Twitter und die Erfolgsgeschichte menschlicher Unzulänglichkeit

Weil mir Geschichten gegen den Strich gefallen: Twitter zeigt, dass Erfolg und Fortschritt nicht planbar sind. Dass auch Geschäftsmodelle erfolgreich sein können, die das gar nicht verdient haben. Dass menschliche Unzulänglichkeit Teil ihrer selbst sind. Und dass, das ist mein Credo, Wettbewerblichkeit und Rahmenbedingungen, die Machtzuwachs begrenzen, deshalb ganz gut sind.

Menschliches Leben ist Versuch und Irrtum. Und das Ende der östlichen Planwirtschaft sollte uns alle lehren, dass man die Versuchsanordnung möglichst klein halten sollte.

The Twitter Story:

FAZ, DONNERSTAG, 14. NOVEMBER 2013
FEUILLETON
Die Drama Queens vom Silicon Valley
Die Gewinne stehen noch aus, die Kämpfe unter den Gründern begannen dafür früh: Nick Bilton schreibt die Geschichte des Nachrichtendiensts Twitter.
Einer ist immer beleidigt. Einer fühlt sich immer ausgegrenzt und findet, seine Leistungen würden nicht anerkannt, einer zieht sich immer eine Weile zurück und beginnt dann, gegen die anderen zu intrigieren. Wenn es konspirative Treffen in hippen Cafés von San Francisco, Telefongespräche und Meetings auf Parkbänken gibt, dauert es nicht mehr lange, und der eine hat den anderen mal wieder kaltgestellt. So geht das hin und her, über dreihundert Seiten lang, wie eine dieser Vorabendserien, bei denen man auch irgendwann denkt: Okay, ungefähr ab jetzt wird es wirklich unglaubwürdig.

Die Geschichte wäre auch wirklich nur eine amerikanische Telenovela im Silicon-Valley-Milieu und kaum interessant, wenn es sich nicht gerade um Twitter handelte, jenen Kurznachrichtendienst mit mittlerweile einer halben Milliarde Nutzern, der erst jüngst an die Börse ging. Und die ist nun einmal eine „wahre Geschichte von Geld, Macht, Freundschaft und Verrat“, jedenfalls so, wie der „New York Times“-Journalist Nick Bilton sie aufgeschrieben hat.

Die sich ständig gegenseitig kaltstellenden Protagonisten sind die Gründer Evan Williams und Jack Dorsey. Der eine ist ein kühler Kopf mit Entscheidungsproblem, der andere ein passionierter, aber wenig fokussierter Steve-Jobs-Wiedergänger. Weniger eitle, verbissene Figuren, die in der Geschichte ebenfalls eine Rolle spielen, sich aber nicht permanent in den Vordergrund drängen, fallen früher oder später heraus oder werden gar vollständig aus der Gründungslegende getilgt.

Geradezu schmerzhaft minutiös zeichnet Nick Bilton bis in die letzte Verästelung auf, wie ein zunächst kaum beachtetes Seitenprojekt des Podcast-Unternehmens Odeo, damals geleitet von Noah Glass und finanziert von Evan Williams, allmählich an Fahrt aufnahm. Evan erfand das Blogsystem „Blogger“, verkaufte es, besaß plötzlich sehr viel Geld und beschloss, den Gewinn in kleine, aufstrebende Projekte zu investieren. Eines davon war Odeo. Doch als Apple iTunes als Podcast-Plattform etablierte, brach Odeo praktisch über Nacht das Geschäftsmodell weg. So beschloss man, ein internes System, mit dem sich die Mitarbeiter über ihren Verfügbarkeitsstatus auf dem Laufenden hielten, auszubauen.

Besonders Jack Dorsey war Feuer und Flamme für das Projekt und trieb die Entwicklung voran, Evan schoss Kapital zu, und Noah Glass erfand den Namen. Vierter im Bunde war Biz Stone, den Evan noch aus alten „Blogger“-Zeiten kannte und dem er vertraute. Am 21. März 2006 postete Dorsey den ersten Tweet der Geschichte: „Just setting up my twttr.“ Es war schließlich die Zeit, in der Firmennamen gern ohne Vokale auskamen.

Was dann folgt, ist vor allem ein Beleg dafür, dass sich gute Ideen schon irgendwie durchsetzen, auch wenn sie noch so dilettantisch verfolgt werden. Frühe Twitternutzer kennen noch den Fail Whale, jene Wal-Illustration, die anzeigte, dass die Server gerade überlastet waren. Er war das Symbol dafür, dass sowohl Hardware als auch Software viel zu schwach auf der Brust waren, um den bald einsetzenden Ansturm zu bewältigen. Dazu kam der Richtungskrieg in der Vorstandsetage. Für Jack ist Twitter ein Medium, um von sich selbst zu erzählen und dadurch Kontakte zu knüpfen, für Evan hingegen war das, was um einen herum und in der Welt passierte, wichtiger. Dabei macht gerade die Kombination aus beidem den Reiz von Twitter aus.

Bedrohlicher war da schon die Tatsache, dass Twitter ziemlich lange nicht einen Cent Gewinn machte, aber horrende Kosten verursachte und sein Kapital aufzehrte. Ein Problem, das erst in der Ära Evan angegangen wurde. Leider aber hatte Evan die Angewohnheit, vor allem gute Freunde einzustellen, da er glaubte, von ihnen nicht hintergangen zu werden. Es stellte sich heraus, dass er genau damit irrte. Am Ende sitzt er in seinem Büro, wird zum Rücktritt gezwungen und übergibt sich in einen schwarzen Kunststoffmülleimer.

Und dennoch: Im Vergleich mit Google, dem starr hierarchischen, knallhart auf Geschäft ausgerichteten Internetriesen, kommt das chaotische, von Studienabbrechern mittelmäßiger Colleges betriebene Twitter vergleichsweise sympathisch daher. Auch gegen den etwas psychotischen Mark Zuckerberg, der den Nachrichtendienst gern aufgekauft hätte, wirken die Drama Queens von Twitter immer noch erstaunlich normal. Und vor allem ethisch auf der richtigen Seite, denn bei aller Eitelkeit – wirklich geldgierig ist keiner von ihnen.

Diese latent einsamen, aufmerksamkeitsbedürftigen Programmierer sind auf den Erfolg, den sie bald haben, nicht wirklich vorbereitet. Sie lassen sich von Al Gore nach allen Regeln der Kunst abfüllen und erklären der technisch unbedarften Oprah Winfrey, wie man einen Tweet veröffentlicht. Ab und zu kommen Prominente in der Firmenzentrale vorbei. Snoop Dogg kifft in der Cafeteria, und mit dem Eintreffen von Dmitrij Medwedjew bricht die Seite zusammen. Seltsamerweise wird am Ende immer alles irgendwie gut. Twitter ist ein derartiger Selbstläufer, dass die Nutzerzahlen erst wachsen, dann explodieren.

Am Ende ist Jack Dorsey Chef des Verwaltungsrates von Twitter, Evan Williams kümmert sich wie zuvor um die Finanzierung kleinerer Projekte, und Noah Glass, in dessen Twitter-Biographie kurz und kanpp „i started this“ steht, hat seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht. Nun ist Twitter an die Börse. Der Start ist vielversprechend, doch der Konzern schreibt noch immer rote Zahlen. Er wird, um den Erwartungen gerecht werden zu können, erwachsen werden müssen. Das heißt auch: kein Drama mehr. Andrea Diener

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