In dubio pro Spahn!

Lobbybashing, das ist der Reflex, der immer geht. Das geht dann so: Jens Spahn hat die Nase voll, dass die Armada des versorgungspolitischen Besitzstandsdenkens seit 12 Jahren den wissenschaftlich-therapeutischen Fortschritt und die Digitalisierung ausbremst. Ein ganz großer Bremsklotz dabei: Die Gematik. Weil man ein Bremserhäuschen nicht umbaut, indem man alle Beteiligten ermahnt und sonst alles beim Alten lässt, hat Spahn jetzt einen erfahrenen Pharmamanager als neuen Chef ernannt.

Die Armada schreit! Skandal!!!!!!!!!

Das lassen wir uns jetzt mal auf der Zunge zergehen. Wenn der Reflex dann etwas verraucht ist, halten wir fest:

  • Wenn Spahn Vertrauen zu Herrn Leyck-Dieken hat, soll er ihn berufen. Schließlich ist “Vertrauen” eine Ressource, die nicht durch alle möglichen formalen Compliance-Prozesse sichergestellt werden kann.
  • Pharmamanager sind keine Kriminellen. Vielleicht sollte man das auch mal offen aussprechen, weil sie im Grunde so behandelt werden. Im Gegenzug sind diejenigen, die im G-BA sitzen, Ärzte, Krankenhausvertreter, Krankenkassenvertreter auch keine Engel oder Heiligen, nur weil sie sich des Heiligenscheins des Gemeinwohls bemächtigt haben. Nein, Stagnation ist kein Verdienst, sondern ein Versäumnis aller, die an dem Zustand beteiligt sind.
  • Wir sollten uns, gerade im Gesundheitswesen, mal ehrlich machen. Gemeinwohl kann sehr wohl durch Eigennutz entstehen. Gemeinwohlorientierte Unternehmen haben Stärken und Schwächen, Unternehmen, bei denen das Eigeninteresse das treibende Motiv ist, auch.
  • Bei den Klinikkonzernen kann man das gut vorführen: Ja, es ist einfach, Skandal, Skandal zu rufen, wenn Klinikkonzerne Gewinne machen und Pflegekräfte dafür monetär bluten lassen. Oder Stückzahlen für Hüftoperationen vorgeben (soll es ja geben). Das ist unmoralisch. Auf der anderen Seite: Die Einkommensverhältnisse bei Gemeinwohlunternehmen sind auch nicht besser, was auch damit zu tun hat, dass 1) die Politik sich nicht entscheiden kann, eine vernünftige Klinikplanung zu machen und die Schließung der überflüssigen Kliniken zu veranlassen. Und 2) geht es im inneren Gefüge von Krankenhäusern auch darum, die Monopolstellung der Ärzte, ihr eigenwilliges Künstlergebahren als das zu markieren, was es ist: Die Sicherung des Einkommensvorrrangs des Chefarztes vor den anderen Ärzten, der Ärzte vor allen anderen Beschäftigen im Krankenhaus. Teamarbeit ist zwar nicht alles, aber ohne Teamarbeit ist alles nichts. Und sowohl die Arbeitsverhältnisse der unteren und jungen Ärzte sind unterirdisch, nicht umsonst fliehen 50 Prozent aller ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte in Tätigkeiten außerhalb dessen, wofür sie für teuer Geld ausgebildet wurden. Das ist Ressourcenverschwendung at it’s best.
  • Und wenn wir schon mal beim Verhältnis von Gemeinwohl und Eigeninteressen sind: Macher machen, sie mögen diese ewig langen Entscheidungsprozesse nicht, bei denen sie andere einbeziehen, Bedenken überwinden und zähe Verhandlungen führen müssen. Wer die Geschichte der Klinikkonzerne in Deutschland kennt, weiß, dass ohne die Hartnäckigkeit, manchmal auch die Rücksichtslosigkeit einiger weniger Entscheider mit ganz unterschiedlichen Motiven, die mutig genug waren, gegen alle anderen anzutreten, nichts passiert wäre. Natürlich können hierarchisch oder patriarchal aufgestellte Unternehmen auch zu schwerwiegenden Versäumnissen führen, etwa, wenn der Generationswechsel ansteht, man eigene Fehler zugestehen oder korrigieren muss oder sich Rahmenbedingungen ändern. Andererseits sind gemeinwohlbasierte Unternehmen, bei denen zahlreiche Stakeholder mitsprechen und befriedet werden müssen, immer davon bedroht, dass letztlich niemand Verantwortung trägt oder tragen muss. Es sind immer irgendwelche Gremien, die Entscheidungen abgesegnet haben, Umstände, die besseres verhindert haben. Gut gemeint und gemeinsam gemacht führt nicht immer zu besseren Ergebnissen. Aber immer zu Entschleunigung, weniger scharfen und zielgenauen Strategien, trägerem Verhalten. Muss nicht immer schlecht sein. Aber auf keinen Fall ist es immer gut.
  • An ihren Leistungen sollt ihr sie bemessen. Und nicht länger nach papierernen Compliance-Richtlinien, die zwar vermeiden können, dass sich Netzwerke und Kickbacks herausbilden, aber auch verhindern, dass sich Netzwerke derer etablieren können, die etwas bewegen wollen, auf Zuruf arbeiten möchten, sich am Erfolg dessen messen lassen möchten, was sie auf die Beine stellen.

In diesem Sinne, Jens Spahn, Markus Leyck Dieken: The Floor is yours! Keep on going!

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