Innehalten, Abschied nehmen. Und neu anfangen. Über Politik heute.

Die Aufgeregtheit der aktuellen politischen Debatte nervt. Vor allem, weil sie der Schwierigkeit der Lage nicht angemessen ist. Nehmen wir nur die zwei großen Brüche der Jetztzeit: Digitalisierung und Globalisierung. Nehmen wir dann noch die dritte große Veränderung dazu, die Sichtbarkeit des gesamten Globus (und zwar faktisch für jeden) und der gleichzeitige (ebenfalls für jeden spürbar) Verlust der westlichen Interventions- und Steuerungsfähigkeit des Westens, dann bleibt vor allem eines: Ratlosigkeit. 

Ratlosigkeit, wie man darin Muster für Zukunftsbewältigung erkennen kann. Und das ist im Weltbild des Westens einfach nicht vorgesehen. 

 
 

Meine Hypothese:  Wir müssen nicht nur, jetzt rede ich als Biodeutscher aus Westdeutschland, Abschied von der Vorstellung nehmen, wir bekämen das wachstumsverwöhnte, sozialpolitisch befriedete Nachkriegsdeutschland wieder her. Es ist Geschichte, es war ein harter historisch kleiner Abschnitt der Weltgeschichte, Zukunft wird anders. Aber weil Zukunft anders ist und wir unsere Orientierung aus der Vergangenheit entnehmen, müssen wir, und das müssen wir erst lernen, auch Abschied von der Vorstellung nehmen, es gäbe ein richtiges Bild von der Welt. Und das wäre das rationale Bild des Westens. 
 
Es ist lediglich eine Idee. Und es wird Zeit, dass wir diese Idee lockerer sehen . Sie passt nämlich nicht mehr. 
 

Die Welt baut sich um, also muss sich auch unsere Wahrnehmung von der Welt verändern. 

Ein paar Hypothesen, was anders wird. 
 
Rollen und Institutionen. 
 
Unsere Bilder und Erklärungsmuster, gerade im gesellschaftlichen Bereich, sind geprägt von den vergangenen Jahrzehnten. Politik schafft sozialen Ausgleich, die Politik sorgt für Zusammenhalt und setzt die Spielregeln. Dieser Erwartungshaltung entsprechen die Politiker regelmäßig, indem sie, gerade vor Wahlen, ihren „Schein“-Klientels Versprechungen machen, dass alles besser wird. 
 
Regelmäßig wird es dann nicht besser, sondern nur anders. Das prägt sich ins kollektive Gedächtnis der Menschen ein. 
 
In der Flüchtlingsfrage, Folge europäischer und besonders deutscher Ignoranz (man hatte die Flüchtlinge zuvor an Eurpas Außengrenzen verbannt und dafür bezahlt); zeigen jetzt Digitalisierung (Smartphones als Navigationssysteme, Informations- und Kommunikationsinstrumente) und Globalisierung, nicht nur wir wissen mehr über den Rest der Welt, sondern der Rest der Welt weiß auch mehr über die, aus deren Sicht paradiesischen Zustände in Deutschland) Wirkung. Die Menschen machen sich auf den Weg, zudem eingeladen von Angela Merkel (Kein Vorwurf, aber eine Feststellung): 
 

Wenn jetzt 2 Mio Menschen in zwei Jahren in Deutschland einwandern, ist das ökonomisch vielleicht irgendwie zu verkraften. Aber es ist nicht nur ein ökonomisches Problem. 

 
Folgende Fragen spielen eine Rolle: 
 
Die Angst  vor dem Fremden
Die Angst vor dem Islam
Die Sorge, in einer instabilen Welt unter die Räder zu kommen
Die Sorge, dass Dinge, die einem wichtig sind, dann nicht mehr so sind
Die Sorge, dass die Politik den Prozess nicht steuern, die Identität des Landes nicht erhalten kann
Die Sorge, ökonomisch zu kurz zu kommen, wenn weitere Konkurrenten auf den Arbeitsplatz drängen. 
 
Alle diese angerissenen Fragen treten nur auf, wenn Menschen sich von den „Verhältnissen“ überfordert fühlen, nicht mehr das Gefühl haben, sie könnten die Entwicklung deuten (und damit ihre Zukunfterwartungen abschätzen), sie könnten sich „als Macher ihrer eigenen Geschichte“ verstehen. 
 
Nun ist das mit dem „Macher der eigenen Geschichte“ sicher eine Selbstwahrnehmung, die vor allem in Mittelschichten verbreitet ist. Je präkerer die Verhältnisse sind, in migrantischen Milieus oder auch bei den neudeutschen der neuen Bundesländer (oder den Russlanddeutschen), desto unterschiedlicher sind schon heute die Deutungen gesellschaftlicher Wirklichkeit. 
 
Meine These, und deswegen stehe ich oft so ratlos vor diesen „politischen Debatten“:

Es geht nicht darum, das eine oder das andere zu machen, sondern alles gleichzeitig. Also, zu überlegen, wie man die ungesteuerte Zuflucht eindämmen kann und was man tun kann, damit die Menschen, die hier sind, besser mit uns zusammenleben können. 

 Und: Es wäre besser, wenn Menschen auf verschiedenen Ebenen sich daran machen würden, teil der Lösung zu werden. Also was zu tun. Und nicht nur zu deuten. 
 
Und jetzt kommen wir zu der Frage, warum unsere Wahrnehmung dabei eine ganz große Rolle spielt: Sie hindert uns nämlich, weil sie wo starr ist, Lösungswege zu finden. 
 
Beispielsweise in der Frage der Versorgung von Flüchtlingen. Die ist deutsch-administrativ organisiert. Flüchtlinge sind kaserniert, werden registriert, bis der Prozess abgearbeitet ist, müssen sie mehr oder weniger eingesperrt werden, was sie unruhig und aggressiv macht und teuer ist. 
 

Wie wäre es, Arbeitmärkte zu öffnen. Wie wäre es, Modelle zu entwickeln, aus denen Menschen, die was tun, Geld verdienen wollen, dieses auch tun können. 

Wie wäre es, wenn also nicht nur staatliche Organisationen das Flüchtlingsproblem administrieren müssen (was ohnehin nicht geklappt hat, in einer nicht erklärbaren Welle von Mitmenschlichkeit engagieren sich, auch heute noch, viele Menschen in der praktischen Hilfe für Flüchtlinge), sondern auch andere Institutionen sich an praktischen Lösungen beteiligen? Industrie- und Handelskammern, beispielsweise, indem man den rechtlichen Rahmen einfach aufweicht, ignoriert und experimente macht, wie es ist, wenn Flüchtlinge in Arbeit kommen.  
 

All das sind keine konfliktfreien Lösungen, ich weiß. Aber konfliktfrei war gestern.

Sie erfordern, dass vor Ort Lösungen ausprobierrt werden. Und dazu muss man unser Rechtssystem auch als das begreifen, was es ist: Menschengemachte Realität. Geronnene Erfahrung. Einerseits. Aber andererseits ist es dann auch veränderbar. Und, meine Hypothese, wenn wir mit unserem Rechtssystem flexibel umgehen, weil sich Menschen finden, die, vor Ort, Spielräume schaffen, um praktische Lösungen zu entwickeln, können wir es schaffen, die Flüchtlinge zu integrieren. 
 
Einfach so, ohne lange Debatten, ob sie unser demographisches Problem lösen oder nicht, ob sie bleiben oder nicht (das wissen wir nämlich alles nicht, hängt davon ab, wie wohl sie sich fühlen, wie lange es noch braucht, bis Lösungen in Syrien gefunden werden, ob Europa komplett auf nationale Lösungen umschwenkt und deshalb der Druck in Deutschland größer wird usw usw. 
 
Wir leben in der Vorstellung, wir, die enorme wissenschaftliche Ressourcen zur Verfügung haben, die Umfragen, Studien, wissenschaftliche Beiräte nutzen können, die erhebliche Ressourcen aufwenden und deswegen die Zuversicht etabliert haben, könnten Zukunft pollitisch planen. Können wir aber längst nicht mehr. 
 

Wie kann es uns also gelingen, von unserer institutionellen Idee der Welt Abschied zu nehmen und Mut zu schöpfen. 

Vielleicht auch Mut der Verzweiflung. 
 
Kann sein, dass es dann hilft, mal Fatih Akim, „Gegen die Wand“ zu gucken. Die Filme der neuen Deutschen haben ja immer was absurdes. Es gibt schöne Momente und tragische. Was in diesen Filmen gezeigt wird, ist Leben. Lebensmut. Manchmal auch aus Verzweiflung. 
 
Vieleicht ist es das, war wir, die biodeutschen Mittelschichten, bei denen langsam die Einsicht einzieht, dass nicht so viel gesichert ist, wie es scheint (außer man hat geeerbt), einen Begriff für uns entdecken müssen, der in der Migrationsforschung schon längst Einzug gehalten hat: Hybride Identitäten. Vielleicht sind wir, das als Hilfskonstruktion, eine Gesellschaft, die, in ihrer Mitte, ein neues, sicher brüchigeres Bild von Gesellschaft etablieren muss, weil das alte an Bindekraft und an Kraft überhaupt verliert. Weil nationale Politik und Politiker immer weniger Gestaltungskraft haben. Weil europäsiche Politiik derzeit taumelt und man, schon weil man die Zeiträume und die handelnden Personen nicht richtig erfassen, begreifen und deuten kann, noch nicht fassbar ist. Weil niemand weiß, was kommt.
 

Aber muss die Tatsache, nicht alles jetzt lösen zu können, tatsächlich dazu führen, dass man den Spaß am Leben verliert? Die Zuversicht? Die Neugier? 

Geht es nicht auch darum, wieder zu entdecken, dass links und rechts von mir Menschen leben. Und dass manche von Ihnen auch interessant sind, auch wenn wir noch keinen Kontakt zueinander hatten? Dass man Neues ausloten sollte?
 
Ein guter Freund von mir, der die Dinge immer anders sieht als alle anderen, meint, die Entwicklungen in den USA und England, in denen jetzt die radikalen Flügel, und zwar auf beiden Seiten, Zulauf erhalten, wären Vorboten für neue Unübersichtlichkeit in der Politik. Die Forderungen werden radikaler, einfacher vorgetragen. Eine Form, Ohnmachtsgefühle zu überwinden. 
 

Die Debatte um die AfD, mit der sich Deutschland schwer tut, zeigt eines: Die Bindungskraft der etablierten Politik lässt nach. Die hybride Gesellschaft wird Realität.Weil das oftmals glatte, konsensuelle Gerede abgeklärter Politiker über Begriffe und Maßnahmen wie „Willkommencenter, Willkommenskultur, Registrierungszentren, Transitzonen“ nicht mehr greift. Es suggeriert Ordnung, aber in der scheinfreundlichen Schnelligkeit, in der die Begriffe ausgetauscht werden, liegt schon ihr Fehler: Zunehmend mehr Menschen haben kein Vertrauen mehr auf  Politiker, die alles glattreden und sorgsam darauf bedacht sind, nicht über die Ängste von Menschen zu reden. Vielleicht auch, weil es für diese Ängste dann eben keine schönen neudeutsch institutionellen Bewältigungskanäle mehr geben würde? 

 

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