Neues aus Deutschland. Dem Teil der Prenzelberg heißt.

Mit einer sehr schönen Geschichte hat sich der Juli in der FAZ von uns verabschiedet. Markus Jauer, möglicherweise selber Vater dort, hat sich in die Situation seines neugeborenen Kindes hineinversetzt und als 25-jähriger zurückerinnert, wie das damals war, 2010, am Prenzlauer Berg. Eine sehr schöne Sozialstudie, die verschiedenes zeigt: Einmal, dass Menschen sich Realität selber schaffen. Zweimal, dass sie in bestimmten Sozialmilieus eine Agenda haben, dreimal, dass der Plan, von außen betrachtet, beklemmend deutlich macht, wo die Sollbruchstellen sind. Stoff also, aus dem die Soziologenträume sind. Ein Dank an Herrn Jauer für seine Empathiefähigkeit.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.07.2010 Seite 42

Wir Kinder vom Prenzlauer Berg
Sie gehören zu einer Generation, die von ihren Eltern stärker behütet und gefördert wurde als jede andere zuvor. Wird sie das einmal zu glücklichen Erwachsenen machen? Ein Blick zurück aus der Zukunft. Aufgezeichnet von Marcus Jauer

Vor ein paar Tagen war ich wieder einmal bei meinen Eltern in Prenzlauer Berg. Sie wohnen noch immer in dem ausgebauten Dachgeschoss, in dem ich aufgewachsen bin und in dem sie inzwischen ihr halbes Leben verbracht haben. Es war Abend, mein Vater hatte gegrillt, wir saßen auf der Terrasse und schauten über Berlin. Eigentlich war ich gekommen, um sie in einer Sache um Rat zu fragen, aber dann, ich weiß gar nicht, wie, hatten sie doch wieder nur über meine Kindheit geredet. Das kannte ich nun schon. Früher dachte ich immer, sie erzählen davon, weil sie sich Dankbarkeit von mir erwarten, und da hätte ich ihnen schon ein paar Takte zu sagen gehabt. An diesem Abend aber dachte ich, sie erzählen es vielleicht doch nur sich selbst. Meine Kindheit, das war das große Projekt meiner Eltern, die einzige Sache, von der sie glaubten, dass sie ihnen wirklich gelungen war.

Als ich im Sommer 2010 geboren wurde, kam ich mit einem Kaiserschnitt auf die Welt. Meine Mutter hatte sich in einem Geburtshaus beraten lassen, weil sie wollte, dass alles ganz natürlich zugeht, aber dann war sie dort auf eine Frau getroffen, die ihr mit Inbrunst vorspielte, welche Schmerzen man bei einer Geburt erleidet. Einerseits wollte sich meine Mutter nicht um das Erlebnis bringen, und sie fand wohl auch, dass die Geburt etwas war, das wir beide durchstehen mussten. Andererseits sagte sie sich, dass ich mich später ohnehin nicht mehr daran erinnern würde, und nachdem ihr eine Freundin dann noch gezeigt hatte, dass man von einem Kaiserschnitt nur eine kleine Narbe zurückbehielt, war die Sache entschieden. Als meine Mutter mit meinem Vater ins Krankenhaus fuhr, hatte sie sich auf den Termin seit Wochen eingestellt, zwei Stunden später war ich auf der Welt, sie hatte keine Schmerzen gehabt, ich keinen zerdrückten Kopf. Wir machten uns das Leben von Anfang an nicht schwer.

Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, aber damals war der Prenzlauer Berg voller junger Leute. Sie waren wegen eines Studiums nach Berlin gekommen, dann geblieben und hatten nun Jobs, deren Inhalt sich schwer beschreiben ließ, oder sie gingen in Büros, die in leerstehenden Läden eingerichtet waren, so dass man ihnen durch das Schaufenster beim Arbeiten zusehen konnte. Die Dinge, die sie herstellten, verkauften sie meist nur innerhalb des Viertels. Der eine baute Brillen, der Zweite schnitt Haare, der Dritte schneiderte Kleider, der Vierte schrieb Zeitungsartikel darüber oder Drehbücher für einen Film, der dann im Viertel spielte, weshalb der Fünfte darin eine Rolle bekam. Um Geld ging es ihnen nicht, sie lebten eher davon, dass sie kreativ waren. Wie gesagt, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber im Grunde erwarteten sie alle vom Leben nicht mehr, als dass es gut war.

Morgens gingen sie aus ihren frisch sanierten Altbauwohnungen zur Arbeit, mittags trafen sie sich in Cafés, deren Tische auf verbreiterten Gehwegen standen, und abends kochten sie die Lebensmittel, die sie im Bioladen gekauft hatten. Am Wochenende flogen sie für einen kurzen Urlaub ins Ausland, weil Fliegen damals noch billig war, oder sie bekamen Besuch von ihren Eltern aus Süddeutschland, denen sie zeigten, wie sie sich eingerichtet hatten. Wenn ich Bilder sehe von meinen Eltern beim Segeln auf dem Wannsee, beim Karaoke im Mauerpark, beim Ausgehen in den Bars, die damals am Ufer der Spree lagen oder bei ihren Freunden, die ein Haus hatten auf dem Land, dann wirken diese Jahre auf mich, als seien sie ein einziger, langer Sommertag gewesen. Diese Welt wirkte auf mich so stimmig, dass mir nie richtig klar geworden ist, weshalb meine Eltern unbedingt Kinder in sie setzen wollten. Aber womöglich dachten sie, dass das nichts ändern würde.

Wie die meisten Kinder aus Prenzlauer Berg kann ich sagen, dass ich ein Wunschkind war. Meine Eltern haben sich auf mich gefreut und waren vorbereitet. Sie hatten Literatur gelesen, Kurse besucht, das Kinderzimmer war eingerichtet, die Wickelkommode stand, und der Kinderwagen war gekauft, obwohl man ihn mehrere Monate voraus hatte bestellen müssen. Sie hatten mich zum Babyschwimmen angemeldet und für eine Gruppe, in der sie mit anderen Eltern lernten, wie man sich das nackte Kind auf den Bauch legt, um mit ihm in Kontakt zu kommen. Meine Mutter blieb ein Jahr zu Hause, bevor sie wieder arbeiten ging. Danach nahm mein Vater Elternteilzeit, obwohl man ihn im Büro dafür hänselte und er sich auf dem Spielplatz mit mir langweilte. Die Krippe, die sie ausgesucht hatten, wusste, dass ich kommen würde, da war ich noch nicht geboren, meine Kinderfrau stammte aus Ecuador, damit ich Spanisch lerne. Was immer ich hätte wollen können, es schien bedacht.

Es gibt in der Wohnung meiner Eltern eine Kiste, in der sie Dinge meiner Kindheit gesammelt haben, die Bilder, die ich gemalt, die Figuren, die ich geknetet, die Milchzähne, die mir ausgefallen sind, das Buch, das sie über meine Entwicklung geführt haben. Es ist ein Vordruck, in den man einträgt, wie groß das Kind ist, wie schwer, welche Bewegungen es macht und welche Worte es schon spricht. Dazu kann man dann Fotos einkleben. Meine Eltern haben jedes Jahr ein Buch angelegt, sie kauften es in einem Laden, der „Krümelkiste“ hieß und für jedes Alter eins bereithielt. Später haben sie dort auch die Wochenpläne gefunden, in denen man eintragen kann, welche Kurse und welchen Unterricht das Kind besucht. Die liegen auch in der Kiste. Ich war keine vier Jahre alt, da ging ich montags zum Töpfern, dienstags zum Kinderyoga, mittwochs zum Singen und donnerstags zu Englisch, und ich hätte immer noch mehr machen können. Der ganze Prenzlauer Berg schien aus Kinderspielplätzen, Kinderbauernhöfen, Kinderkletterburgen und Kinderkursen zu bestehen, zwischen denen ab Nachmittag Eltern pendelten, immer auf diesen Fahrrädern, bei denen die Kinder im Anhänger sitzen oder in einer Kiste vor dem Lenker. Es war wie in dem Bilderbuch, das wir damals oft lasen. Da sagt die Mutter auch: „Such dir was aus, aber beeil dich!“

Ich führte einen Terminplan wie ein Erwachsener, trotzdem habe ich nie auch nur eine Sache zu Ende gemacht, keiner Anstrengung habe ich mich unterzogen, sobald sie nach einer aussah. Mit dem Kinderschmieden musste ich aufhören, nachdem ich mir dabei einmal eine Brandblase geholt hatte. Flöte durfte ich abbrechen, weil die Lehrerin nicht nett zu mir war, und Malen, weil der Lehrer das freie Zeichnen nicht gestattete, sondern darauf bestand, dass wir erst einmal gerade Striche zogen. Als meine Eltern sahen, dass ich beim Tai Chi für Kinder nur herumhampelte, meldeten sie mich beim autogenen Training für Kinder an, damit ich lernen konnte, mich besser zu konzentrieren. Als sie hörten, dass sich in der Kletterhalle ein Kind die Hand gebrochen hatte, durfte ich nie wieder hingehen, und als der Hund auf dem Kinderbauernhof jemanden gebissen hatte, konnte ich erst zurück, als er im Tierheim war. Es gab wirklich nichts, was meine Eltern mir nicht angeboten hätten, es sei denn, es galt als gefährlich oder langweilig. Aber davon haben sie sich ja vorher und auch währenddessen stets überzeugt.

Ich erinnere mich nicht daran, dass ich für längere Zeit mir selbst überlassen geblieben wäre, und das galt auch für meine Freunde. Wenn wir auf dem Spielplatz in Streit gerieten und einander damit drohten, die Plastikschaufel über den Kopf zu ziehen, schritten sofort zwei Erwachsene ein. Wenn wir allein auf das Klettergerüst wollten, hielten die Väter unsere Hand. Wenn wir über die Straße gingen, standen unsere Mütter wie eine Ampel auf der Mitte der Fahrbahn. Wo wir hingingen, war ein Erwachsener dabei, und bevor wir uns hätten fragen können, was wir mit uns anfangen wollen, hatte er eine Idee für uns. Als später die Familien zerbrachen, waren es sogar mehrere Erwachsene, weil dann auch die neuen Freunde der Mütter oder die neuen Freundinnen der Väter dazukamen und sich noch mehr Mühe gaben. Wir waren nie allein, wir hatten keine Geheimnisse. Wir wollten alles richtig machen, so wie unsere Eltern alles richtig machen wollten. Sie wollten das Beste für uns, aber sie ließen es nicht gut sein.

Wenn ich mich heute an meine Kindheit erinnere, wirkt auch sie so stimmig auf mich wie die Bilder meiner Eltern, als sie noch keine Eltern waren. Ich passe sehr gut hinein, ich bin kein Fehler, aber ich habe auch früh verstanden, dass ich keiner sein darf. Als ein Arzt feststellte, dass ich einen leicht schiefen Rücken hatte, schickten sie mich zur Gymnastik. Als ich in der Schule Schwierigkeiten hatte, schönzuschreiben, kam ich zum Ergotherapeuten. Als ich irgendwann einmal zu keinem der Kurse mehr gehen wollte und nur noch im Wohnzimmer auf dem Sofa herumsprang, ließen sie mich auf ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom untersuchen, das hatten damals viele. Einer meiner Freunde musste sich jede Woche von seiner Psychologin im „Mensch, ärgere Dich nicht“ besiegen lassen, damit er lernte, seine Enttäuschung in den Griff zu bekommen. Jeder war in irgendeiner Therapie oder nahm ein Medikament oder hatte eine Allergie. Darüber wurde unter den Eltern auf dem Spielplatz ganz offen gesprochen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich erkannte, dass es auch ein Problem sein kann, wenn man sonst keins hat. Aber bis dahin denkt man natürlich, dass mit einem etwas nicht stimmt.

Als Erwachsener sehe ich jetzt, dass die Sehnsucht meiner Eltern, alles rich- tig zu machen, mit der Angst einherging, irgendetwas falsch zu machen. Als Kind dagegen hätte mir oft schon eine klare Antwort genügt. Aber wenn ich eine Frage hatte, schlugen sie in einem Erziehungsbuch nach oder fragten einen Arzt oder einen Experten, oder sie fragten mich. Ich weiß noch, wie sie mich fast jedes Wochenende vor die Wahl stellten, was wir unternehmen könnten, und wie ich sie jedes Mal fragte: „Was würdet ihr sagen?“ Aber sie überließen die Entscheidung immer mir, bis ich mich wütend auf den Boden warf. Ich war doch erst acht Jahre alt, ich wäre überallhin mitgekommen.

Mein Vater hat mir später erzählt, dass meine Mutter und er sich vor meiner Geburt darauf geeinigt hätten, niemals meine Freiheit zu begrenzen. Jede Regel, die sie für unsere Familie aufstellten, sollte begründet sein, und sie wollten mir diese Begründung auch geben können, wenn ich sie danach fragte. Sie wollten mich nicht einschränken, damit sie leichter mit mir umgehen konnten. Ich sollte einbezogen sein. Wenn sie etwas verboten, sagten sie nicht, es sei eben verboten und fertig, sondern erklärten es mir, weil sie hofften, dass ich ihr Verbot verstand. Als gebe es das, ein Kind, das ein Verbot versteht, das es selbst betrifft.

Ich erinnere mich an Diskussionen über so simple Dinge wie Händewaschen oder Zähneputzen, und weil jede Regel erklärt wurde, schien auch jede Regel verhandelbar. Es passierte im Grunde nie, dass mein Vater oder meine Mutter irgendetwas anordneten, sie schlugen vor, aber wenn man ihren Willen nicht befolgte, reagierten sie, als habe man sie persönlich beleidigt. Sie stellten sich nie, sie sagten nicht, ich will, dass du das machst, sie sagten, sie seien traurig, wenn ich es nicht täte. Sie behandelten mich wie einen Erwachsenen und legten die Verantwortung für meine Erziehung in meine Hände, während sie daneben standen, als seien sie meine Freunde. Sie mussten nicht auch noch meine Freunde sein, sie waren schon meine Eltern. Aber als solche gaben sie sich mir viel zu selten zu erkennen.

Es war schon dunkel, als ich mich an diesem Abend von ihnen verabschiedete. Ich stand vor dem Haus und schaute die Straße entlang. Es hatte sich nichts verändert, alles wirkte noch wie zu der Zeit, als wir Kinder waren. Damals haben wir geglaubt, wie hier sei es überall, der Prenzlauer Berg, haben wir gedacht, sei die Welt. Aber er war nur eine eigene.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.