Politikalarm! Warum ich mich manchmal vor meiner eigenen Partei fürchte.

Komme gerade vom Grünenparteitag in Berlin, Aufstellung der Landesliste. Ich will jetzt gar nicht auf die Ergebnisse eingehen, sondern lediglich auf den Tenor, der über allem liegt. 

Denn trotz schlechtester Wahrnehmung im Bund platzen die Grünen in Berlin nachgerade vor Kraft. Was sie in Berlin alles toll machen (dabei haben sie erst gerade mit Regieren angefangen, an den Ergebnissen wollen wir sie messen), in welch schrecklichem Zustand die Welt, Afrika, Europa, Deutschland ist. Und dass man das dringend ändern muss. Welch katastrophale Ungerechtigkeit herrscht, in Deutschland, Europa, der Welt, und dass man das dringend ändern muss.

Am Schluss gibt es so viel dringendste Probleme, die man ändern muss, dass man gar nicht mehr weiss, wo genau die Grünen dann eigentlich anfangen würden. 

Einen Tag Grünen Parteitag, und der Zuhörer hat den Eindruck, in Deutschland stopft sich nur eine Handvoll Superreicher alles in die Taschen, den anderen bleibt nichts. Und man könnte ja total viel ändern, nur die anderen Parteien tun halt nichts.

Wahlkampf ist keine Hochzeit der Intellektuellen oder Reflexiven. Das weiss ich. Und aufgeklärte, wache Grüne halte ich, unabhängig von der Flügelzugehörigkeit, für immer noch besser als manch andere Politiker. 

Aber diese selbstgefällige Überheblichkeit, mit der eine Bettina Jarrasch wie Jeanne d’Arc die Rettung der Welt mit der eigenen Karriere (Ich hinterlasse einen geordneten Stall) verknüpfen will, das überrascht dann doch. Oder mit der die gewählte Spitzenkandidatin Lisa Paus die Rächerin der Enterbten spielt. 

Immerhin bleibt mit Renate Künast einer der zwei „Typen“, also Menschen, die nicht nur die geisterhafte Beschwörung der Welt nach standardisierten Schemen, sondern Politik mit erkennbarem Profil und Außenwirkung vorantreiben, erhalten. Der andere, Özcan Mutlu, musste sich dem unauffällig grünen Stefan Gelbhaar geschlagen geben. Das zeigt, es geht nicht um Flügelzugehörigkeit, sondern um innere Gefälligkeit.

Verstehen die Grünen eigentlich nicht, wer sie wählt? Es ist noch viel Folklore dabei, in Kreuzberg („Wir sind Avantgarde „) vor allem. Aber jetzt, nachdem der kulturelle Hattrick, die 68er und die offenere kulturelle Gesellschaftsinterpretation schon Patina ansetzt, kommen einem manche grüne Forderung radikal folgenlos vor. 

Wer glaubt eigentlich heute noch Politikern, dass sie die Welt GERECHT machen? Nicht gerechter, oder auch nicht besser, nein gleich ganz gerecht. 

Dieses Übermaß an Umverteilungswillen, dieser unbedingte Glaube an politische Instrumente, wo die Akteure doch vor allem ungestört Karriere machen wollen. 

Wenngleich auf dem Rücken der Weltenrettung. 

Eine fatale Situation: Zwei Realo-Spitzenkandidaten, die mit einem mehr oder weniger geschichtlosen Wunschkatalog die Rettung der Welt durch mehr Politik predigen. 

Jürgen Trittin kann sich freuen, immerhin wird er nach dem nächsten vergeigten Wahlkampf sagen können, er wäre es nicht gewesen. Nur dem dann abgewählten Personal wird es nichts nutzen. 

Die Grünen sind im Wagenburgmodus. Weil jeder innerparteilich gewählt werden muss, bläst er und sie sich radikal auf. Doch dem Schillern einer Claudia Roth (das nur als Anmerkung auf eine Replik auf Maria Klein-Schmeink), dem „Ich bin ich“ eines Joschka Fischers, der robuste Kämpferaufstellung einer Renate Künast oder der Unbequemlichkeit eines Hans Christian Ströbeles, des Königs von Kreuzberg, folgt nur wenig nach. 

Die Grünen, Partei der akademischen Mittelschichten, leistet sich eine Rhetorik der Hartz IV-Empfänger. Den Fehler hat ja auch die FDP gemacht, die ständig von wirtschaftlicher Freiheit geredet hat, während sie die geschützten „freien“ Berufe gewählt haben. 

Man hat politische Spielräume, man kann Visionen formulieren, die über die eigene Interessenslage hinausgehen. Aber man kann nicht so tun, als ob Wähler ohne Wahrnehmung der Welt um sie herum entscheiden. 

So wie die Grünen heute programmatisch aufgestellt sind, kann auch ein darüber wegmoderierendes politisches Personal nicht darüber wegtäuschen, dass sie aus der Zeit gefallen sind. 

Schade eigentlich. Denn tatsächlich bleiben ja alle Probleme, wie beschrieben. Es fehlen die Menschen, die Zuversicht mobilisieren, dass, wenn wir gemeinsam, Politik, Bürger und Wirtschaft, anpacken, die Welt ein Stück besser machen können. 

Denn um mehr geht es nicht. 

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