Das Elektro-Auto und die angebliche Rationalität der Gesellschaft.

Niklas Maak hat in der heutigen FAS alles gesagt. Warum gibt es in den Medien eigentlich keinen handfesten Streit über diesen Unsinn. Geld zum Fenster rauswerfen und das Ganze noch als Innovation verkaufen. Das Tröge, Pseudoplanerische in der Politik, das unserer Gesellschaft abgewöhnt, wahrzunehmen, zu denken und eins und eins zusamen zu zählen. 

Warum soll ich ein Produkt kaufen das das wesentliche Versprechen eines Autos nicht halten kann: Unabhängigkeit, Mobilität. Hilft auch ncihts, das dann billiger zu machen, meine ich…

Hier der Beitrag von Maak, der alles auf den Punkt bringt.

SONNTAG, 01. MAI 2016 FEUILLETON 

Hässlichkeit verkauft sich nicht 

Jeder, der ein Elektroauto bestellt, kriegt ab sofort 4000 Euro. Was Unsinn ist – und vom wirklichen Problem ablenkt 

Zwei interessante Dinge passierten in diesem Monat in der Welt des Autofahrens. Anfang April trat in Los Angeles der Chef der Elektroautofirma Tesla auf und stellte das neue Model 3 vor, ein Familienauto mit Elektromotor; es soll vom kommenden Jahr an produziert werden, so schnell wie ein Porsche auf hundert beschleunigen und mit einer Batterieladung fast 400 Kilometer weit kommen. 36 Stunden nach dem Verkaufsstart waren schon 253 000 Fahrzeuge geordert worden. Vor den Tesla-Läden bildeten sich lange Schlangen, obwohl die Interessenten mindestens tausend Dollar anzahlen mussten, um den Wagen überhaupt bestellen zu dürfen; in wenigen Tagen bekam Tesla allein durch Vorbestellungen mehrere Millionen Dollar zusammen. 

Wenig später trat in Berlin der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt vor die Presse und erklärte, dass das „Henne-Ei-Problem gelöst werden“ müsse. Damit meinte er die Tatsache, dass in Deutschland die Elektroautos, die es zu kaufen gibt, wie Blei in den Verkaufsräumen stehen, und solange das so ist, werden auch keine Elektrotankstellen gebaut, und wenn es die nicht gibt, kaufen die Leute erst recht keine Elektroautos, weil sie Angst haben, liegenzubleiben, range anxiety heißt das in Amerika. 

Trotzdem haben dort rund dreihunderttausend Menschen einen Tesla bestellt, weil sie das Gefühl haben, damit durch ihre Gegenwart oder in die Zukunft fahren zu können, weil sich ein Verbrennungsmotor im Vergleich anfühlt wie eine Feuerstelle aus der Steinzeit und der Tesla für all diese Kunden wie etwas aussieht, das ihnen aus der Zukunft vor die Füße gefallen ist, Reichweitenangst hin oder her. Während also Hunderttausende die Tesla-Showrooms stürmten, traten in Berlin die Bundesregierung und die sogenannten Spitzen der Autoindustrie (diejenigen, die nicht wegen des Dieselskandals vom Dienst suspendiert waren) zusammen und verhandelten über eine Kaufprämie für Elektroautos. Vom Mai an kriegt jeder 4000 Euro, der sich zum Beispiel einen BMW i3 kauft oder einen Elektro-Smart. Den Steuerzahler kostet das 600 Millionen Euro. 

Anders gesagt, der Staat hilft den deutschen Autobauern, den Kunden Autos anzudrehen, die so unattraktiv sind, dass sie die bis jetzt nur in homöopathischen Mengen kaufen. 

Besonders der BMW i3 zeigt, um noch mal Dobrindt zu zitieren, das „Henne-Ei-Problem“ des deutschen Designs, er sieht aus wie eine beim Bleigießen zufällig entstandene Fusion aus einer Metallhenne und einem heruntergefallenen Ei und einem von einem Zwergdackel bewohnten Riesensparschwein mit einem Dackelfenster in der hinteren Tür. Er sieht vollkommen albern aus; wer bei einem Geschäftstermin oder einem Rendezvous damit vorfährt, kann sich auch eine Clownsnase aufsetzen oder einen Zimtpfannkuchen an die Stirn kleben, und es ist kein Wunder, dass von dem Auto im ganzen Jahr 2015 nicht mal ein Zehntel so viel Exemplare verkauft wurden, wie bei Tesla in wenigen Tagen vorbestellt wurden. Die Designer des deutschen Elektroautos beteuern, sie hätten zum Ausdruck bringen wollen, dass Elektroautos total anders sind als alles, was es gab, deswegen dieses Harlekinkostüm, aber man wird den Verdacht nicht los, dass sie sie so hässlich gemacht haben, um zu beweisen, dass es eben nichts bringt, Elektroautos zu bauen – was die meisten Hersteller sowieso nur tun, um ihren Flottenverbrauch so weit zu senken, wie es die Politik verlangt. In Amerika macht ein Unternehmen Milliarden mit einem glaubhaften Versprechen. In Deutschland gibt der Staat 600 Millionen Euro aus, um irgendwie in die gleiche Richtung zu kommen, statt es den Autoherstellern zu überlassen, auf eigene Kosten ein paar Designer einzustellen, die wissen, dass Elektroautos weder krampfhaft anders noch genauso wie normale Autos, sondern vorbeizischend blitzhochfrequent mitreißend aussehen müssen; und dass man Ökologie nur verkaufen kann, wenn sie nicht Selbstkasteiung, Entsagung, Kopfeinziehen bedeutet, sondern mehr Spaß als vorher. Der Staat könnte die Autohersteller zwingen, leistungsfähige und bezahlbare Batterien zu entwickeln, was sie, anders als Tesla, nicht gemacht haben, weswegen sie jetzt mit dem Auspuffrohr ins Gebirge schauen. Er könnte die Batterieforschung fördern (auch Tesla hat dafür staatliche Fördergelder bekommen), so dass das Elektroauto auch mal eine längere Autobahnfahrt überlebt. Er könnte die ganze Milliarde nehmen, um den Ausbau von Ladestationen zu finanzieren. Er könnte regenerative Energien ausbauen, damit in die E-Autos kein Kohlestrom fließt. Er könnte aufhören, sich von den Reisebus- und Lkw-Lobbys einschüchtern zu lassen, denn die ganzen E-Autos bringen nichts, wenn bis zum Jahr 2020 laut einer Studie aus Dobrindts Ministerium der Lkw-Verkehr um 34 Prozent zunimmt und der Bundesverband der Omnibusunternehmer eine Zunahme des Dieselreisebusverkehrs um 230 Prozent im Vergleich zu 2013 feiert. Ein Ministerium kann all das verhindern. Es ist aber nicht dazu da, Hässlichkeit und Langeweile mit Steuergeldern attraktiv zu machen, auch wenn schon angesichts der aktuellen deutschen Elektroautos ein neues Ministerium zur Bekämpfung der allgemeinen Hässlichkeit und Langeweile des Landes gar keine schlechte Idee wäre. NIKLAS MAAK

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