Recht haben. Und Recht bekommen. Wieviel der Rechtsstaat in Einzelnen wert ist, muss sich auch im Einzelfall erweisen.

Für der Serie „Die scheinbaren Grundlagen unserer Gesellschafts- und Rechtsordnung“ zeigt die Bienale einen eindrucksvollen Einblick darin, wie wenig Wert eigentlich die Grundfesten unseres Rechtsstaates sind, wenn man nicht zum Kernbestand dieser Gesellschaft gehört, spricht weiss ist und mit beiden Elternfüsssen fest in der germanischen Ethnie verwachsen ist. (Berliner Zeitung vom 6.2.2010) Immerhin: Der Staat hat seine Entscheidungen korrigiert. Aber das Beispiel sollte doch nachdenklich machen.

BerlZeit20100206 Abschiebung

WAS ICH NIE VERGESSEN WERDEDie längste Nacht
Die Libanesin Lial Akkouch tritt auf der Berlinale in dem Dokumentarfilm „Neukölln Unlimited“ auf. Hier erinnert sie sich, wie sie mit 14 Jahren aus Deutschland abgeschoben wurde

Immer, wenn es an unserer Tür klopft, beginnt mein Herz zu rasen. In den Augen meiner Mutter und meiner Geschwister erkenne ich die gleiche Angst. Dabei liegt die Nacht, in der sie uns geholt haben, fast sieben Jahre zurück.

Es war der 2. April 2003, halb fünf am Morgen, draußen war es noch dunkel. Ich war damals vierzehn Jahre alt und als Einzige wach, weil ich bis zur Schule in Rudow einen weiten Weg hatte. Ich mochte diese Ruhe am Morgen, wenn die anderen noch schliefen. Als Älteste von fünf Geschwistern passt man immer irgendwie auf. Meine Eltern lebten seit einiger Zeit getrennt, vor zwanzig Jahren sind sie aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Ich war zwei Jahre alt und bin in Berlin aufgewachsen. Ich liebe den Lärm der Straßen, den Dunst der Autos, die vielen unterschiedlichen Menschen. Den Libanon kannte ich nicht, bis zu dem Tag, als man uns dorthin zurückschickte.

Durch die Badezimmertür hörte ich ein lautes Klopfen. „Kriminalpolizei Berlin. Aufmachen!“, rief jemand vor der Tür. Meine Mutter hatte einen Bademantel übergezogen, ich selbst war noch im Schlafanzug, als wir die Tür öffneten. Drei Männer und eine Frau drängten herein. „Zieht euch was über und packt das Nötigste ein, jetzt geht es heim in den Libanon.“ Einer hatte ein Papier in der Hand, auf dem stand, dass wir in diesem Land nicht länger geduldet werden. Meine Mutter sagte, es müsse sich um einen Fehler handeln, unsere Familie habe ein laufendes Asyl-Verfahren. „Jaja“, der Polizist winkte ab. Der Lärm weckte meine Geschwister. Der Kleinste, Mohammed, war erst vier und schrie, meine elfjährige Schwester Atura weinte, mein Bruder Maradona, damals neun, rannte hilflos im Flur umher. Nur Hassan mit seinen dreizehn Jahren blieb völlig ruhig. Einer der Männer sagte, wir sollten jeder ein Spielzeug einpacken, wer wüsste schon, ob es im Libanon überhaupt Spielsachen gäbe. Ich hasste ihn in dem Moment, ich hasste sie alle. Sie scheuchten uns durch die Wohnung, wir sollten uns beeilen. Inmitten dieses Chaos brach meine Mutter plötzlich ohnmächtig zusammen.

Sie solle aufhören zu schauspielern, sagten die Polizisten, tatschten ihr ins Gesicht und versuchten, sie wieder aufzurichten. Ihr Gesicht war bleich, ihr Körper verkrampft. Ich kniete neben ihr und versuchte, sie zu schützen. „Kein deutsches Gesetz erlaubt es Ihnen, meine Mutter so anzufassen“, sagte ich, doch sie lachten nur. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis meine Mutter wieder zu Bewusstsein kam. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an.

Vor unserer Haustür parkte ein Van, eines dieser Autos, in denen man normalerweise Familienausflüge macht. Es war kühl, die Luft feucht. Sie fuhren uns in ein Gebäude in der Nähe des Flughafens Tegel. Dort wurden wir verhört und mussten uns bis auf die Unterwäsche ausziehen. Man wollte sicherstellen, dass wir nichts an Bord schmuggeln. Wie gelähmt warteten wir in einer Familienzelle, bis uns jemand zum Flugzeug brachte. Drei Männer mit Gewehren bewachten den Ausgang. Hassan und ich starrten aus dem Fenster, als der Flieger abhob. Die Stadt wurde kleiner und kleiner, und verschwand schließlich ganz. Meine Mutter tröstete den Kleinen, meine Schwester starrte vor sich hin. Ich schaute zu Maradona. Er war die ganze Zeit sehr still gewesen. Ich sah, wie er mit den Tränen kämpfte. In dem Moment fiel mir ein: Heute war sein neunter Geburtstag.

Mittags landeten wir in Istanbul. Außer Süßigkeiten aus Automaten hatten wir noch nichts gegessen. Durch die Wartehalle zog der Duft von Burgern und Pommes. Nur eine Treppenstufe trennte uns von der Tür zu Burger King. Doch die Polizisten ließen uns nicht weg. Meine Mutter fragte die Reisenden , ob sie uns etwas holen könnten, streckte ihnen das Geld entgegen. Keiner nahm es, alle gingen an uns vorbei. So elend habe mich nie wieder gefühlt. Ein Steward wurde auf uns aufmerksam. Was das für eine Schweinerei sei, beschimpfte er die Reisenden, und dass sich alle schämen sollten. Er kaufte uns mehr als wir essen konnten. Das Geld meiner Mutter wollte er nicht.

Die Nacht verbrachten wir auf den Bänken der Wartehalle, am Nachmittag des nächsten Tages landeten wir im Libanon. Die Behörden dort mutmaßten, wir hätten etwas mit Drogen zu tun und verhörten uns sieben Stunden lang. Hassan und ich versuchten zu erklären, dass wir uns nichts hatten zuschulden kommen lassen. Doch wie sollten sie uns auch verstehen? Wir konnten kein Arabisch sprechen, wir verstanden es nur. In einer Familienzelle warteten wir, bis mein Onkel uns abholte und mit zu sich nach Hause nahm.

Im Libanon war mir alles fremd, die Landschaft, die Gerüche, die Menschen, auch wenn ich wusste, dass sie meine Verwandten sind. Was sollte ich hier? Anfangs sperrte ich mich in mein Zimmer ein und starrte die Wände an. Ich wollte niemanden sehen, niemanden hören. An manchen Tagen habe ich kein Wort gesprochen, noch nicht mal mit meinen Geschwistern. Und irgendwann hörte ich auf zu essen.

In Deutschland versuchte mein Vater mit Hilfe eines Anwaltes, nachzuweisen, dass unsere Ausweisung ein Fehler der Behörden war. Mein Vater hatte eine Aufenthaltsgenehmigung, weil meine Eltern aber getrennt lebten, galt sie nicht für uns. Seit wir abgeholt worden waren, bewachte er unsere Wohnung, aus Angst, man würde sie sonst auflösen. Nach sieben Wochen hatte mein Vater es geschafft. Ihr dürft nach Hause kommen, sagte er am Telefon.

Unsere Zimmer sahen aus, als wären wir nie weggewesen. Die Betten, unsere Kleider, die Spielsachen lagen noch da, wie wir sie zurückgelassen hatten. Ein Nachbar hatte uns im Treppenhaus gesehen, binnen einer halben Stunde war die Wohnung voller Menschen, die unsere Rückkehr feierten. Doch ich fiel todmüde in mein Bett.

Ich konnte lange nicht begreifen, was unserer Familie widerfahren ist. Noch länger hat es gedauert, bis ich verstand, dass mit der Rückkehr nach Deutschland nicht alles wieder in Ordnung sein würde. Es dauerte lange, bis wir uns in Deutschland wieder willkommen fühlten und bis wir mit den Folgen umzugehen lernten.

Hassan verlor ein Jahr in der Schule. Weil er zu lange gefehlt hatte, musste er die achte Klasse wiederholen. Aus meinem fröhlichen Bruder war ein ernster junger Mann geworden. Heute sagt er, jene Nacht vor sieben Jahren sei das Ende seiner Kindheit gewesen. Seither fühlt er sich verantwortlich für das Schicksal unserer Familie. Er, Atura und ich haben eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, weil wir uns in der Ausbildung befinden. Ich mache eine Lehre zur Hotelfachfrau. Die Angst vor einer Abschiebung der restlichen, nur geduldeten Familie lässt Hassan unentwegt zu Ämtern und Beratungsstellen pilgern. Letztes Jahr hat er Abitur gemacht und sich auf der Universität der Künste beworben. Er möchte Schauspieler werden. Wenn er einen Studienplatz bekommt, wird seine Aufenthaltserlaubnis verlängert.

Sorgen macht uns Maradona, dessen neunter Geburtstag zum schlimmsten Tag in seinem Leben wurde. Seit jener Nacht wollte er nie wieder Geburtstag feiern. Ihn traf die Erfahrung, unerwünscht zu sein, wohl am härtesten. Manchmal denke ich, er glaubt nicht mehr daran, dass man es gut mit ihm meinen könnte. Er sieht sich mal als Einzelkämpfer, mal als Opfer und trifft zu oft die falschen Entscheidungen. Er war nie wirklich gut in der Schule, aber in Mathe war er ein Ass. Doch statt da zu punkten, blieb er weg. Statt zu lernen, trieb er sich mit den falschen Leuten rum. Statt seiner Schulhefte nahm er einen Schlagstock mit in den Unterricht. Er wollte niemanden verletzen, sagt er. Es sei zu seinem Schutz. Der Rektor suspendierte ihn mehrmals vom Unterricht. Nun wiederholt er die achte Klasse. Hassan und ich, wir reden oft mit ihm. Sagen ihm, dass er mit seinem Verhalten die Duldung der Familie aufs Spiel setzt. Doch ich weiß nie genau, was durch die Mauer dringt, die er um sich gebaut hat.

Jeder von uns hat etwas anderes verloren in jener Zeit. Hassan seine Leichtigkeit, Maradona das Gefühl der Sicherheit und ich hatte verlernt zu essen. Im Libanon war ich von 45 auf 35 Kilogramm abgemagert. Ich wusste selbst, dass es zu wenig ist, auch wenn ich nur ein Meter fünfzig groß bin. Zurück in Deutschland bemühte ich mich zuzunehmen, doch mein Körper verwehrte das Essen. Alles, was ich zu mir nahm, musste ich nach wenigen Minuten wieder erbrechen. Alleine, das wusste ich, würde ich es nicht schaffen. Meine Eltern brachten mich in eine Klinik in Westend, wo man Essstörungen bei Jugendlichen behandelte. Es sollte ein Jahr dauern, ehe ich in mein normales Leben zurückkehren konnte.

Das Tanzen gibt mir Kraft. Wenn ich anfange, mich zu bewegen, ist es, als betrete ich eine andere Welt. Meine Geschwister und ich, wir machen alle Breakdance. Hassan tanzt in einer festen Formation und hatte einige große Auftritte. Maradona wurde Zweiter bei der Deutschen Breakdance-Meisterschaft in Hannover. Viele Jahre schon trainieren wir neben Schule und Ausbildung und geben den Kids in Neukölln auch Unterricht. Seit ich denken kann, wurde in unserer Familie getanzt. Wenn wir nach Hause kommen, stecken wir Boxen an den Laptop und legen Snoop Dog oder andere Musik auf. Manchmal nervt Maradona, weil er immer Liebeslieder hören will. Ich mag Cindy Lauper. „Girls Just Wanna Have Fun“ und „Time After Time“ sind meine Lieblingslieder. Ich hätte nie gedacht, dass man zu so alter Musik modernen HipHop tanzen kann.

Ich wiege jetzt 41 Kilogramm, mein Ziel sind 45. Ich arbeite daran.

Notiert von Silke Janovsky.

Lial Akkouch und zwei ihrer Brüder sind Protagonisten des Dokumentarfilms „Neukölln Unlimited“. Der Film wird auf der Berlinale vorgestellt, Premiere ist am 13. Februar, 11 Uhr, im Babylon Mitte.

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