literaturmaterial nur wehren konnte, indem sie ebenfalls Literatur produziert hat, – sich also vom Objekt zum Subjekt gemacht hat, steckt in der Versuchsanordnung noch eine ganz andere Geschichte: Die über die Wirkung objektiver und distanzierter Wissenschaften. Deren Wirkungen und Nebenwirkungen sollen hier Gegenstand sein.

Die Vater-Tochter-Geschichte lässt sich auch interpretieren als eine Geschichte der Rückwirkungen moderner, intersubjektiv wahrnehmbarer, distanzierter Wissenschaft auf den Gegenstand ihrer Untersuchung, die Gesellschaft. Das klingt dann so: Je mehr die Gesellschaft, oder zumindest einzelne Akteure, sich selbst von Dritten, der unbeteiligten Wissenschaft, als Versuchsobjekte missbraucht oder eingesetzt sehen, mischt sich in ihr Leben ein neues Motiv, wenn ihr diese Erkenntnisse zur Kenntnis gelangen. Und dabei kann sie auch die Motivation verlieren, ihr Leben zu leben, ihre Aufgaben, möglicherweise besser, zu bewältigen.

Beispiel: Ein Arbeitsloser, der weiß, dass er keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hat, weil er über keine Bildung verfügt, wird sich resigniert zurückziehen.

Was fehlt, ist eine Wissenschaft im Interesse einer verbesserten Praxis. Eine Wissenschaft, die die Intuition und das Wissen der Handelnden aufgreift, mit weiteren Erkenntnissen spiegelt und in eine verbesserte Praxis einfließen lässt. Das schafft Erkenntnisse für freie, für handelnde Menschen, das macht Handeln besser.

In der Medizin: Evidenz based medicine gilt vielen, mit Recht, als Nachfolger von Eminenz based Medicine. Aber sind die Grenzen von Evidenz based medicine noch schon längst erreicht, wenn Evidenz nur durch Massenerkenntnisse entsteht, die Randfaktoren reduzieren, eleminieren (was sie sollen), und damit Erkenntnisse verfälschen.

Um im Beispiel zu bleiben:

Evidenz based medicine bedeutet, dass das durchschnittliche Handeln der Gesamtheit aller Ärzte besser werden kann, wenn diese Erkenntnisse berücksichtigt werden, aber auch, dass die Besten, die sich einer anderen Handlungspraxis bedienen, damit diskreditiert werden, im schlimmsten Fall ihre Erfolge minimieren, reduzieren, weil sie eine bessere individuelle Praxis durch eine schlechtere durchschnittliche Praxis ergänzen.

Was bedeutet das für die moderne Wissenschaft, insbesondere die Handlungswissenschaft?

· Das Ende der Überlegenheit „wissenschaftlicher Erkenntnisse“. Die wissenschaftlich-systematische Aufbereitung von Handeln und Erfahrung ist ein Weg, das Handlungsfeld zu erfassen und zu verstehen. Aber eben nur einer. Es gibt weitere, die durch die Dominanz abstrakten Handelns über das Erfahrungswissen zunehmend verdrängt werden.

· Die entscheidende Frage von wissenschaftlicher Erkenntnis ist, im Gegensatz zur naturwissenschaftlichen Erkenntnis, nicht die Frage von richtig oder falsch, sondern die Frage der Erkenntnisfolgen. Der Mensch, menschliches Handeln, das unterschiedet das Forschungsfeld von der Empirie des Ameisenhaufens, ist reflexives Handeln. Und wissenschaftliche Erkenntis muss berücksichtigen, dass die Rezeption ihrer Erkenntnisse durch die Rezipierten selbst erfolgt. Die Realität der Handelnen nach der Erkenntnis kann also eine andere sein als die zuvor. Und zwar durch die scheinbar unbeteiligte Beobachtung selbst.

· Wissenschaft muss sich also in eine reflexive Handlungsperspektive einordnen lassen. Will heißen: Der Wissenschaftler sollte seine Erkenntnisgewinnung so ausrichten, dass sie auch die Folgen der von ihm schriftlich fixierten Überlegungen zum Gegenstand machen.

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