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Ich mag, man ahnt das, diese linken, selbstüberheblichen Besserwisser a la Leggewie und Welzer nicht. Mir ist das alles zu schemantisch und nachkriegsdeutsch. Muss aber immer, fast zwanghaft die „smarte Diktatur“ weiterlesen. Einmal, weil Welzer sehr viel liest und verarbeitet, es stecken also jede Menge neue Informationen und Blickwinkel drin. Zum anderen, weil die Sichtweise (ich meine, es ist auch eine Sichtweise mit einem latenten menschenverachtende Hass, der sich als Gutmenschentum tarnt), extrem unsoziologisch ist. 

Es geht ungefähr so: 

Der Kapitalismus hatte mal eine schöne Phase, das war die Zeit nach 45, besser noch, die Zeit nach 68. Da war das Versprechen des gebändigten Kapitalismus ziemlich real. Die Gleichheit unter den Deutschen ziemlich hoch. Zwergendeutschland, links ausgeträumt. 

Jetzt dagegen herrscht Turbokapitalismus. Bin gerade an der Stelle mit den Samwer Brüdern. Nun sind die Samwer Brüder zwar die größten deutschen Internetzocker, aber als solche bilden sie sozusagen nur den phantasielosen Teil des Internethype ab. Da ist Amazon schon anders, Google auch.

Es muss aber bei Welzer immer so ODER so sein. Ich denke mir, lass uns die Szenarien doch mal zu Ende denken und zu Ende wachsen, etwas spielerischer. Wenn ich durch Berlin laufe mit seinen Pracht Backsteinbauten aus der Gründerzeit, denke ich mir oft, Mensch, die konnten bauen, Kathetralen des Fortschritts. Haben die sich Gedanken gemacht, ob das Kathetralen des Fortschritts werden? Nein, die haben einfach gemacht. 

Wir waren letzthin im Mitte Museum, hier in Berlin, das ist in ner alten Schule in Wedding (oder ist das Moabit, weiß ich nie so). Das Museum ist gerade geschlossen. Wenn man sich da aber klar macht, dass in jedem dritten Haus unten eine Kneipe war, dass also die Arbeiter dort, die gleich hinter Borsig und anderen wohnten, ständig im Elend und besoffen waren, ihre Frauen geprügelt haben, nicht alle, aber kathetralenmäßig war das nicht, dann ahnt man, dass der Fortschritt immer zwei Seiten hat. 

Was mich an der aktuellen Linken (und dazu gehören auch weite Teile der Grünen, das sage ich, der ich auch Grüner bin) wirklich annervt, ist dieser Wunsch nach Bereinigung des Sichtfeldes. 

Wer seinen Marx gut gelesen hat, weiß, dass disruptive Innovation nie freundlich war. Früher war das Elend nur ausgelagert, in der europäischen Tradition ganz weit weg, in den Kolonien (und wir bluten ja jetzt gerade für die Dummheit der kolonialen Aufteilung Afrikas und die Unkosten der Gier nach Öl) und weit weg, die USA ist ja so ein Mix der Realitäten, in denen sich die Outlaws Europas ihr Paradies geschaffen haben. Auch da wächst was, das eine mit dem Silicon Valley, das bei allen Vorsicht-Rufen doch was faszinierendes hat. Und auf der anderen Seite die Dupfbacke Trump. Da fragt man sich, ist Trump oder Putin besser (ich weiss, das ist jetzt nicht korrekt). Und zwischendrin ein Obama, bei dem ich mir immer wünsche, auch mal so einen smarten Präsidenten zu haben. Auch wenn er in der aktuellen Kurzatmigkeit als der Loser der Nation da steht. (Um das Fass voll zu machen, Hillary Clinton? Ist eigenlich auch keine wirkliche Alternative, da kan man gleich den Goldman Sachs Vorstand zum Präsidenten machen). 

Was ich mir wünsche: Weniger Aufgeregtheit. Und den Mut, gerade der grünen Linken, mal mit den „Wünsch Dir was“-Banalitäten aufzuräumen. Hinter der Hand erzählen alle Grünen, die an der Regierung waren, wie sehr sie dieser ewige Bürgerbegehrens-Nerv annervt. Politik wird ängstlich dadurch. Das kann man wollen, weil Politik sonst große Pläne macht. Und die gehen ganz oft daneben. Wenn man aber selber gerade den ganz großen Umbau der Welt plant, Stichwort Tranformation, wird das ewige Volksbegehrensgemache ganz schwierig. Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück. 

Was ich mir von einer Intellektuellenpartei wünsche, ist, mehr Phantasie, mehr Gelassenheit. Wer meint, Politik kann Gerechtigtkeit herstellen, der kann doch SPD oder Linke wählen. Wer aber meint, es gehe darum, den Laden zusammenzuhalten, Ökologie, Ökonomie und Zusammenhalt und mehr gloalen Ausgleich gegeneinander abzuwägen, der solle Grüne wählen. 

Mein Wunsch. In Baden-Württemberg gibt es zaghafte Versuche, das so zu machen. In Berlin und im Bund haben sie davon ganz wenig begriffen. Es fehlt die Neugier, es fehlt die Lust an Debatten, es fehlt die Lust, auch mal das Falsche zu sagen. 

Es ist zu viel grünes WEITER SO!

P.S. Gegengift zu Leggewie und Welzer: Paul Mason, Postkapitalismus. Der schreibt sich was zusammen, dass sich der Kapitalismus selber abschafft. Wie, das zu erfahren, kostet 22.90 als eBook. Ich bin gespannt. Paul Mason kommt von der Insel. Die spinnen, die Briten.  

Claus Leggewie hat wieder mal über Sozialdemokraten nachgedacht und niedergeschrieben, woran die SPD krankt. 
Ein Kernsatz: 
Sozialdemokraten müssen Antworten finden, wie wir dann in Europa leben wollen und wie die Welt gerechter werden kann. Die Grundregel sollte sein, dass wir Kindern und Kindeskindern mindestens die gleichen Ressourcen bieten, über die wir Heutigen verfügen. Und wer ganz auf die Fantasie und Innovation der Künftigen setzt, muss ihnen die dafür notwendigen Infrastrukturen zur Verfügung stellen.“ 
Politsprech und Traumtänzertum. Gerade die linken Intellektuellen sind, meine ich, tief im Deutschen Idealismus verhaftet. Es gibt ein Ziel, gerechte Gesellschaft, dieses Ziel ist in Zeichen der Ressourcenknappheit gedoppelt: Gerechte Ursprungsgesellschaft und  gerechte Weltgesellschaft. Davon leitet man dann alle politischen Konzepte ab.
Und schafft nur Illusionen. Das Problem ist doch die Überhöhung der Politik. Da ist eine mäandernde Angela Merkel, die am Montag vom linken „Denkvollstrecker“ Streeck sehr witzig (aber folgenlos) erlegt worden ist, schon besser. Wenigsten entspannt lachen. 
Bei Leggewie ist aber schon wieder alles von so viel Teflonklugheit durchsetzt. 
Was nicht hilft, ist dieses selbstreferentielle Linksintellektuellentum, die denkt, die Welt wäre eine Scheibe, pardon, die Welt ist stabil und könnte, würde man bloß ein bißchen umverteilen, gerecht sein. 
Weit gefehlt. Wir sind eine Welt im Umbruch. Der Westen, über Jahrhunderte unangefochtener Machthaber, verliert. Relativ. Jedenfalls muss er sich der Tatsache stellen (Linke aufgepasst), dass global mehr Reichtum und mehr Gerechtigkeit entsteht, regional aber mehr Schieflagen. 
Das ist die Ausgangslage. Wo es endet, weiß niemand. Also geht es doch darum, das Ganze (sprich die globale Situation) im Auge zu behalten, darauf zu achten, dass unsere Ökonomie leistungs- und wettbewerbsfähig  und der Zusammenhalt erhalten bleibt. Gerechtigkeit ist zwar ein schöner, aber nicht erreichbarer Begriff.
Mehr ist nicht!
Wenn wir nicht postkapitalistische Sozialismusträume hegen (weil die Checks und Ballances immer noch das wichtigste Argument pro Demokratie und Kapitalismus ist), dann bildet das den Korridor politischer Alternativen. 
Welcher Partei, welcher Person gelingt es, mit welcher Zauberformel mehr Menschen auf und für diesen Weg zu binden. Das ist die herausfordernde Frage für alle Parteien, die nicht nur an die Macht wollen, sondern auch im Interesse der BürgerInnnen des Staatswesens regieren wollen. 
Auch das ist nicht so schwer zu verstehen. 
Die Antwort darauf kann aber nur von Menschen kommen, die das System Partei beherrschen und Bindungskraft nach außen beweisen. Womit sie Bindungskraft beweisen, das ist ein Prozess von Try and Error. 
Wissenschaft nutzt da nichts. Lehrstuhlerkenntnisse auch nicht. 
Dicke Bretter bohren bleibt mühsam. Und sie an der richtigen Stelle zu bohren und gleichzeitig darüber mit den richtigen Begriffen zu reden, warum hier und nicht dort, das ist brutal und ganz schön anspruchvoll. Wissenschaft ist das nicht!
Let’s try it again!
Der Leggewie: 
https://www.evernote.com/shard/s39/sh/6bdd0e97-6a42-4d57-9d70-f48301dbd35b/be91de87037ccab49f84340d06f29dd0 
Der Streeck über Merkels neue Kleider: 
https://www.evernote.com/shard/s39/sh/d9571568-d603-4070-892c-ce113ca54f61/b585b7cd0204f6fa043275d1b2798b60
Der Koalitionsvertrag von Grün und Schwarz in Baden-Württemberg liegt auf dem Tisch. Was ich als gut dabei betrachte: Das Ende rotgrüner Projektitis. Die hat dazu geführt, dass sich Rote und Grüne in seltsamer Einigkeit aus der unschönen Realität weggebeamt und sich in eine schöne gerechte Politikkonzeptwelt hineingezappt haben. 

Grünschwarz führt jetzt dazu, dass beide Seiten ihre schlechten Seiten entsorgen müssen: Die Grünen ihrer papierene konzeptionelle Überheblichkeit (wiewohl die in Baden-Württemberg nie so ausgeprägt war) und die CDU ihre Denkfaulheit.

Gut so! 

Jetzt werden nicht nur die Bürgerinnen und Bürger (die hatten das bereits vorher gespannt), sondern auch die großen Politikstrategen mal ihre grünen Tische abräumen können und die Lauscher nach außen aufstellen:

Was treibt die Bürgerinnen und Bürger um? Warum vertrauen mehr und mehr Menschen der AfD? Warum kann eine heilsversprechende SPD (ich blicke jetzt auf Bundesebene), die vereinbartes 1:1 umsetzt, trotzdem nicht reussieren?

Wirklich alles nur Gabriel?

Nein! 

Wenn zwischen Winfried Kretschmann und Angela Merkel so viel Einigkeit herrscht und zwischen Jürgen Trittin und Andrea Nahles so wenig Gesprächsstoff existiert, dann doch, weil die Ersteren Zukunft und die letzteren Vergangheit sind. 

Es gibt keinen Zauberstab für die Politik, keine ideologischen Beschwörungsformeln mehr, mit denen sich der Lauf der Welt aufhalten lässt. 

Die deutschen Parteien haben, und das ist nicht unbedingt negativ, einen hohen inneren Konsens. Wir meinen das mit der Demokratie, nachdem wir sie endlich entdeckt haben, ernst. Wir respektieren den Gegenüber, niemand hier bezweifelt die Errungenschaften der Moderne. 

Allerdings: Niemand will darüber reden, dass Globalisierung zwar in anderen Ländern zu weniger Armut führt. Aber bei uns zu mehr Verwerfungen. 

Niemand will darüber reden, dass ein gemeinsames Europa nicht bedeuten kann, noch mehr Umverteilung auf höherer Ebene. Und noch weniger Verantwortung. 

Die AfD ist eine komische Mischung an Selbstbeschwörung und Nüchternheit. Ob es den Parteien von CSU bis Linke, so schnell wird man Altpartei, passt oder nicht, die AfD findet Zustimmung. 

Nicht, weil sie ein besseres Programm hat. Sondern, weil sie Globalisierungsverlierern und Globalisierungsverdrossenen Sicherheit verspricht. 

Meine Hoffnung: 

CDU und Grüne können jetzt eine Haltung entwickeln, die dem entspricht, was im Koalitionsvertrag steht: „Unsere Stärke ist, Bewährtes zu erhalten, und mutig neue Wege zu gehen.“ Das ist der Rahmen, den es zu füllen gilt. 

Wir sind gespannt! Die Grünen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wenn sie verstehen, dass man von der Mitte aus Politik aus der Perspektive der Mitte, aber in Verantwortung für das Ganze machen muss, dann wird’s was. 

Die Leitidee: Chance, we can trust in!

Niklas Maak hat in der heutigen FAS alles gesagt. Warum gibt es in den Medien eigentlich keinen handfesten Streit über diesen Unsinn. Geld zum Fenster rauswerfen und das Ganze noch als Innovation verkaufen. Das Tröge, Pseudoplanerische in der Politik, das unserer Gesellschaft abgewöhnt, wahrzunehmen, zu denken und eins und eins zusamen zu zählen. 

Warum soll ich ein Produkt kaufen das das wesentliche Versprechen eines Autos nicht halten kann: Unabhängigkeit, Mobilität. Hilft auch ncihts, das dann billiger zu machen, meine ich…

Hier der Beitrag von Maak, der alles auf den Punkt bringt.
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Das Bundesministerium für Gesundheit hat eine Studie bestellt und erhalten: Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA);  Albrecht, U.-V. (Hrsg.), Medizinische Hochschule Hannover, 2016. urn:nbn:de:gbv:084-16040811153. http://www.digibib.tu-bs.de/?docid=00060000
Das Problem: Die über 100.000 € teure Studie dokumentiert den desolaten Zustand deutscher eHealth-Forschung. Es wird im Weiteren noch darüber zu reden sein. Zu welchen Aussagen sich die Studie versteigt, lässt sich an einem einzigen Kapitel dokumentieren, dem Teil 8.1.1. „Die vertrauenswürdige App erkennen“.

Es geht also um Ratschläge, die die „Digital Health-Experten“ Laien geben, bevor sie sich in die Hände digitaler Medien begeben.

Ich zitiere: Weiterlesen »

Manchmal kommt einem das deutsche Gesundheitswesen wie eine Art Schrottplatz vor. Alle lungern rum, um noch was ausschlachten zu können.

Resteverwertung statt Neubeginn.

Jetzt war wieder einer erfolgreich. Für über 100.000 € (Literaturhinweis siehe unten, Kosten sind politisch korrekt ausgewiesen) hat eine Wissenschaftlergruppe der Universitäten Hannover und Braunschweig unter der Leitung von Urs-Vito Albrecht auf 200 Seiten „Gefahr, Gefahr“ gerufen. 

Gefährden nicht evaluierte Gesundheits-Apps tatsächlich die Gesundheit?

Nicht evaluierte Gesundheits-Apps, so ihre Botschaft, bedrohen die deutschen Volksgesundheit. 

Jetzt droht eine wegelagernde Evaluationsindustrie deutschen Gesundheitsstartups den Garaus zu machen: Totgeforscht, bevor sie zum Leben erwachten.

Was kommt als nächstes? Vielleicht ein verpflichtender Warnhinweis „Gesundheitsapps schaden ihrer Gesundheit“? Das wäre doch ein Geschäftsmodell für den VZBV, der sich das Geld dafür vom Gesundheitsministerium oder dem Verbraucherministerium besorgen könnte!

Warum ich so wütend bin? 

Im deutschen Gesundheitswesen ist der Depp, wer sich als erster bewegt. Alle anderen schauen in Ruhe zu, überlegen sich, worin irgendwann ein Risiko bestehen könnte, akquirieren öffentliches Geld, und feuern aus ihren sicheren und öffentlich finanzierten Stellungen, was das Zeug hält.

Die sichere Seite ist die gute Seite! 

Risikoaverse Wissenschaft

Prof. Gerd Gigerenzer, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, nennt das „risikoaverse Wissenschaft“. 

Und ich: 

Muss Abbitte bei Alexander Schachinger leisten. Hatte er am 5.April bei einer HEALTH 2.0-Veranstaltung unter dem Titel „Should Digital Health Startups leave Germany“ noch die Meinung vertreten, „Yes, they should“, (ich widersprach hoffnungsfroh), so kann ich im jetzt nur noch beipflichten: Verlasst das Digitale Entwicklungsland Deutschland! Hannoveraner Wissenschaftler können sich nicht irren!

Deutschlands risikoaverse Evaluationsindustrielle und die deutsche Gesundheitsselbstverwaltung gefährden ihre Gesundheit

P.S. Könnte mal jemand EVALUIEREN, welcher Schaden durch das risikoaverse, doppeluntersuchungsgeplagte und papierfixierte deutsche Gesundheitswesen entsteht? Handfeste Beweise für alltagsevidente Tatsachen! Oder durch institutionelle Bremser? Könnte man da mal einen WARNHINWEIS anbringen? **Deutschlands Evaluationsindustrielle und die deutsche Gesundheitsselbstverwaltung gefährden ihre Gesundheit**. Durch mangelndes Engagement. Durch fehlende Bereitschaft, sich zu bewegen. Durch Mangel an Haltung, besser zu werden. 

Gut, dass es andere Länder gibt! Take over Germany!

P.S.S. Morgen ein bißchen differenzierter. Aber das musste jetzt mal raus! Gesundheitswutbürgertum. 

Literaturhinweis:

Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA); engl. Chances and Risks of Mobile Health Apps (CHARISMHA), Albrecht, U.-V. (Hrsg.), Medizinische Hochschule Hannover, 2016. urn:nbn:de:gbv:084-16040811153. http://www.digibib.tu-bs.de/?docid=00060000

Die Studie wurde sowohl im Spiegel 17/2016 als auch in der Berliner Zeitung vom 26.4. mit dem besagten ALARM!ALARM Tenor besprochen!

In seiner aktuellen Ausgabe hat der Spiegel eine bitterzynische Abrechnung mit den Grünen geschrieben. Jan Friedmann, Annett Meiritz, Ruben Rehage, Britta Stuff haben zugeschlagen. Ihre Botschaft: Früher radikal, sind die Grünen inzwischen Establishment geworden. Alles, was wehtut, beispielsweise höhere Erbschaftssteuern, wird vermieden. Radikale Forderungen werden vermieden, auch der letzte Edellinke Jürgen Trittin, als einziger linker Grüner noch intellektuell satisfaktionsfähig, flüchte sich, wie der Realo-Flügel der Grünen, in wolkige Haltungsfragen.   Sowohl in Kreuzberg, wie auch in Baden-Württemberg wären die Grünen eine Weiter-So Partei geworden. Nur eben, ganz Wählerwille, mal Retrovariante, Alt-68, mal Hannah Ahrendt garnierte Wirtschaftspartei. 

Soweit, könnte man sagen, so wahr. Aber hat der Spiegel recht? Oder ist der Analytiker der grünen Luxusmisere, eben dieser Spiegel, nicht auch Teil des Problems? 

Seiten: 1 2

Am Ende, so mein Eindruck, siegt wieder die Selbstbezüglichkeit der Politik. Exzellenzunis werden von Politikern ausgewählt. Und wenn jetzt, wie die gemeinsame Wissenschaftskonferenz beschlossen hat, acht bis zehn Unis dauerhaft mehr Geld erhalten, hat es sich für sie gelohnt. 

Ob es sich für die Forschungsförderung gelohnt hat, steht auf einem anderen Stern. 
Amerikanische Eliteuniversitäten sind auch deswegen besser, weil sie ihren Startvorsprung ausbauen konnten und in sich in ihrer Struktur verändern konnten. 
Können das Deutsche Hochschulen wirklich? Oder ist das Korsett aus Gruppenuniversität, Akademischer Eitelkeit und Selbstblockade, zu starr, um bessere Leistungen herzustellen? 
Die Entscheidungslogik ist wie immer: Erst müssen alle föderalen Kräfte am Tisch (oder zumindest über die Hälfte) zufrieden gestellt werden, dann gibt Geld für alle (die Verbundlösungen für kleine Unis). 
Skepsis scheint angebracht, ob es so besser wird. 

Was macht Politik eigentlich? Die Welt verändern? Unterstützer sammeln, um ihren eigenen Blick von der Welt durchzusetzen? Unterstützer hinter irgendeinem Banner sammeln, das sie vor sich hertragen, das aber, wenn gewonnen, doch nicht umgesetzt wird?

Manche sagen, Politik ist Erwartungsmanagement. Aber vielleicht ist es auch nur Enttäuschungsmanagement?

Ein paar Überlegungen. 

Artisten, ratlos……

Die SPD hat es derzeit nicht einfach. Schnellbilanz: Einen Vorsitzenden, der wie im Strassentheater, alle Rollen selbst besetzen will. Arbeiterversteher, Wirtschaftsversteher, Superminister. Alles ich, ich, ich. Hannover, Schröderschule halt. Aber das Problem nur auf den Mann Gabriel zu verdichten, ist falsch. Das macht es noch schwieriger. Denn: Die SPD hat gut regiert, hat gute Minister, hat in den für sie wichtigen Fragen, Sozialpolitik, Arbeitsmarktpolitik, aber auch in Energie-, Umwelt- und Verbraucherpolitik, gute Politik gemacht, hat gute und, bespielsweise, Heiko Maas, auch einen Politiker, der in modernen Themen, digitaler Verbraucherschutz, gut aufgestellt ist. 

Hilft alles nichts. 

Freier Fall. Nicht einmal in der ellenbogenhaft solidarischen SPD greift jemand nach der Position des Vorsitzenden. 

Soviel Ratlosigkeit war niemals. 

Statt Erwartungs- mal mit Enttäuschungsmanagement versuchen? 

Und da kommt das mit dem Enttäuschungsmanagement ins Spiel. Unsere politische Öffentlichkeit leidet ja an einer kollektiven Blickverengung: Ausgegrenzt wird alles, was schwierig ist. Und aufgegriffen (und ins Zentrum gestellt) wird das, was Politik im Hochglanz erscheinen lässt. 

Aber vielleicht haben alle schon verstanden, dass es mit dem politischen Hochglanz in Deutschland heute so ist, wie mit den schönen Fassaden im früheren Osten. Wenn Honnecker in die Provinz kam und eine Stadt besuchte, wurden mal kurzfristig die Fassaden neu angestrichen. In der Hauptstrasse. Bloß nicht nach links und rechts schauen!

Der Unterschied zur DDR: Hier, bei uns, machen alle freiwillig mit. Auch die Journalisten. Warum? Weil man für alles andere nachdenken müsste. Weil für alles andere eine Debattenkultur entstehen müsste. Weil die deutsche politische Öffentlichkeit Lust an einem handfesten intellektuellen Streit vermeidet. Gutmenschenreflektion, alternativlos!

Das hilft auch der Gutmenschenpolitik nicht. 

Politiker, pfeift auf Eure Programme!

Die Politik, gerade die linke, linksgrüne Politik, glaubt, sie müsse eine Politik aus einem Wurf machen. Überzeugende Gesamtkonzepte. Das werkelt sie, zieht innerparteiliche Strippen, macht Bündnisse und und und.

Und dann: Wird alles verabschiedet. Und das Elend beginnt. Weil es nicht ausreicht. 

Ein Beispiel: Der Mindestlohn. Das meines Erachtens richtigste und wichtigste Element einer zukunftsgerichteten Sozialpolitik. Die Hartz-Reformen hatten den Nachteil, dass eine namhafte Anzahl von Menschen in geringfügige Beschäftigung abgedrängt wurde, der Staat sollte die Aufstocker finanzieren. Kann nicht sein. Also ist Rahmensetzung, einer freien Marktwirtschaft, in der sich die Kräfteverhältnisse verschoben haben, einen richtigen Rahmen zu geben. Arbeit soll sich lohnen. Und schrittweise kann der Mindestlohn in diese Richtung gehen. 

Aber anstatt das Bewußtsein über diese Reformen hochzuhalten, rattert die SPD weiter. Das nächste Projekt. Endlich soll die Welt gerecht werden. Gerecht! Drunter geht’s nicht. Bei den Grünen übrigens gibt es die gesteigerte Variante. Gerecht UND Generationengerecht. Sind halt schlauer, meinen sie. 

Stimmt aber auch nicht. 

Die Menschen messen die Politik an ihrer Alltagswirkung. Da spüren sie nur selten was. 

Ich sehe das so: Durch ihre Alltagserfahrung haben inzwischen die allermeisten Menschen die Erfahrung gemacht, dass die Lage schwieriger wird. Sicherheiten nehmen ab, durch die Internationalisierung der Politik nimmt auch die Zuordnenbarkeit politischer Verantwortung ab. Zugleich nimmt die Sichtbarkeit und die Unfriedlichkeit der globalen Auseinandersetzungen zu. 

Unterm Strich wird nichts besser. Es wird vielleicht einfach wenigstens nicht schlechter (Anmerkung: Das ist das, was wir Deutschen unseren europäischen Nachbarn voraus haben). 

Mit dieser Unsicherheit gehen die Menschen sehr unterschiedlich um. Die einen blenden die Politik aus. Das ist ermutigend. Viele junge Menschen fühlen nach, was sie selber aus ihrem Leben machen möchten, was sie bewegt, wie sie arbeiten möchten. Das machen sie dann. Deswegen gibt es jetzt wieder Enterpreneure, Menschen, die die Dinge selber in die Hand nehmen wollen. Und nicht schon am Anfang ihres Berufslebens aus Furcht vor Unsicherheit dem gesicherten Ende zustreben wollen. Durch Verbeamtung oder in global agierenden Konzernen mit Stillhalteverpflichtung. (Ja, Klischee, Klischee, sorry). 

Die anderen resignieren, fressen den Zorn nach innen, verzweifeln. Heinz Bude weißt darauf hin, dass aus dieser Verzweiflung Wut erwachsen kann. Das ist dann unschön und heißt Pegida. 

So ist das alles in der Welt. Und auf der politischen Bühne? Da drehen die Spitzenkräfte weiter ihre Piroetten, als wäre nichts gewesen. Da hält man eng zusammen, obwohl man doch eigentlich ganz unterschiedlicher Meinung sein sollte. Pseudostrategen reden dann immer vom Markenkern. Den gibts aber längst nicht mehr. Und die Identität einer Partei, die wandelt sich nämlich. Das haben die meisten Strategen aber noch nicht begriffen. 

Was nun, Herr Huss?

Und was meint der Herr Huss nun, was die Lösung ist? 

Abrüsten! Im Moment (und ich sehe nicht, dass es auf absehbare Zeit eine Alternative dazu gäbe) gibt es keine Alternative zum globalisierten Kapitalismus. Es ist im Moment wie mit einem Schiff im Sturm auf hoher See. Man kann sich unterschiedlich verhalten, man muss auf seine Instinkte vertrauen, weil man nichts sieht, aber man sollte unter Deck nicht erzählen, dass man den Kurs hält. 

Sonst werden die Menschen von der nächsten Welle ganz unvorbereitet gegen die Bordwand geschleudert. 

Im Sturmszenario verhält sich Angela Merkel wie John Franklin, der Held in „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Sie macht, was zu tun ist, sie macht das nicht hekisch sondern langsam, sie beunruhigt die Menschen nicht durch zu vieles (und wechselhaftes) Reden. Sie macht, sie hat Erfolg. Und deshalb vertraut man ihr.  

So entsteht Vertrauen. Das gilt aber nur hinsichtlich der Bürger, also der Passagiere. Die Besatzung aber, die streitet und macht und gärt, ist unruhig (Sprung: Das ist jetzt das SPD-Bild). Oder, jetzt sind wir wieder bei der CDU, die fällt auseinander in die, die loyal zur Chefin sind, also gute 2. Reihe Mitarbeiter (Wo wir in diesem Bild Schäuble hintun, blenden wir aus). Oder sie träumen, der Scheinwerfer richtet sich jetzt auf Baden-Württembergs Kurzzeitfrontmann Wolf (den Namen wird man sich nicht merken müssen), von der alten Idylle. 

Disruptive Zerstörung, auch hier!

Die Konsequenz des hier gesagten ist simpel zu erkennen, aber schwer zu tun: Das Selbstverständnis der Parteien erschüttern, das Vollstrecker-Bild der Partei zerschmettern. Sie kann nämlich gar nicht mehr vollstrecken (oder nur punktuell), sondern Richtungen stellen, Wahrnehmung prägen (aber nur, wenn sie die Wahrnehmung der Außenwelt zur Kenntnis nimmt). Sie kann sich darauf konzentrieren, die richtigen Signale und Bilder zu setzen und in Konflikten und Krisen das Notwendige tun. Jetzt haben alle, dem famosen Wahlsieg des Winfried Kretschmanns sei es gedankt, die Haltung wieder entdeckt. Schön, schön, die kann man aber nicht immitieren. Haltung muss man haben, weil die sich erste in einem Konfliktfall zeigt. Und jeder Konflikt, deswegen vermeiden Politiker solche, jeder Konflikt beinhaltet persönliche Risiken. 

Ball flach halten, Zuversicht ausstrahlen (Das Schiff ist robust, die Ausbildung war gut, die Mannnschaft ist auch einigermaßen ausgeruht) und weiter machen. Und die Passagiere darauf vorbereiten, dass es so bleiben wird. 

So einfach ist es. Aber dazu müsste man mutig genug sein, sich zu seinen Werten zu bekennen und manche operative Festlegung über Bord zu werfen. 

Und dann beobachten, was entsteht

Und manche Frage kann man noch nicht beantworten. Z.B. die Frage, dass es doch gar keine Wahl mehr gibt zwischen all den Parteien, die alle dasselbe sagen. 

Das stimmt schon irgendwie. Aber wenn einem nix anderes einfällt (also, nix anderes, was auch draußen verfängt), dann muss man einfach akzeptieren, dass das so ist. 

Mal sehen, was die Zukunft bringt. Wir machen jetzt mal weiter. Ist ja schon Herausforderung genug. So, die Richtung. 

Ach ja, dann gibt es nochwas: Als Partei, also Mannschaft, die das Ganze zu steuern meint, tue ich gut daran, auch mal unter den Passagieren umzuhören, ob es gute Ideen gibt. Parteibuch ist ja keine Lizenz zum Wissen. Diffusion der Parteienbinnenkultur, um schneller was Neues zu erkennen. Und dann aufgreifen zu können. Neudeutsch, Netzwerkkultur. Aber anders, als die Jungkarrieristen meinen, bedeutet Netzwerk eben nicht innerparteiliches Netzwerk, sondern nach außen netzwerken.  

Schönen Gruß an SPD und Grüne!

P.S. Übrigens heisst ds auch, das scheinbar Unpolitische ist das Politische. Warum? Und was das für Konsequenzen hat: Ein anderes Mal!

Habe mich lange gewundert, warum mir kein guter Grund für meine intuitive Einschätzung eingefallen ist, dass rotrotgrün ganz schlecht wäre. Die rotrote Zeit in Berlin war für Berlin jedenfalls besser als Rotschwarz. Und wenn ich nach BaWü sehe, nein, lieben muss man weder den Ziegen-Wolf, noch den Sonnenbank-Schäubleschwiegersohn. 

Trotzdem ist Grünschwarz richtiger als alles andere. 

Seiten: 1 2

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