Warum einheitliches Bildungswesen uneinheitliche Wirkung haben kann.

Ganz nüchtern: Der Mann hat recht. Auch eine gut gemeinte Bildungspolitik, die auf Akademisierung setzt, kann gegenteilige Wirkung haben.

Handelsblatt, 17.09.2013

Ich weiß, dass ich nichts weiß

Zu reich für Bafög, zu arm für die Privatschule: Im Bildungswesen droht die Mittelschicht durch den Rost zu fallen. Dabei mangelt es vielen jungen Menschen schon jetzt an entscheidendem Wissen in Kunst und Kultur – Wissen, das unverzichtbar ist, um Moral, Ethik und Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln. Ein Essay von George Turner.

| Montag, 16. September 2013, 19:45 Uhr

Deutschland soll, nach einer von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Applaus aufgenommenen Vorstellung, Bildungsrepublik werden. Über das, was „Bildung“ ausmacht, kann man trefflich streiten. Nimmt man als Maßstab für einen „gebildeten“ Menschen Werke wie zum Beispiel von Schwanitz „Alles, was man wissen muss“, oder von Ganten/Deichmann/Spahl, „Naturwissenschaft. Alles, was man wissen muss“, und misst daran, was der durchschnittliche Abiturient heute weiß, so liegen dazwischen Welten. Ganz gleich, ob Literatur, Kunst, Musik oder Biologie, Chemie, Physik, Mathematik – manche Namen von Autoren, Malern, Komponisten und Naturwissenschaftlern haben Inhaber der Hochschulreife noch nie gehört, manche für die Beurteilung auch politischer Fragen wichtige technologische Zusammenhänge oder auch nur Grundkenntnisse sind ihnen fremd.

In den Schulen werden die für das kulturelle Verständnis und damit für die Weckung des Interesses wichtigen Fächer in den Geisteswissenschaften und gleichermaßen in den Naturwissenschaften immer mehr zurückgedrängt. Im Gymnasium ist streckenweise aus der Fächergruppe Musik, Kunst und Darstellendes Spiel nur noch ein Fach mit zwei Stunden in der Woche auszuwählen. Ähnliches gilt für wichtige Bereiche der Naturwissenschaften. An den Beruflichen Schulen gibt es noch nicht einmal ein Pflichtfach aus dem Bereich Kunst und Musik.

Wie sollen im derzeitigen System „gebildete“ Jugendliche für Oper, Konzert und Schauspiel oder gar für die Naturwissenschaften interessiert werden? Abgesehen von der Bedeutung jener Fächer für das Verständnis in der näheren und weiteren Umwelt sind sie wichtig bei der Entwicklung der Verantwortung des Einzelnen für die Gesellschaft, damit auch für Moral und Ethik. Wie will man erreichen, dass Bürger, die so wenig auf die Wichtigkeit von Kultur eingestimmt sind, später – als Steuerzahler und Wähler – Subventionen für Kultur (besser: Investitionen in Kultur) gutheißen? Noch dazu, wenn die Finanzierung eines Theaterbetriebs oder eines „Kindergartens für kleine Forscher“ mit der Sanierung eines Straßenabschnitts vor der eigenen Haustür in Konkurrenz stehen?

Die Vernachlässigung der kulturrelevanten Fächer wird zu einer (weiteren) Spaltung der Gesellschaft beitragen. Gern wird davon gesprochen, dass Bildung dazu dienen soll, durch Elternhaus und Milieu gegebene Unterschiede zu beseitigen. Das Gegenteil wird geschehen. Bildungsferne Schichten werden das durch die Schule nicht ausgeglichene Defizit größtenteils nicht erkennen oder nicht in der Lage sein, es privat auszugleichen. Eltern, die es sich finanziell leisten können, werden alles tun, ihren Sprösslingen das zu vermitteln, was „man wissen sollte“. Gleichgültig, ob und bei wie vielen das fruchtet – die Bevorzugten haben eine Chance; die Schule ist dank der Lehrpläne gehindert, sie anderen zu ermöglichen.

Hier werden die Untergliederungen der Mittelschicht deutlich werden: zum einen im Erkennen der Defizite der schulischen Ausbildung, zum anderen in der Behebung der Mängel mit privaten Mitteln. Die Mittelschicht wird hier, ebenso wie alles, was danach anzusiedeln ist, allein gelassen.

Privatschulen haben Konjunktur. Wer mit dem öffentlichen Schulsystem nicht zufrieden ist, und es sich finanziell leisten kann, schickt seine Kinder auf private Schulen. Das gilt nicht nur dann, wenn ein Defizit an vermittelter Bildung festgestellt wird, sondern auch, vielleicht sogar vor allem, wenn staatliche Schulen in sogenannten Problemgebieten liegen, wenn der Migrantenanteil besonders hoch ist. Teile der Mittelschicht, jene nämlich, die sich den Aufwand für eine Ausbildung ihrer Sprösslinge in einer privaten Einrichtung nicht leisten können, werden sich als Verlierer des Systems verstehen. Ihnen wird auch kaum zu vermitteln sein, dass die Gemeinschaftsschule, wie sie in einigen Ländern angestrebt wird, für ihren Nachwuchs die geeignete Bildungsanstalt ist. Das natürliche Streben von Teilen der Angehörigen der Mittelschicht dürfte dahin gehen, ihren Kindern eine Basis zu schaffen, die ihnen weitere, wohl auch über den selbst erreichten Status hinausgehende Chancen verschafft. Für den schulischen Bereich sind dabei die Grenzen deutlich sichtbar. Im Hochschulbereich versprechen private Einrichtungen mehr als sie halten können.

Eine grobe Aufteilung der Studierenden ergibt folgendes Bild: Finanziell bedürftige Studierende erhalten Bafög. Gut situierte können sich ein Studium leisten, gleichgültig, wie befähigt sie sind. Dazwischen gibt es ein breites Mittelfeld und innerhalb dieses eine Gruppe, für die eine Förderung nach dem Bafög nicht in Betracht kommt. Das sind die Kinder von Eltern, die über ein Einkommen verfügen, das über der für das Bafög gezogenen Grenze liegt.

Der Hinweis, dass es ja schließlich auch noch Stipendien gäbe, verfängt nicht in jedem Fall. Denn so wie es bei der finanziellen Ausstattung jene drei Gruppierungen gibt, ist es auch bei den Fähigkeiten. Neben herausragenden Studierenden, welche die Voraussetzungen für die Gewährung von Stipendien erfüllen, gibt es andere, die davon hoffnungslos entfernt sind. Dazwischen existiert – bezogen auf Leistungsfähigkeit – ein mittlerer Bereich. Die Gegenüberstellung zeigt: Die finanziell unabhängigen, von den Leistungen her mittelmäßigen, sogar dieses Niveau unterschreitenden Kandidaten können unbesorgt ein Studium aufnehmen, die durchschnittlich Befähigten, die nicht über die erforderlichen finanziellen Möglichkeiten verfügen, können es nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen, weil sie im Zweifelsfall auch kein Stipendium erhalten. Man mag meinen, dies sei individuell zwar bedauerlich, im Interesse der Gesamtheit aber nicht besonders tragisch, schließlich seien es ja keine Spitzenkönner, die auf diese Weise an einer akademischen Ausbildung gehindert seien, eben nur „Mittelmaß“. Eine solche Betrachtungsweise verkennt, dass jede Gesellschaft auch Angehörige braucht, die den guten Durchschnitt repräsentieren. Sie bilden das gesunde Fundament oder Rückgrat jeder Gemeinschaft.

Kinder, deren Eltern zur Mittelschicht gehören, die keinen Anspruch auf Bafög haben, ein Studium aus eigenen Mitteln nicht finanzieren können und nicht so leistungsstark sind, dass sie ein Stipendium erhalten, fallen durch den Rost.

Der fatale Wege der Fachhochschulen Fachhochschulen sind Einrichtungen des Hochschulwesens, die durch anwendungsbezogene Lehre und, soweit diese Aufgabe es zulässt, durch entsprechende Forschungsarbeiten geprägt sind. Sie wurden ursprünglich als reine Lehreinrichtungen konzipiert. Ein Charakteristikum waren bis zur Einführung von Bachelor-Studiengängen an den Universitäten außerdem die kurzen Studienzeiten (in der Regel sechs bis acht Semester) und in Verbindung damit ein relativ gestrafftes Studium. In den Fachhochschulen sind die ehemaligen Staatlichen Ingenieurschulen, Staatlichen Ingenieurakademien, Werkkunstschulen und andere Höhere Fachschulen, zum Beispiel für Gestaltung, Hauswirtschaftslehre, Landbau, Sozialarbeit oder Wirtschaft, aufgegangen.

Die Besetzung von freien Positionen erfolgte in nicht unerheblichem Umfang aus dem Kreis der Assistenten oder Dozenten der Universitäten. Zwar war Einstellungsvoraussetzung eine mindestens fünfjährige Tätigkeit in der Praxis. Wenn nicht genügend Bewerber vorhanden waren, wurde von Anfang an auch die Dauer der Beschäftigung an einem Universitätsinstitut als Praxis anerkannt. Mittlerweile ist die Tätigkeit in der Praxis von Industrie und Wirtschaft immer mehr in den Hintergrund getreten. In zunehmendem Maß besetzen inzwischen auch habilitierte Wissenschaftler dort Positionen. Das führt zwangsläufig dazu, dass dann die Lehrkräfte an den Fachhochschulen die ihnen von der Universität vertraute Arbeitsweise praktizieren. Die Folge ist das Streben der Fachhochschulen, möglichst genauso behandelt zu werden wie die Universitäten.

Diese Entwicklung nimmt einer anderen Untergruppe des Mittelstandes, nämlich denen mit Migrationshintergrund, Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten. Die für die Vorgängereinrichtungen der Fachhochschulen typische Laufbahn ihrer Studierenden – Realschulabschluss, handwerkliche Lehre mit anschließendem Studium – gerät immer mehr ins Hintertreffen. Dies wäre aber ein passgenauer Weg für Aufsteiger aus der zweiten Generation von Migrantenfamilien.

Die Beispiele zeigen, dass die Belange der Angehörigen der Mittelschicht nicht angemessen berücksichtigt sind. Ob es am Fehlen einer Lobby liegt oder daran, dass andere sich lautstark bemerkbar machen, kann offen bleiben. Auf jeden Fall ist ein Defizit vorhanden, das die Politik erkennen und beheben sollte.

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