Soll Zetsche reden? Innergrüne Anmerkungen zum neuesten Aufreger.

Darum geht es: Dieter Zetsche, Kraftfahrzeughersteller aus Stuttgart, soll auf dem kommenden Parteitag reden. Der findet in Münster statt, der Stadt des Fahrrads. Münster liegt in Nordrheinwestfalen, dort ist nächstes Frühjahr Landtagswahl. Jetzt dreht sich der innergrüne Streit darum, ob der Feind von einst der Gastredner von heute sein darf. Ein Blick unter die innergrüne Bettdecke.

Eines muss man noch wissen, auch wenn Grüne nicht darüber nachdenken: NRW ist Amiland, jedenfalls, was das Auto betrifft. Ford in Köln und Opel in Bochum (noch, bald nicht mehr), das würzt die ganze Frage noch. Denn Ford hat sich nach langem Niedergang berappelt und will selbstfahrende Autos anbieten. Und die General Motors Tochter Opel bringt, nach Tesla als weltweit zweiter, nächstes Jahr ein massenfähiges Elektroauto mit 300 km Reichweite auf die Straße.

Chapeau. Mal sehen, was Premiumklassen-Zetsche dazu sagen wird. Die amerikanischen Mobile Commodity Hersteller Opel und Ford gehen in Vorleistung, während die Premiumdeutschen jetzt mühsam „Wir haben verstanden“ signalisieren, obwohl sie jahrelang nicht verstanden haben, weggesehen und die Volkskriminellen aus Wolfsburg haben machen lassen.

Niemand sage, Winterkorn und Piech hätten nichts gewusst, in einem Konzern, in dem der Chef schon immer gerne Spaltmasse von Türen selbst nachgemessen hat.

So wird Premium ganz schnell zur Museumsklasse.

Die deutschen Autohersteller, in der Welt berühmt und beliebt für die besten schönsten und luxuriösesten Pferdekutschen der Welt, müssen zusehen, dass Mobilität auf einmal anders gemacht wird.

Das ist der Hintergrundkonflikt: Die deutschen Autohersteller, in der Welt berühmt und beliebt für die besten schönsten und luxuriösesten Pferdekutschen der Welt, müssen zusehen, dass Mobilität auf einmal anders gemacht wird.

Und die Grünen?

Die haben verschiedene Probleme.

Erstens wollen sie nach der Energiewende die Verkehrswende. Dumm nur, dass man bei der Verkehrswende nicht auf vier große (und etwas träge) Energieversorger einhauen kann, sondern die SUV-Fahrerinnen, umweltfreundlich gesonnene dm und Alnatura-Kunden (und GrünwählerInnen), sich mal für kleinere Kutschen entscheiden müssten. Die Frage: Wie sag ich’s meinem Kinde. Den deutschen Dienstwagenfahrern auch.

Am wohlsten fühlen sich Grüne als unschuldige Davids gegen grosse bräsige Goliaths

Zweitens fühlen sich grüne Parteitage in der Kulisse, „wir kleinen unschuldigen Davids gegen die großen bräsigen Goliaths am wohlsten“, frei nach dem Motto, viel Feind, viel Ehr!. Allerdings tut man sich schwer als ideologische Mainstreampartei, die sich nun leise in 11 Bundesländern an die Macht geschlichen hat und lernt, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, diese neue Sichtweise auch bei den grünen Delegierten zu etablieren. Zumal jeder, der dies öffentlich zum Thema macht, gleich eine auf die Mütze kriegt.

Und drittens geht es in der Frage Automobilwirtschaft auch um Arbeitsplätze. In Stuttgart, München, Ingolstadt, Wolfsburg und auch noch ein paar anderen Regionen. Mitgehangen, mitgefangen. Winfried Kretschmann, grünster Daimlerfahrer der Welt, und Fritze Kuhn, der Oberbürgermeister der Autostadt Stuttgart, die gleichzeitig unter dem keucht, was hinten rauskommt, wissen davon ein Lied zu singen (vorläufig nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit).

Öffentliche Beliebtheit macht bei Grünen eher unbeliebt.

Und schließlich viertens: Der Parteitag findet nicht nur in Münster vor einer Bundestagswahl statt, es heißt auch, Cem Özdemir hätte das eingefädelt, dieser anatolische Schwabe, weltbekannter Grüner, in der innerdeutschen Beliebtheitsskala zuweilen schon vor Winfried Kretschmann (andere Grüne werden in diesen Skalen schon lang nicht mehr gesehen), der sich jetzt, gegen Robert Habeck und Toni Hofreiter anschickt, als Spitzenkandidat der Grünen ins Rennen zu gehen.

Ein Schuft, wer Böses dabei denkt!. Wäre nicht die Zetsche Nummer, rattert es in manchen gefühlsgrünen Hinterköpfen, ein guter Anlass, den Schwabengrünen, in ihren Umfragewerten dem Rest der Republik längst enteilt (Wir reden hier von Werten über 30 Prozent in Baden-Württemberg, während man sich bundesweit auf einem Stammklientel-Anteil von 11 Prozent festhockt), mal kräftig einen Denkzettel zu verpassen?

Was tun?

Tja, Zetsche (wir werden jetzt mal sehen, was noch so alles an die Oberfläche gespielt wird, wer an dieser Entscheidung noch beteiligt war. Schließlich ist der Bundesvorstand ja mehrheitlich links-bis karrierelinksmitte besetzt) wird jetzt also mal erzwingen, dass die Grünen Haltung zu sich selber einnehmen müssen. Sind sie nun die ökologische Made im Speck, die sich im Wohlfühlen einrichtet, oder sind sie, um mit Gabriel zu sprechen, diejenigen, die auch dahin gehen, wo es stinkt und kracht. Nur dass es bei den Grünen eben nicht um die Malocher geht, und Werkbänke, sondern um Öko-Baustellen. Sie sind die Weichensteller. Und sie müssen mit denen reden, die in den Chefetagen sitzen(das eigene Weltbild macht es Grünen ja schwer, zu glauben, sie wären an der Macht, wenn sie an der Regierung sind).

„Der Feind in meinem Bett“, so werden sich in Münster viele fühlen!

Die Grünen, um zum Ende kommen, können sich also ein bisschen wie im Film „Der Feind in meinem Bett“ fühlen. Ja, Zetsche wird kommen. Alles andere wäre zu peinlich. Ja, schlau ist anders als einen Automanager in eine Fahrradstadt einzuladen. Andrerseits: Es ist jetzt die große Bühne. Und alle werden hinsehen, ob die Grünen es schaffen, in Anwesenheit von Zetsche eine Debatte zu führen, in der sie ihre Rolle als Wegbereiter, Vordenker und, das wäre das neu, MACHER, neu definieren. Nicht Unschuldslamm abseits, sondern mittendrin. Und trotzdem nicht zu feige, über Widersprüche, Kontroversen, Verpenntheiten und Verlogenheiten zu reden. Dann könnte ein grüner Parteitag das nachholen, was ich, selber eher Ultrarealo, in Baden-Württemberg vermisse: Dass man nämlich nicht nur nett ist zu Herrn Zetsche. Sondern auch coram publico darüber redet, was die deutsche Automobilwirtschaft verschlafen hat (indem man sich mit Merkel auf ein besoffen irrationales 1 Mio Elektroauto bis 2020, das noch dreieinhalb  Jahre, jedes Jahr darüber redet, aber bisher, man muss es so sagen, den Arsch nicht hochbekommen hat), nämlich Verantwortung für Klimaziel zu übernehmen, auch wenn man selber hochklimaschädliche Produkte im Angebot hat.

Gipfeltreffenweisheiten helfen nicht, wenn sie nicht durch Haltung und Taten untersetzt sind. Und so werden die Grünen lernen müssen, wie es ist, in der Mitte der Gesellschaft anzukommen und mit den Widersprüchen umgehen zu müssen. Und Zetsche wird lernen müssen, nicht nur symbolische Prügel zu beziehen, sondern ernsthaft damit umzugehen, dass die Zeichen jetzt schon eher auf Fünf nach Zwölf stehen.

Sind die Chinesen unsere, also die Freunde der Grünen? Fragen über Fragen. Auf die Antworten sind wir gespannt!

Noch ein letzter Satz: Die wirklichen Ökologen sind ja ohnehin die Chinesen. Der Beschluss, Elektroautos nur von chinesischen Unternehmen produzieren zu lassen, ist gut für die Umwelt, aber schlecht für Daimler und Deutschland. Es ist also genauso gekommen, wie die Grünen immer gesagt haben.

Nur: Rechthaben hilft jetzt nicht weiter. Let’s go forward!

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