Die knappe Klugheit der grünen Masse. Warum der anatolische Schwabe und Weltbürger Cem Özdemir die richtige grüne Antwort auf Donald Trump ist.

Die Grünen waren lange Jahre vor allem, das ist jetzt deskriptiv gemeint, ein binnendeutsches Wohlfühlprojekt. Sie sind ein deutscher Sonderweg. Eine Generation hat sich in Abgrenzung zur Väter- (ob Mütter-, müssten wir länger debattieren) Generation neu erfunden. Als Antwort eines gewaltsam kalten National(sozial)ismus hat sie den Blick aufs Ganze gewagt und so über Deutschland hinaus in die Welt gewirkt. 

 

Die Formulierung einer Politik aus dem Wohl des Ganzen heraus. Bürgerlich selbstbewusst, idealistisch, unter Ausblendung eigener Interessen. Mit freundlichen Grüßen an den herrschaftsfreien Diskurs von Jürgen Habermas. 

 

So war das am Anfang. Und auch jetzt ist die Idee mit dem Weltfrieden und Pazifismus nicht falsch. Aber wer grüne Auftritte in den Talkshows der vergangenen Wochen beobachtet, stellt fest: Richtig fühlt sich das nicht mehr an. 

 

Eine richtige Idee, aber zur falschen Zeit. Es fehlt nämlich an einer Haltung zur Welt im Hier und jetzt. Und zwar unabhängig davon, ob die linksgrüne Simone Peter wieder mal die ganze Welt umarmt, die Ängste der eigene Bevölkerung aber nicht versteht oder ob Katrin Göring-Eckardt ihr sanftes Licht über der Welt leuchten lässt. Wenn der Glanz der schönen Rede endet, liegt wieder alles ganz dunkel da. 

 

Beruhigen kann beides nicht. Statt Perspektive hinterlässt es Ratlosigkeit. 

Schröders „Ich will hier rein“ war lange das heimliche Leitbild der Grünen

Die grüne Identität, das ist die Glaube freundlich friedlicher (West-)Linksliberaler, die sich zumeist ein Leben lang keine Gedanken über existenzielle Verunsicherung machen mussten. 

Das Weltbild ist von dem „ich will hier rein“-Gedanken Gerhard Schröders geprägt. Alles geht. Joschka Fischer (übrigens wie Schröder einer mit gebrochener Biographie) hat das heimlich zum erfolgreichen Leitbild der Grünen gemacht. Wir kriegen alles, wenn wir wollen. Weil wir die richtigen Konzepte haben. Weil wir die richtigen Umbaupläne haben. Weil wir klüger und reflektierter sind als die anderen (letzteres stimmt tatsächlich, hilft aber nicht immer). 

 

Rationalität, Verstehen, die Welt in Kästchen sortieren, eine Theorie entwickeln. Und Pläne, das alles zu ändern.

 

Und dieses Weltbild kommt jetzt in den Realitätstest. 

Einerseits grüne Umbaupläne, andererseits Donald Trump. 

Weil da ist jetzt einer wie Trump. 

 

America first! Nationalismus pur. Und: er ist nicht der einzige Nationalist und Oligarch, aber der Mächtigste. Kein intelligenter Mensch weiß, wie er das, was er sagt, umsetzen will.

 

Pure Unvernunft. Aber identitätsstiftend. 

„America first“ ist die um 180 Grad gewendete Antwort auf Angela Merkels „Grenzen auf“

„America first“ ist die um 180 Grad gewendete Antwort auf Angela Merkels „Grenzen auf“. Mit demselben Dilemma. Binnen- und Außenwirkung fallen diametral auseinander. Wollte Angela Merkel ein Statement gegen wachsende nationalistische Stimmungen setzen, klang dieser Satz wie eine Einladung an die wanderungsbereite afrikanische und arabische Welt.

 

America First ist die Gegenansage dazu. 

 

Nach innen führt das zu großer Geschlossenheit derer, die sich ausgeschlossen fanden. Nach außen wird es dazu führen, dass künftig alle, ob frühere Partner oder Gegner, prüfen werden, ob sie den USA nachgeben müssen, weil sie der Kraft der ehemaligen Weltmacht (noch) nicht gewachsen sind, oder ob sie der wachsenden Machtlosigkeit der USA als globaler Führungsmacht etwas entgegensetzen können. 

 

Lustig wird das nicht. Und die Gefahr eines Krieges, jetzt auf globalem Niveau, wächst. Aber mit pazifischen und ökologischen Grundbotschaften alleine wird man sie nicht beseitigen können. 

 

Wir, die weltoffenen Menschen der Welt (die gibt es in China, Indien, Russland, und allen anderen Teilen der Welt), der westlichen Welt insbesondere, Europas, obwohl wir uns da erst noch sortieren müssen, wir hier in Deutschland, müssen alle zusammen eine Antwort finden auf dieses zunehmende Gegeneinander in der Welt. 

 

Wir wissen nicht, wie die Welt von morgen aussieht. Die globalen Umbruchprozesse sind zu kräftig, die technologischen Sprünge unberechenbar, die Erschütterungen durch die globale politische Machttektonik sind zu stark, alles könnte immer auch anders sein. 

 

Dazu die innere Befindlichkeit. Die Loyalitäten erodieren. Was macht das Gemeinsame aus? Betont man, dass nur 6% der in Deutschland lebenden muslimischen Glaubens sind oder dass künftig über 20% aus muslimischen Familien kommen? Betont man das Christliche oder das Humanistische, universelle Werte, die sich aus unterschiedlichen Religionen ableiten lassen?

 

Hybride Identitäten. 

 

Wer aus einer migrantischen Familie kommt, weiß, wie es ist, mit hybrider Identität zu leben: Es gibt keine absoluten, sondern nur relative Wahrheiten. Und Zugehörigkeiten sind zeitlich begrenzt und situativ.

 

Während wir, die Biodeutschen, zumeist mit bildungsbürgerlichem westdeutschem Hintergrund, verankert in der „Leitkultur“, ich verwende diesen Ausdruck bewußt, weiter in einer monistischen Vorstellungswelt von gestern leben.

 

Es liegt nun an Cem Özdemir aus seiner Geschichte und Erfahrung heraus Veränderung zum Gegenstand der Welt zu machen. 

 

Politik, ein Punkt, an dem die meisten Grünen ebenfalls eine falsche Vorstellung pflegen, ist zuallererst Repräsentation. Und Cem als grüner Repräsentant macht deutlich, dass sich die Grünen verändert, geöffnet haben: Statt linksidealistisch und staatsgläubig sind sie jetzt realitätsbezogen, deswegen auch widersprüchlich (und offen mit den Widersprüchen umgehend), weltbürgerlich und zukunftsoffen. Cems Bekanntheits- und Beliebtheitswerte sind gute Voraussetzungen. 

 

Die Welt nach Trump ist nicht mehr die alte. Mit der Machtergreifung des Oligarchen und Geldpopulisten Trump werden sich Prioritäten und Relevanzen global neu sortieren. 

 

Die ökologische Frage wird damit nicht obsolet. Aber ihr Stellenwert in der globalen Agenda sortiert sich neu. Nach Trump, so meine These, muss sich der Rest der Welt neu sortieren: Langsam, tastend, weltoffen, aber mit Blick auf die Befindlichkeit in den Ländern. Und Politik wird nicht an Endzeitversprechen, sondern an der richtigen Haltung gegenüber den nächstliegenden Fragen gemessen.

 

Das Potential, das sich mit Cem Özdemir verbindet: Niemand unter den derzeitigen Grünen kann so „wirkmächtig“ sein wie Cem. Biographisch mit der islamischen und arabischen Welt vertraut, sozialisiert als Schwabe, erfahren und verbunden mit der us-amerikanischen Realität kann er das Selbst- und Fremdbild der Grünen verändern: Die Grünen als weltoffene, veränderungsbereite, selbstrefektierte, nüchternd abwägende politische Kraft in Deutschland. Bereit zu lernen. Bereit zu führen.

 

Die Wahl Cems, die übrigens keine Absage an die anderen beiden Kandidaten ist, hat, wenn auch knapp, das Beste der Grünen zum Ausdruck gebracht: Die Fähigkeit, sich der Realität anzupassen. Vom Außenseiter sind sie zum Agendasetter des Mainstreams der Gesellschaft geworden. Jetzt wäre es an der Zeit, die Politik bewußt aus dieser Mainstreamperspektive zu formulieren. Dem Mainstream der Veränderungsbereiten.

 

Cem Özdemir hat die Voraussetzungen und das rhetorische Talent, die Rolle der Grünen neu zu interpretieren. Einen Teil dazu muss er sich erstreiten. Den anderen Teil muss die Partei ihm überlassen. Und ihm entsprechend zuarbeiten.

 

In einer Welt des Umbruchs fragt niemand nach „Umbaukonzepten“, die es lediglich umzusetzen gilt. Wir brauchen den Mut, „nach vorne“ zu sehen, zu formulieren, und, wenn es dazu kommen soll, zu administrieren. Das wird nicht einfach, ist aber notwendig. Nach Münster, einem Parteitag der innergrünen Selbstvergewisserung, haben sich die Grünen einen Spitzenkandidaten gewählt, der das Zeug hat, wirkmächtig in die Gesellschaft zu sein. 

 

 

Cem ist ein Angebot für die Grünen. Jetzt kommt es darauf an, diese Chance zu nutzen.