It doesn’t fit. Deutschlands Hochschulen sollen Standardware produzieren. Nochmal nachdenken!

Bildungspolitik ist einer der größten Tummelplätze für Ideologen. Unter dem Deckmantel, mehr Chancengleichheit zu schaffen, wird mehr selektiert. Auch in der Hochschulpolitik werden billige Quoten vorgegeben. Nida-Rümelin wagt den nüchternen Blick. Gut so!

FAZ, FREITAG, 16. AUGUST 2013
POLITIK
Bildungspolitik auf Abwegen
Die Hochschulen in Deutschland sind keine idealen Stätten der Berufsausbildung. Sie werden es auch nicht durch politisches Diktat. Von Julian Nida-Rümelin
Die Verunsicherung seit der ersten Pisa-Studie hat gewirkt. Deutschland ist nicht mehr stolz auf seine eigene Bildungstradition, sondern schielt ängstlich ins Ausland im Bestreben, sich internationalen Standards anzupassen. Unter der Hand wird das amerikanische Bildungssystem zum Vorbild. Die Vereinigten Staaten haben, abgesehen von Oxford und Cambridge, die besten Spitzenuniversitäten der Welt, die meisten Nobelpreisträger und die einflussreichsten Journals. Die Vermutung liegt nahe, dass dies nur die sichtbarste Form eines leistungsfähigen Bildungssystems ist. Diese Einschätzung ist falsch. Das amerikanische Bildungssystem ist noch selektiver als das deutsche, und es produziert einen hohen Anteil von Bildungsverlierern. Seine Übertragung auf Deutschland würde die größte Stärke der deutschen Bildungstradition beschädigen: die Verbindung von staatlicher Bildung und beruflicher Ausbildung im Betrieb, das sogenannte duale System.

Nun könnte man entgegenhalten, niemand beabsichtige doch die Bildungspraxis der Vereinigten Staaten auf Deutschland zu übertragen. Umso schlimmer, dann schlagen wir einen Weg ein, der das gleiche Ergebnis hat, ohne dass es beabsichtigt wäre. Wir folgen dann nicht bewusst, sondern blind einem jedenfalls für Deutschland gefährlichen Bildungsweg. Pisa selbst bietet dafür schon einmal einen Vorgeschmack, es prüft das ab, was an amerikanischen Schulen leidlich gelernt wird: das Leseverständnis von Alltagstexten und mathematisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis. Kein Fachwissen, keinen Bildungshintergrund, keine Fremdsprache, und das bei immerhin 15 Jahre alten Schülern. Warum wurde das Leseverständnis von Fünfzehnjährigen in einer Fremdsprache nicht geprüft? Weil es nicht abprüfbar wäre? Nein, weil die Nation, die etwa die Hälfte des OECD-Etats stellt, nicht mittelmäßig, sondern katastrophal abgeschnitten hätte. Die deutsche Bildungstradition weist Vor-, aber auch Nachteile gegenüber der amerikanischen auf. Zu den Nachteilen gehört, dass sie die praktischen Erfahrungen weitgehend aus dem Schulwesen verbannt. Die zentrale Idee über Fachwissen, über die Kenntnis methodischen Denkens und Analysierens Urteilskraft zu fördern, gehört zu den Stärken, jedenfalls der höheren und der höchsten Bildung in Deutschland. Die aktuelle Umsteuerung auf bloße Kompetenzen und deren Überprüfung gefährdet diese Stärke der deutschen Bildungstradition.

Die Vereinigten Staaten sind bildungspraktisch in zwei Teile gespalten: die mit und die ohne College-Abschluss (BA-Studium). Ein BA-Studium in den Vereinigten Staaten führt nicht zur Berufsfertigkeit, wie hierzulande oft angenommen wird, es vermittelt Kompetenzen, erworben in einem mehr oder weniger bunten Spektrum von Fachgebieten mit geringer Tiefe und methodischer Präzision. Die amerikanischen Unternehmen sind darauf eingestellt: learning-on-the-job. Die deutschen nicht. Bei der Umstellung auf modularisierte Studiengänge ging die deutsche Bildungspolitik davon aus, dass nach amerikanischem Muster nur 20 Prozent nach dem Bachelor-Abschluss nach drei Jahren weiterstudieren würden, 80 Prozent sollten dann berufsfähig auf den „akademischen“ Arbeitsmarkt entlassen werden. Die Wünsche der Studierenden und die Nachgiebigkeit der Bildungspolitiker seit den Protesten 2009 machen den Erwartungen einen Strich durch die Rechnung. Nun wollen rund 80 Prozent weiterstudieren und nur 20 Prozent nach dem Bachelor-Abschluss in den Beruf. Dafür steigen die Abbrecherquoten dramatisch an.

Die OECD hat Deutschland, aber auch Österreich und die Schweiz für zu niedrige Akademikerquoten für einen zu kleinen „tertiären“ Sektor getadelt. Dieselbe Organisation hat auch festgestellt, dass die Jugendarbeitslosigkeit in diesen drei Ländern geringer ist als in den anderen Ländern und in diesem Zusammenhang das duale System gelobt. Sie war interessanterweise nicht in der Lage, eine Verbindung herzustellen und die Widersprüchlichkeit ihrer Empfehlung zu durchschauen. Wir sind auf dem besten Wege, das zu zerstören, was nur mit Mühe in Spanien, Großbritannien oder auch in den Vereinigten Staaten etabliert werden soll, die Verbindung von Ausbildung im Betrieb und Bildung in der Berufsschule. Denn die Botschaft ist angekommen, die Zahl der Studienanfänger hat sich in den letzten fünfzehn Jahren knapp verdoppelt. Wir sind auf dem Weg nach Amerika. Die Hälfte will studieren, die andere Hälfte nicht, und 20 Prozent schaffen keinen Berufsabschluss und sind im hohen Maße von Arbeitslosigkeit bedroht. Das, was von links bis rechts bei leisem Gegrummel der Industrie- und Handelskammern und einzelner Gewerkschaften begrüßt und gefördert wird, muss zwangsläufig am Ende das so viel gelobte duale System zerstören. Denn mit 30 Prozent eines Jahrgangs lässt sich die ganze Vielfalt von nichtakademischen Fachkräften nicht mehr ausbilden.

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, wonach der Fachkräftebedarf der bayerischen Wirtschaft im Jahre 2020 bei 230 000 Personen liegt (gemeint ist die Lücke zwischen dem zu erwartenden Angebot an Fachkräften und dem Bedarf der bayerischen Wirtschaft) und davon 43 000 Akademiker sind.

Zugleich wird aber in den hochschulpolitischen Forderungen der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ein dramatischer Akademikermangel prognostiziert, der Anstieg der Studierenden in jedem Jahrgang gelobt und der weitere Ausbau von Studienplätzen gefordert. Den Autoren ist offenbar nicht aufgefallen, dass sie sich hier in einen Widerspruch verwickeln. Der von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft prognostizierte Akademikerbedarf liegt für die Zukunft unter 20 Prozent, während die Studierendenquote gegen 40 Prozent tendiert.

Ohne Zweifel besteht ein hoher Bedarf an Akademikern mit bestimmten Qualifikationen in den Ingenieur-Berufen sowie im IT-Bereich. Schon skeptischer muss man die Pauschalierung hinsichtlich eines vermeintlichen Mint-Bedarfs sehen, wenn man zum Beispiel die aktuellen Probleme vieler Biologen auf dem Arbeitsmarkt sieht.

Die Akademisierung zahlreicher Ausbildungsberufe etwa im medizinischen und technischen Bereich würde die Qualifikation nicht verbessern, sondern verschlechtern. Die Hochschulen in Deutschland sind nicht die ideale Stätte der Berufsausbildung und werden es auch durch das bildungspolitische Diktat nicht werden. Die Karrieren der Lehrenden beruhen zu einem großen Teil auf eigenen Forschungsleistungen, die Lehre ist durch eigene Forschungserfahrungen geprägt, und die Studierenden werden – von Fach zu Fach unterschiedlich – im Laufe ihres Studiums an Forschungsfragen herangeführt und setzen sich mit diesen in ihren Abschlussarbeiten auseinander. In den Vereinigten Staaten gilt dies nur für 12 Prozent aller Studierenden, in Deutschland für 70 Prozent. Wenn wir die Akademikerquote eines Jahrgangs danach definieren, wie viele an Einrichtungen studieren, an denen auch geforscht wird, läge die Akademikerquote in den Vereinigten Staaten nur noch bei 6 Prozent.

Gegenwärtig gibt es einen starken Trend, ganz besonders ausgeprägt in Deutschland, die Unterschiede der Bildungstraditionen einzuebnen. Dies scheint dem Geist der Zeit zu entsprechen, der auf eine globalisierte Kultur, die der globalisierten Ökonomie folgt, gerichtet ist. Die Frage ist aber auch hier, ob das zutrifft, ob es tatsächlich von Vorteil ist, sich vermeintlichen oder tatsächlichen internationalen Trends anzuschließen, um internationale Konkurrenzfähigkeit der Bildungsabschlüsse und Mobilität der Absolventen zu fördern.

Generell stellt sich die Frage, ob Globalisierung Homogenität erfordert. Auch Diversität kann eine Antwort auf die Herausforderungen der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung sein. Warum sollen sich nicht ganze Nationen, nicht nur einzelne Bildungseinrichtungen voneinander in ihrer Bildungsphilosophie und ihrer Bildungspraxis unterscheiden und gerade dadurch besondere Chancen auf den Arbeitsmärkten realisieren? Die deutsche Bildungstradition unterscheidet sich nicht nur von der amerikanischen, sondern auch von der französischen und der britischen, weniger von der spanischen und italienischen, auch wenn man von der Besonderheit der dualen Bildung absieht.

Warum sollte dieses Land also nicht die Stärken des eigenen Bildungssystems ausbauen, sich unter Umständen sogar deutlicher von internationalen Trends oder jedenfalls Trends jenseits des Atlantiks absetzen, um an seinen vormaligen Status einer führenden Bildungsnation, die erst endgültig durch die zwölf Jahre NS-Diktatur zerstört wurde, anzuknüpfen? Die Konturen eines solchen Weges lassen sich benennen: erstens Persönlichkeitsbildung durch Selbstdenken und Schulung in Abstraktion; zweitens Vorrang der Allgemeinbildung vor der Spezialbildung im Sinne einer Vorbereitung auf spezifische Berufsfertigkeiten; drittens gleiche kulturelle Anerkennung unterschiedlicher Bildungswege, insbesondere des Bildungsweges zum Facharbeiter oder zum Akademiker; viertens Hochschätzung der mathematischen, technischen und handwerklichen Kompetenzen, kein akademischer Bildungsdünkel.

Der Autor lehrt politische Theorie und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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